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Der israelitische Lehrer · 1866-07-12 · 28 (12.7.1866) · p. Seite 117

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
6 (1866)
Issue
28 (12.7.1866)
Date
1866-07-12
Page
Seite 117 (sequence 3)
Language
German
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I — 117 — keine Stelle gebührt: „Zuviel schadet nichts, man trägt nicht schwer daran I" Dieser Satz, wo er Geltung hat, macht dem denkenden Lehrer viel zu schaffen. Er entwürdigt die Menschennatur, und macht sie zum Packesel, der trägt ohne zu wiffen was, und mit Sehnsucht-auf das Abwerfen — als Erleichterung — wartet. Mö^e bald ein Zeitpunkt kommen, wo man es versteht, in der Schule, und besonders in der iSr. Religionsschule, etwas homöopathisch zu Werke zu gehen. Möglichst viel Qualität in möglichst kleiner Quantität. Wir rekapituliren. Der Unterricht sei gründlich, lückenlos, doch weise beschränkt im Stoffe. Alles, was in der Schule vorkömmt, sei angemessen dem Standpunkte des Schülers und seiner Faffungsgabe, entsprechend dem gegenwärtigen Standpunkte der Kultur, behaltenswerth für die ganze Lebenszeit; „köstlicher Inhalt in ansprechender Form." | Wochenbericht. Odernheim. Schulprogramme. (Fonsetzung statt Schluß.) Wir kommen zu einem dritten Programme. Es ist dies die .Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der » Unterrichtsanstalt der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M," der als Einleitung vorauszehen: „Einige Andeutungen über den hebräischen Unterricht als allgemeines BildungSelemcnt in unserer Schule vom Rektor der Anstalt Rabbiner vr. S. R. Hirsch." Gerade diese Arbeit schien uns von großem Werthe und hoher Bedeutung für die isr. Schule; und wir baden die Schrift mit großem Interesse gelesen, sie enthält viel Bedtutendes, Schöne-, Werthvolles in der bekannten symbolisirenden Art des Verfassers, die jedenfalls für die denkenden Leser ohne Unterschied der religiösen Parteifärbunz weit böhere Anziehungskraft hat, alS die hohlen Phrasen und scandalöscn Schimpfereien seiner Parteigenossen. Der Herr Verfasser hat recht anziehend von der Bedeutung dejüdischen Schriftthums für das jüdische Bolksthum gesprochen und gezeigt, daß unser nationales Bewußtsein als Genossen unseres Vaterlandes durch Pflege deS jüdischen Schristthums nicht geschwächt werde. Indem er eine Parallelle zieht zwischen dem Deutschen in Amerika und dem Juden, sagt er: „Wollt Ihr also als amerikanische Bürger und für das amerikanische Bürgirthum euer Deutschthum bewahren, so bewahret euch und euren Kindern die deutsche Sprache und die Vertrautheit mit dem deutschen Schristthum! Nur in der deutschen Sprache vererben sich Gedanken und Gefühle, nur in deutscher Sprache vererben sich deutsche Gedanken und deutsche Gefühle, und nur in dem eigenen, frischen, durch keine Uebertragung" geknickten Worte, in welches ein »seist seine Gedanken gekleidet, in welchem ein Her; seine Gefühle binausgesungen, entzündet sich Geist am G elfte, erwärmt sich am Herzen das Herz. — So würden wir zu unfern deutschen Brüdern in Amerika sprechen, und hätten eben damit der Rothwendiakeit das Wort geredet, warum jüdische Bürger im deutschen Vaterlande, bei der reinsten Begeisterung, bei der freudigsten Hingebung für alle vaterländischen Interessen, ja im Vollbewußtsein des Bandes, daS sie als ächte Söhne mit Begeisterung und Hingebung an die Förderung aller geistigen und sittlichen Größe des Vaterlandes knüpft,'sich verpflichtet halten dürfen,*) ihre Kinder die Sprache des jüdischen Swristthums zu lehren und sie an der Hand dieses Zauberschlüssels zu den Schätzen der jüdischen Nätional-Literatur zu führen. *) Nur dürfen? Warum nuht: müssen? (Red.« " _ Der Herr Verfasser weißt nun noch nach — waS wir in diesen v Blätter schon manchmal mit Nachdruck hervorzuheben Gelegenheit hatten, daß das „Lernen" die Aufgabe einejeden Juden war, und daß gerade durch diese allgemeine Theilnahme am jüdischen Volks- und Schriftthum, die eine eigentliche Gelehrtenkaste nicht auikommen ließ, die Bildung eine allgemeine, volkSthümltche war und das jüdische-Volk m>t Recht „Studentenvolk" genannt wurde; daß dieseallgemeine Streben nach höherer Erkenntniß ein Beweis ist gegen die Behauptung, als fei da- Denken de- Juden nur dem materiellen Gewinnste zuaewandt. WaS nun der Herr Verfaffer über die hebräische Sprache und ihre Etymologie sagt, ist zuweilen witzig, wie z. B. „Es ist ihr Sn* die leise Bewegung, Lsas» das rascde -Roß, Sana« die freudigste innere Bewegung und Zu* da» Hervorbrechen der Blüthe." Zum Theil sind diese etymologischen Finesse« sehr gesucht, wie: „Es ist ihr Ofan das um sich selbst sich bewegende Rad, Ewen der in sich selbst geschlossene Stein und Awan die nur um sich selbst sich bewegende Selbstsucht. Ihr ist Awal der Zweifel und daher Ewil der skeptische Thor Abaldas Aber und die Trauer (— das „Aber" ist die logische Trauer und die Trauer ist das „Aber" des Gemüths —) und Ofel das Dunkel. Sie bezeichnet mit den in fortschreitenden Lautstufen sich bewegenden Alat, Halal, Aiai, Chaint *) die vier fortschreitenden Stufen alles psychologischen Werdens. Das n-girende sürSich sein, die vom Mittelpunkt ausstrahlende Kreisbildung, die Entwicklung, den Anfang. Und indem sie mit demselben Worte Chalai auch die physische und sittliche Vernichtung, Tödten und Entweihen, wie den Anfang bezeichnet, so gewährt sie die tröstende Wahrheit, daß cs im Phystschen und Sittlichen keine absolute Vernichlung gebe, sondern nur ein Zurückwerfen einer bere't» erlangten Vollendungswcise in den wieder zu beginnenden Anfaug u. s. w. u. s. w. u. s. w " Es gehört viele Selbsttäuschung dazu, zu glauben, daß diese etymologrschen Einfälle — denn als etwas Anderes können wir sie nicht bezeichnen — von pädagogischer, erziehlicher oder unterrichtlickcr Bedeutung, von Bedeutung für die Schule sein könnten Wir müß:en uns in der Natur der Kinder überhaupt täuschen, und als Anfänger, als Stümper in psychologischer Beziehung erklären, wenn man uns beweisen würde, daß bei einigermaffen harmonischer Förderung in der Gesammtentwicklung, dre Kinder der Volksschule, seis auch m der Schule der Religionsgesellschaft zu Frarckfurl, Sinn und Zeit und Reise hätten für derartige gewagte Spielereien. Das mag Interesse haben für -Gelehrte und Sprachforscher, und es ist sicher nicht ohne hohe Bedeutung für die Sprachgeschichte, solchen Untersuchungen nachzugeben — aber für die Schule liegt die Bedeutung des hebräischen Sprachunterrichts «an; anderswo. Wir wollen nicht näher untersuchen, ob solche Etymologie, die jedenfalls eine Entwicklung der hebräischen Sprache vorausseht, mit der religiösen Anschauung des Herrn Verfassers' stimmt. Ist nicht V1P7I rein göttlichen Ursprungs, die Thora schon vor D'riyn rwo dagewesen? Wie 'räumen sich also solche Erklärungen mit der traditionellen Auffassung? Das stimmt schlecht mit der Voraussetzung des Herrn Verfassers: „Etymologie ist im Hebräischen kein mehr oder minder geistreiches Tasten und Rathen in dir Nähe und Ferne. Etvmologie ist im Hebräischen das ernsteste und belehrendste Ablauschen der in seinen Sprachgedanken niederg'legten Welt- und Lebensanschauungen." — Die von unS aufgeführten Beispiele sind nichts mehr als witzige Einfälle. Wir stimmen ganz ein in das, was der Herr Verfaffer über die Bedeutung der Bibel spricht, und ebenso wollen wir- *1 Das erinnert an den bekarmten Witz deutscher Etymologen: Fuchs ist entstanden aus dem lateinischen Alopex und zwar: alopexj lopex, prx. pix. pox,. pux, Fuchs! —

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