Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 20 (17.5.1866)
- Date
- 1866-05-17
- Page
- Seite 84 (sequence 2)
- Language
- German
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84 „Gott der Liebe* von einer jüngeren, ihr entsprossenen Religion nicht zu-leihen braucht; und Ihm in Liebe zu dienen von ganzem Herzen und mit ganzer Seele (5 B. M. 6, 4. 11, 6). wie Er von sich selbst spricht (Hos. 11, 4): „mit menschlichen Seilen ziehe--Jch sie an mich, mlt Banden der Liede*, und durch Liebeswerke, an Seinen Kindern geübt, solche Gottesliebe zu bethätigen (Jesaias 58), es ist die so klar und unumwunden auf allen Blättern der h. S. und deren weiten Abzweigungen verzeichnete leitende Idee, daß nur der sie übersehen und überhören kann, der Aug' und Ohr der Wahrheit muthwillig verschließt.' Sind nun solcher Art die Grundsätze, in und nach dene» das Judenthum seine Bekenner belehren und leiten will, weiß e< denn auch die rechten Mittel und Wege zu finden und zu benutzen, um sie von Jugend auf zu deren Lebeusnorm zu erheben? Unangefochten steht heute die Theorie da, daß nicht abstrakte Begriffe, unvermittelt gegebene Sentenzen, überhaupt nicht leerer Gedächtniß- und Derstandeskram eS ist, der die Bildung deS Menschen ihrem rechten Ziele zuführt, sondern eigene Anschauung, Wahrnehmung und Eelbstauffivdung der zu lehrenden Erkenntviß und Wahrheit Geist und Gemüth wesentlich erleuchten, weil, sie so von ihnen lebendig' ersaßt und zu eigenstem Besitzthum gemacht wird. Run, welches Buch folgt beständiger und konsequenter dieser Grundlage aller neueren Pädagogik als das derselben'um Iah ctausende vorangegangene Buch der Bücher?- Gottesfurcht, Sittlichkeit und Tugendliebe, in ihren weitesten Umkreisen freilich, sind die einzige Tendenz seines gelammten Inhaltes, jedoch kaum den zwanzigsten Theil desselben füllen die Lehren, Gesetze und Sprüche aus, in denen dieselben' direkt Niedergelegt; Erzählung, Rede, Lied, Symbol, sie find das aumuthige Gewand, in welchem jene dem Hörer und Leser vorgesührt werden, die lebendigen Bilder in That und Wort, in welchen er sie verkörpert vor sich sieht. Bon der ersten Regung des Sündentriebes m des Menschen Brust sind alle Phasen seiner inneren und äußeren Entfall,ung und deren Coniequenien so lebenssrisch und naturgetreu dargestellt, daß diese schlichten Erzählungen selbst Prophetenstimmen gleichen, die mit Posaunenlon Herz und Seele erschüttern, wie: „die Himmel erzählen die Ehre Gottes*, und' das vor Sündenwandel unmittelbar wamende Offenbarungswort nur der Dolmetsch dieser, an sich schon leicht zu entziffernden Bilderschrift ist *). Und Frömmigkeit und Tugend, Treue und Liebe, sind sie in ihrer Anmuth und Holdseligkeit, wie ihrem Heldeumuthe und Feuereifer nicht ebenso warm geschildert und mit unvergleichlich sicherem Pinsel gemalt, das Füllhorn des Segens, das bis m's, tausendste Geschlecht aus ihnen sich ergießt, nicht mit überzeugender Lebendigkeit von Noah und Abraham bis auf Esra und Nehemiah herab zu Gemüthe geführt? Ist es aber, wie heute allgemein anerkannt, die Aufgabe der Erziehung, vor allem Anderen, den Menschen zum (wahren) Menschen zu bilden, däS Humane, Gotteben-, bildliche mll allem Seelenadel, der darin seine Begründung findet, zu lebendiger Gestattung auszuprägen, so liegt in dem Bibelwort hierfür ein unerschöpflicher Quell für alle *) In diksnn Sinne sink auch;bit beiden Offenbarungßwrisea in Sitar und GMeswott im 19. Psalm organisch aneinandergereiht. Zeit verborgen, und nicht nur israelllffch-religiö» sonder» ebenso natur- und vernunftgemäß, füvwettkche nnd geistliche Interessen gleich förderlich, wirkt diejenigeKinderleituug, welche au» solchem Borne am emsigsten schöpft, auf diese« Fundamente ihr Gebäude errichtet, in dem da» Geschlecht der Zukunst eine gottgesegnete Wohnstätte (Spr. Sal. 3, 31) finden soll. Und wenn auch geschickter Benutzung, so bedarf es doch keineswegs hervorragend pädagogischer Kunst, um solchen Zweck zu erreichen; da» Gotteswort braucht nur mll warmem Herzen und verständigem Sinne ausgenommen und alsdann einfach und natürlich, wie es sich selbst gibt, in seinem Geiste und seiner Weise wiedergegeben zu werden, so dringt es vom Herzen zum Herzen, kehrt nimmer leer zurück, sondern thut, was eS gesollt, vollbringt, wozu es ausgesandt (Jesaias 55, 11). II. Die Wichtigkeit nun und Uaerläßlichkeit sorgfältiger, achtsamer und unermüdlicher Ecsiehnagsthätigkeit, in Lehre, Gewöhnung und Zucht, wem wären wohl die Vorschriften und Weisheitssprüche unbekannt, in denen sie mit drastischer Schärfe und Präcifion an'S Herz gel'gt werben? Wir brauchen in erster» Beziehung nur der vier Abschnitte des Pentateuchs zu gedenken, die um ihrer vorzüglichen religiösen Bedeutsamkeit willen als Denkzeiche« an Hand und Haupt anzulegen geboten ist, und denen beständig zugleich die Weisung, sie den Kindern einzukchärfeu, zu lehren, zu verkünden, beigefüzt wird, sowie daß Moses nicht verabsäumt, indem er ausrust (5. B., 4, 9): „hüte dich ... daß du nicht vergissest der Dinge, die deine Augen gesehen rc.*, hinzuzufügen: Ihne sie auch kund deinen Kindern und Kindeükmdern,* und bald im nächsten Satze (B. 10), der jeae wunderbaren Dinge als die göttliche Offenbarung auf Sinai erklärt, hiazusetzt: es solle durch sie der Gottesfurcht eine bleibende Stätte in Israel gegründet werden, indem die Bäter das selbst Erkannte auch ihr« Kinder wieder lehren. (Vgl. ebendas. 6, 20—25 u. 34, 10—s3) Welch' unsäglichen Eifer für wissenschaftliches, besonders freilich religiöse» Studium, da» indeß allmälig alle, realen und idealen Wlssensfächer in kein Bereich hineinzog (Spr. d. V. 3, 22. 5, 25), dies« Gebote in späteren Zeiten, da die Lehrsäle der häuslichen Erziehung ihre Bollendung zu geben bestrebt wrren, in Mitten de» israeütischen Volkes erweckten, ist jedem auch nur oberflächlichen Kenner jüdischer Geschichte und Literatur hinlänglich beim* t. Doch zu belehren, zu unter«.äsen, es tü eia schönes, verdienstlicher Geschäft, aber vergleichsweise nur ein leichtes gegenüber dem anderen, noch dringenderen: den rechten Weg anzuweisen, ihn vorzuwandeln, mll der That, dem eigmen Beispiel vorzuleuchten; daß aber „die Aeligiou der That*, wie man (richtiges Verständniß vorausgesetzt) mll Recht dar Judenthum genannt, eS an Hinleitung hierauf nicht habe fehlen lassen, müßte kchon vorweg präfum.rt werden, tritt uns indeß hier unzesuchl vor Augen, indem au allen oben gedachten Stellen die Rothwendigkeit eigener Beherzigung und Bethätigung als selbstverständlich: Borbedingung jedweder zweckoienlichen Unterrichte» hingestellt wird. Wie daher die Talmudlehrer den au» reicher Er-! fahrung geschöpften Grundsatz aufstelleu: der Umgang mll