Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 18 (3.5.1866)
- Date
- 1866-05-03
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Wochenbericht. Odernheim,26 April. Seine Kgl. Hoheit Ludwig III., Großherzog von Hessen und bei Rhein haben, wie das heütige Spendenverzeichniß anzeigt, allergnädigst geruht, dem Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger isr. Lehrer, Lehrer- Wittwen und Waisen 5l) fi, aus allerhochstihrer Cabinetscasse zuzuweisen. Diese hohe Gabe erfüllt uns mit doppelter Freude und Dank, weil sie uns ein abermaliger Beweis ist von der Huld und Gnade, die Sr. Königliche Hoheit allen Unterthanen des Landes in gleicher Weiie angedeihen läßt. f — Wir erfahren soeben in verlässiger Weise, dag Herr Dr. Rokhschild von Alzey von einer großen amerikanischen Gemeinde (in Piladelphia) zum Rabbiner erwählt ist, selbstverständlich die noch nicht ertbeilte Zustimmung des Ernannten vorausgesetzt. So sehr wir Herrn Dr. Rothschild einen feufcr würdigen Berufskreis wünschen, so würde uns lein Abgehen^vch mit großem Schmerze erfüllen, schon der großen Verdienste Wollen, die derselbe sich um die Instandsetzung und Verwaltung unseres Vereins erworben. So verliert die freiere Richtung im deutschen Judenthum ihre besten Kräfte — die Acltereu durch den Tod, die Jüngeren durch Ueberzuz rack Amerika; die an deren Stellen Einrückenden sind im besten Falle von den Unentschiedenen — was wird die Folge davon sein? Muß da nicht Eorruption eintreten in alle Gemeindeverhältnisse?_j — Dr. S. Adler, früher Rabbiner in Alzey, jetzt lei d-r, Emanuelgemeinde in Rew-z')ork/ hat von seiner Gemeinde wahrscheinlich gelegentlich dey^Erneuerung seines Vertrags, ein Ehrengeschenk von zehntausend Dollars (fl. hju) empfangen. Aus Kurhessen, im März. (Schluß.) Wie Ihr EorrespondeM auS Kurbesjen in ’Jtr. 10 b. Bl. zu wissen glaubt, übernimmt Herr Dr. Stein aus Seesen, eine seminarlebrerstelle zu Kassel. Das mag seine Richtigkeit baden. Wenn a.er der fragliche Eorrespondent die Anstalt zu critisiren scheint, wenn er behauptet: „daß diese Kraft geeiznt ist. dem Seminare neues Leben einzuhauchen", und hoffet, daß „nunmehr, wo die Lehrkräfte Gediegenes verheißen, sich auch die anderen Provinzen außer Niederbessen an das Seminar anschließen", so möchten wir dem dock entgegentreten. War eS nicht schon bisher, wie jetzt und stets, das größte Interesse für die.kurb Provinzen Oberhessen, Fulda und Hanau, sich dem Seminar zu Kassel durch Geldmittel und Zuweisen von Zöglingen anzuschließen? Man hofft, faHt der Eorrespondent (?aus Oberhessen) daß jetzt dem Kasseler Seminare neues Leben eingebauckl werde - Richts liegt mir ferner, als die Verdienste des Herrn Dr. Stein zu unterschätzen; obwohl es noch nicht erwiesen ist, daß derselbe für ein Seminar der geeignete praktische Schulmann ist, da ticr nickt große Gelehrsamkeit Roth thut, vielmehr die praktische» Lehrer oft genug gefunden haben, wie wenig diese an einer solchen Anstalt fruchtet. Aber ich Behaupte: Schon durch die Berufung des Herrn Dr. Römer ans Seminar zu Kassel hatte dasselbe einen bedeutenden Aufschwung gewonnen; Herr Söffker, der auck erst etwa 7 Jahre am Seminare wirkt, ist ebenfalls ein tüchtiger Lehrer in seinem Fache, also das „neue" Leben des (?Oberh.) Eorrespondenten zählt doch schon etwa 10—12 Jabre und die Anstalt zu Kassel darf sich dreist messen mit anderwärts bestehenden Schwesteranstaltelz. Der Herr Eorrespondent S scheint wohl nicht das Kasseler'Seminar besucht zu haben, sonst hätte er wissen müssen, daß die Herren Dr. Adler und Dr. Leviseur in ihrem Fache ganz Tüchtiges leisten, daß überhaupt die Anstalt */» der in 'Niederhessen sungirenden Lehrer gebildet und auch dem „Isr. Lehrer", unserm Organe, manchen eifrigen Mitarbeiter geliefert hat. Etwas Interessantes, wovon Sie gewiß noch nichts erfahren haben, ist, daß der Lehrer Leimbach, der Redakteur des „christl. Schulboten," mit christl. Orthodorie vollzepropit, Mitglied einer isr. Schulprüsungscommijsion ist (soll wohl heißen: Lehrer» Prüfungskommission? Red ) Als solches behandelt er die Eraminanden ganz eigenthümlich; so redet er dieselben z. B. mit dem Vornamen und in der i. Person an (X setzt sich, liest vor! ic.) offenbar um nickt „Sie" zu sagen. Interessant dürfte es sein, wenn einer der bei Leimbach Geprüften meine Mittheilungen noch vervollständigen wollte, damit man diesen Judenfeind durch und durch kennen lernte. f X Aus Baden, 10. April. Erlauben Sie mir, Ihnen >stit einem Berichte über die jüdischen Schul- und Lehrerverhaltnisse des hiesigen Landes zu nahen, die selbstverständlich Ihnen fremd sein muffen, da ich seit lange keine Mitibeilung aus Baden :m „Isr. Lehrer" gelefen habe. Sie kennen also auch wahrscheinlich den traurigen Zustand im Lehrerleben in Baden nickt. Da schläft Alles — und wer in die Trompete stößt um die Schläfer zu wecken, — der wird verhöhnt. Wissen Sie aber, wo die Schuld dieser Schlaffheit liegt? ' — Oben. — Wir haben keine Behörde, oder besser, eine Behörde in Earlsruhe, die schläft ebenfalls. Die Lehrer Badens leben, wenn auch nicht Alle, doch mesttentheils isolirt, der collegialische Geist sedit; und wgrum? weil sie keine Eonferenzen abhallen, sich nickt berathen, nicht gegenseitig ihre Gesinnungen austauschen und eben jedem Dinge, das geschehen soll, ruhig zusehen, bis es geschehen ist. Sie kennen das Projekt eines badischen Lebrerunterstühungseereins. Das ging von der Behörde aus. Das war allerdings ein löbliches Lebenszeichen, — aber, warum hat man sich nicht’ dem Allgemeinen angeschlossen? Die Erfahrungen anderer Länder sollten uns doch beleb re»? Wir werten es sehen, geehrter Herr Eollege, wenn es an's Bezahlen kommt und ein Religionslehrer soll seine üo fl. Eintrittsgeld (!) bezahlen, was es da für Gesichter geben, was da für Seufzer ausgestoßen werden. Ick werde später wieder darauf zurückkommen. — Ich ba e eine Ferienreise gemacht und gelegentlich mehrere ältere Religionslehrer besucht. Ich ersuchte dieselben, dem allgemeinen Vereine beizutreten, schilderte den Verein, gab den Herren Statuten re., was glauben Sie, Herr College, was ick zur Antwort erhielt? Ein Verein, der unter keiner Staatsbehörde steht, bat keinen Bestand, war die Antwort, und es seien schon manche solche Vereine bestanden und wieder zerfallen!*) Der Verein, welcher aber in Baden errichtet wird, steht unter der Staatsaufsicht und wird bestehen. — Das wurde mir zur Antwort gegeben. — Es kam zu einer Debatte und ich erzielte nzchts, obschon sich meine Gegner überwiesen fühlten. Ich werde indeß nicht aufhören, für den Verein zu wirken und vielleicht wird es auch in Baden gehen, und die Einsichtigen werden durcktringen. Sie werden es, fo Gott will, noch erleben, daß auch die badischen Lehrer erkennen:. In der Einheit, in der freien Vereinigung liegt die Macht und lnanri bn. — Unfern Lesern ist gewiß der Raine Dr. Wichard-Lange's bekannt, der, ein Tochtermann Fröbel's und echter Schüler *) Lot Tie Herren würden mich sehr verbinden, wern ste mir bieie läremvcl mittb.ilen wollten. Lie werden damit eioen iebr merkwüNigen B.weis gegen allgemein-anerkannte Theorien bei Neuzeit — von der Schädlichkeit staatlicher Bevormundung, von freien Afs.cialionen, 2elb Witte w. o den und dadurch bedeutiam wirken, Allerdings, cs kommt Alles darauf an! Auch un'kr Acrcin wird staatlich beau f ii efa t i a f, fe'.bstv.rsiändlich; aber er i'k doch unser Wclkl Bon der Behörde al’ein abbänzcn? Nein, des iff dann kein Verein mehr! — Ned. * . ,