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Der israelitische Lehrer · 1866-07-12 · 28 (12.7.1866) · p. Seite 116

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
6 (1866)
Issue
28 (12.7.1866)
Date
1866-07-12
Page
Seite 116 (sequence 2)
Language
German
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116 ' f man an der Verwirklichung dieser seit bald hundert Jahren von allen Pädagogen wiederholten Anforderung wohl noch seUeu gedacht. Unsere Religionslehrbücher sind „wissenschaftlich". Auf unfern Lehrplanen figurirte se.tdem, wo überhaupt eigentlicher Religionsunterricht gegeben wird, „systematischer Religionsunterricht". Systematisch und anschaulich (elementarisch) sind heterogene Begriffe. Der Gelehrte denkt systematisch; das Kind muß elementarisch unterrichtet werden. Elementarisch unterrichten heißt anschaulich unterrichten, folglich u. s. w. Das System fängt mit einem Allgemeinen, der Regel dem Principe an und schreitet zum Besonder» Abgeleiteten fort.*) Der Elementarunterricht fängt mildem Einzelnen, Concreten, Anschaulichen an und endet mit Jenem. Die Wurzel aller Erkenntniß ist die Empsindung, das Gefühl, oder, wenn man will, das Gemüth. Im Gefühl trennt sich der Mensch noch nichi vom Gegenstände, Fühlendes und Gefühltes, Subjekt und Objekt sind noch eins. Der Lehrer lmkt den Schüler auf den Gegenstand hin, daß er ihn anschaue, als außer ihm daseiend beobachte, und dadurch eine Vorstellung gewinne. Er kann nun von sich und dem Gegenstände abstrahiren, neue Vorstellungen bilden, Merkmale — allgemeine und besondere auffaffen, und durch das Wort den Ausdruck für sie finden. Das sind dann lebendige Vorstellungen, die, wenn sie wachsen, Begriffe werden können. Anschaulich.' Anschaulich! Es soll stets unser — des Lehrers Augenmerk sein. Darum zum Schluß der Rath: Der Lehrer trachte darnach, daß seine (eigenen) Begriffe nicht hohl seien, sondern auf Anschauungen, lebendige Vorstellungen basiren. Es ist -eine Kärdinaltugend des Lehrers, anschaulich zu denken und — anschaulich zu unterrichten; Pestalozzi! ’ Griendlichkeit des Unterrichts. Es. ist eine ernste Forderung an den Lehrer, beim Unterrichte gründlich M verfahren.^ Seichte, un rundliche und 'flache Anschauungen und Begriffe widerstreiten der Wahrheit und leiten zu Jrrthümern. Sie sind das Gegentheil der Gründlichkeit. Wo immer das Vorhergehende nicht festes und sicheres Eigenthum des Kindes geworden, gleichsam zu Fleisch und Blut übergegangen, da wird das Nachfolgende auf hohler Unterlage ruhen. Darum muß überall das Elementarische gründlich durchgenommen, und so lange geübt werden, bis es dem unteren Gedankenlaufe übergeben ist; was Berstandessache ist. Muß ganz und richtig verstanden werden, was Gedächtnißsache rst, muß fest und sicher im Gedächtnisse haften. Dann nur wird der Bau ein solider, wenn der Grund Güte und Festigkeit besitzt. Das gilt für den ganzen Unterricht, und es läßt sich hier der Spruch der Weisen anwendenjOtr nmnD ruisa ajn 31a. ' Der Unterricht soll lückenlos sein; er ist dies nur, wenn er gründlich ist. Wohl läßt die Erziehung des Menschen im Ganzen und Großen Lücken, die nur die Zeit auszufühlen vermag, durch unser Aller Lehrmeisterin, die Erfahrung. Allein der Unterricht im Elementarischen, in den Gegenständen der Volksschule, darf keine Lücken lassen, wenn nicht Zerfahrenheit - und Verwirrung bei den einfachsten Denksunktionen die bittere Folge sein soll. Dieser Grundes Daher beginnen unsere Religionsbücher: Was ist Religion, was enthält sie, wie wird eingetheilt rc. satz der Lückenlosigkeit beruht jedoch nicht auf dem Gegenstände, sondern auf dem Individuum. Derjenige Unterricht ist lückenlos, der das Kind befähigt, jede weitere Stufe des Unterrichts mit derjenigen Freiheit, mit derjenigen Einsicht in die Sache zu betreten, die dem Gesammtunterricht entsprechen. Was für ein Kind lückenlos ist, das ist für das Andere lückenvoll. Darum sagen wir: der Grundsatz der Lückenlosigkeit ist ein auf das Subjekt gehender Grundsatz. Daraus erhellt, daß man die Gründlichkeit nicht un Unterrichtsobfekte, sondern im Subjekte suchen muß, und daß es daher eine falsche Gründlichkeit gibt: diejenige, wo man Alles und Jedes, was nach wissenschaftlicher Ansicht zur Sache gehört, erschöpfen zu müssen glaubt; also daß man dabei bleibe, bis nichts mehr darüber zu sagen, bis die Sache erschöpft ist. Diese mückenseigende Gründlichkeit artet in Breite und Flachheit aus, und ist das Grab jedes guten Unterrichts. In der Regel kann und soll kein Gegenstand des Ju endunterrichts auf irgend einer Stufe ganz erschöpft werden; vielmehr erfordert die Art und Weise, wie sich der menschliche Geist entwickelt, daß man zu einem und demselben Gegenstände nach gewissen Zwischenräumen zurückkehre, um ihm eine andere Seite des Interesses abzugewinnen. Sobald nun der Schüler die Kraft erlangt hat, die folgenden Stufen mit Selbstständigkeit zu betreten, so fahre man getrost sort, ohne vorerst Alles und Jedes, was man als Lehrer noch am dem Herzen hat, auszukramen. Das ist das wahre Gegentheil der Gründlichkeit, wo an einem Gegenstände, einem und demselben Worte oder Gedanken so large herumgezerrt wird, bis die Kinder vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Die Schule ist weder ein Hörsaal der Philologie, noch der Archäologie rc. rc Dabei kömmt uns ein bedeutsames Wort für den Lehrer und den Unterricht in den Sinn, dem man hier eine Stätte vergönnen möge. Es heißt: „Lehre nicht zu viel!" Zu viel ist ungesund für den Organismus, für den Körper; so auch für den Geist. Es ist dies ein Gedanke, der eine Masse von Erinnerungen aus unserec eigenen Jugendzeit wach ruft. — Was wurde da nicht fürs Vergessen gelernt. Gegenstände, die für das Kind kein Interesse haben, und für den gereiften Mensch noch weniger, da sie langst vergessen sind; andere, die nur für den Gelehrten Werth bekommen; *) vollgepropft mit solchem Ballast, eckelte den Schüler der Unterricht an; die Schule war Zwangsanstalt. Wohl werden manche sagen, mit dem Zuviellernen hatS keine Roth; und doch behaupten wir — alles ist zu viel, was nicht alsbald von dem Kinde selbstthätig und mit Interesse ergriffen werden kann; darnach urtheile man. — Noch ist dieser Grundsatz so wenig zum Durchbruch gekommen, obwohl er beinahe allgemeine Anerkennung hat, daß er nicht als selbstständiges pädagogisches Gesetz aufzutrete« wagt, sondern sich bescheiden unter andern Sätzen birgt Noch hört man zuweilen auch aus den Schulunterricht da» Wort anwenden, dem in der Pädagogik durchaus *) Wie verhält es sich in dieser und jeder andern pädagogischen Beziehung mit den Schuten, wo Kinder von 7—16 Jahren mit Talmud und Poskim traktirt werden? — Es gibt ihrer nur Wenige, aber es gibt! —

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