Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 27 (5.7.1866)
- Date
- 1866-07-05
- Page
- Seite 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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112 1. Die Stufe der Anschauungen, erstes Stadium der! geistigen Entwicklung und der bewußten Schulthätigkeit.! Die Erziehung und der Unterricht benützen diese Periode i zur möglichst reichen und freien Entfaltung der Sinneni thätigkeiten. zur Aneignung möglichst vieler, klarer und j fester Anschauungen. Aller Unterrichtsstoff wird -- wo möglich — aus dem Kreise unmittelbarer Anschauungen genommen. Die außer diesem Krei'e zu liegen scheinen, stützen sich auf dieselben (Bidl. Geschichten). Aller Unterricht späterer Perioden beruht in seinen Erfolgen auf die Kraft der erlangten Anschauungen. , 2. Die Stufe des Gedächtnisses. ' Das Kind wird, s wenn die vorige Periode.zweckmäßig benutzt worden, reif i zum gedächtnißmäßi en Behalten des eigentlichen Lernstoffes.! Noch ist die Kindesnatur nicht zur freien SUbstthätt keit reif. Noch will cs empfangen — von Außen aufnehmen — das später selbstthäti zu verarbeitende- Lehrmaterial. Die Anschauungen werden durch Aneignung mittelst des Gedächtnisses frei von den Außenbineen. Es ist dies die Zeit der Befruchtung _b«3 Gedächtnisses mit lebenslänglich behaltenswerthem Stotse. Zur selben Zeit und auch schon früher sucht jedoch auch die Einbildungskraft die ihr -uiagende Nahrung. Darum äußenr in dieser Periode Geschichten,. Mährchen, Legenden, Fabeln und Dichtung«n einen besondern Reiz und beleben! naturgemäß die Einbildungskraft. Es gibt eine Ansicht, eine Zeitrichtuug^ die auch ihre Vertreter unter den Päda-' zogen hat, die diesen Störefried aus der Geisteswclt verbannen möchten wie es auch Ansichten gibt, die gern den Verstand und die Vernunft mit den Nebelvildern der Phantasie, der religiösen Schwärmerei, umhüllen möchten. Der geistig freie und selbstständige Lehrer wird sich von beiden Richtungen nicht beirren lassen. Er weiß, wie weithvoll ein freies Spiel der Einbildungskralt der gesammtett geistigen Entwicklung ist. Er weiß sie auch — nöthigenialls — zu zügeln. Der tüchtige Lehrer weiß, .wie armselig der Unterricht, das Wiffen 'und das Leben ohne das gesunde Spiel der Phantasie bleibt. Er hütet «ich, ihr die zuträglichen Nahrungsstoffe zu entziehen. Die Anschauungen, auf dieser Stufe nehmen eine andere Gestaltung an,' sie weiden weniger sinnlich, geistig freier; sie werden-Vorstellungen. 3) Die Stufe des Verstandes. Es tritt die Zähigkeit ent, aus Einzelnem das Ganze aus Besonderem das Allgemeine abzuleiten, Schlüsse zu bilden und selbstthätige Urtheile zu fällen,, wenn diese auch nicht iminer auf rem vernünftige Basts sich stützen. Wiederum — je kräftiger früher die Anschauungen, desto selbstständiger und selbstthätiger jetzt da- Denken. Erst jetzt tritt die Zett ein, aus biblischen und anderen Erzählungen Lchren zu entwickeln und eingehend zu besprechen, die religiösen Lehren uud Grundsätze in ein Gan es. zw fasten und so dem Verstände und dem Gemüthe vorstilegen. 4) Die Stufe, Periode, der Vernunftentwicklung; der Anfang! denn sie enlw ckelt sich leb.nslänglrch. Sie fällt außerhalb 4>er gewöhnlichen (Volks)-Schuljahre. Sie ist die [ Krone, die Blüthe, den Zweck aller Erziehung und alles > Unterrichts. Also nicht ' Mittel, sondern Zweck, — | Selbstzweck. — Die Individualität, die Richtung des Geii stes trist hervor. Der Mensch wird, zu was ihm Natur und Erziehung die Anlage gegeben. Die Erziehung wird überwi^end febstständig — selbstlhätig; die eventuelle Bildung des Geistes^ läßt sich auS der Höhe der fortschreitenden Richtung deffelben voraus bestimmen, wenn auch nicht fest begränzen. Die Phantasie, der Verstand, die Anschauung geht auf das Erhabene, Ideale. Das Lernen wird wissenschaftlich in dem Sinne. daß es mit deutlichster Erkenntniß der Gesetze und Regeln geschieht. Der Zusammenhang deS Einzelnen mit dem Gefammten wird klar durch die Erkenntniß der Folgerichtigkeit der geschichtlichen Ereigniste. > Die Erkenntniß wird zu Grundsätzen, zur Ueberzeugung *). - Indem wir dem Lehrer hi rmit Andeutungen über die Stufenfolge des Unterrichts geben, wollen wir natürlich, w i e überhaupt der freien Bewegung in der Schule, so auch die der Individualität des Lehrers und der Schüler angemestene Entwicklung nicht emschränken; hier wie überall kann dem Lehrer das Selbstdenken nicht rlaffen werden. „Selbst ist der Mann.f' Nur noch einige Fragen: Ist eS naturgemäß, den Unterricht in der Neligionslehre, selbst wenn sie sachgemäß auf die zwei letzten Schuljahre verschoben wird, mit der in den meisten Lehrbüchern vorangesiellten iFrage: „was ist Religion" zu beginnen? Ist es naiurgefnäß, auch m den Elemrntarklaffen die bidl. Geschichten mit Bibel- und Denkversen (als Anhängsel jum Schluß) auszuschmücken, deren Zusammenhang mit der Geschichte dem Kißde nicht klar ist, und Lehren zu abstrahiren, während das Kind für Abstraktionen durchaus noch nicht empfänglich ist, noch nicht abstrahiren kann, während diese Abstraktionen die Lebendigkeit?es angeschauten Lebensbildes nicht erhöhen^ vielmehr trüben? — Wir hätten derlei Fragen noch viele; sie hängen aber alle wie auch diese, mit noch vielen andern späteren Unterrichtslehrcn manchmal noch genauer zusammen, eben darum, weil die Naturgemäßheit , leichsam das formale Princip der ganzen Unterrichtslehre genannt werden kann, und darum allen voransteht. II. Ausgangspunkt des Unterrichts. Drr Ausgangspunkt des Unterrichts ist der Standpunkt, auf welchem der Schüler zur Zeit des Unterrichts steht. Bon dort aus führt der Unterricht ihn — stetig — weiter zum vorgesteckten Ziele in formaler und materialer Beziehung. So wie es nun die Pst cht der Lehrers als Erzieher ist, des Zöglings geistige und sittliche Eigenschaften kennen zu lernen, um ihn aus denselben heraus zu erziehen und zu bilden, ebenso ist die Aufgabe deS Lehrers, die'individuellen Kräfte und Anlagen der Gesammtheit seiner Schüler, sowie der Enzelnen zu prüfen und kennen zu lernen, um nach Maßgabe der bereits erlangten Bildungen und der Kräfte der Schüler, den Unte richt zu bemessen. Unterläßt das der Lehrer, so tappt er in Finsterniß; der Unter« terricht wird entweder zu leicht oder zu schwer. Es ist nicht genug, seinen Lehrgang, das Objekt, zurechtgelezt zu haben, und diesem gemäß zu unterrichten, also daß der Unterricht *) Ist also Ueberzeugung möglich bei Wahn und Aberglauben, oder zu verwechseln mit Meinung?!