Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 16 (19.4.1866)
- Date
- 1866-04-19
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 So wollen wir denn ui der jüdischen Schule die pä» i dagogttchen Lehren der Neuzeit als gute Jude« verwenden, j unv das Gute benützen , ohne uns von Phrasen beirren zu lassen, die nicht zur Sache gehören. Immer aber müssen wir wieder darauf hindeuten, daß die Zeit, der Ruhe — weder nach Außen noch nach Innen noch immer nicht für uns gekommen ist. Wie die neueste Zeit leider wieder Judenversolgungsgeschichten kennt — wir sind über die Fortsetzung dieser Schändlichkeiten in diesen Blättern mit Stillschweigen hinweggegangen, weil wir die Schmach unserer , Zeit nicht verewigen wollten; weil bei solchen Vorgängen j das Beste Stillschweigen; ist weil die Vorgänge so traurig, I so schmerzvoll stnd in ihren Beweggründen, daß sse uns aneckelten, — so ist auch die Zeit der-gerechten Würdigung der Geistesschätze des Indenthums noch nicht gekommen. Sie gegen Verunglimpfung ju schützen. ist unsere Pflicht als Juden, als Lehrer, als dankende mit zeitgemäßer Bildung ausgerüstete Mäntler. Der Unterricht im Talmud. Es liegt vor uns: „Bericht über Entstehen und Bestehen der Pragsr Talmud-Thora-Schule von der Commissson derselben; nebst einer Abhandlung über den ersten Ilntericht im Talmud, nach den didaktischen Grundsätzen unserer Zeit", von Dr. A. Stein, Rabbiner und Prediger an der Meist l-Synagoge. Die schule besteht erst ieit einigen Jahren und gebietet vorläufig noch über verhältnißmäßig geringe Mittel. Gemeinde und Lehrer wetteifern indeß in edler Aufopferung, uad so sind die Leistungen doch schon bemerken swerlhe. Für uns ist es interessant zu erfahren, daß die Gründung der.Schule aus dem Grundsätze hervorging, „die jedem unsrer Glaubensgenossen so unentbehrliche Kenntnis; der-hebräischen Sprache" zu verschaffen. Erst in zweiter Rei.e steht der. Vorbereitungsunterricht für Diejenigen, welche sich dem hohem Talmudstudium widmen wollen. Ten Unterricht im Talmud genießen indeß Alle, auch diejemgeu, welche' ihn nicht zum Fachstudium zu machen gedenken. Von diesem Gesichtspunkt geht auch die den Bericht begleitende, >ehr gelehrt« und lehrreiche Abhandlung St.'s aus. Es heißt dort: „die Kenner des Talmuds in unsrer Zeit gehören der Generation der frühem Cheder- Bildung an,^welche nach gerade zu verschwinden anfängt. Die Kenntniß der hebräischen Sprache, der Bibel, des Talmuds, die Fähigkeit aus den Urquellen des Iudmthums zu schöpfen, darf aber nicht blos.deg Fachmännern überlassen werden. Gerade damit lausen wir Gefahr, einen exclusiven Gelehrten- und Priesterstand heranzubilden, Entscheidung und Macht ausschließlich m die Hand der Rabbiner zu legen, die Gemeinden ihrer Fähigkeit, mit zu berathen und zu beschließen — und so ihrer Autonomie zu berauben und die so sehr gefürchtete Hierarchie auch unter Israel zu fördem." Wie verschieden doch die Zustände hier und dort sind! Bei uns wird sogar der hebräische Bibel-, ja vielfach auch der hebräische Sprachunterricht noch fraglich gemacht, und waS im Allgemeinen noch darin geleistet wird, ist blutwenig , — und dort wird bereits über die Popularisiruug des Talmuduntertichts discutirt und eifrig dafür gewirkt. Wahrlich, eine erfreuliche Wahrnehmung! Es ist freilich noch nicht an der Zeit, über die Pflege dieses Unterrichtszweiges in unseren Schulen zu sprechen; aber daß unsere Lehrer durchgängig Kenntniß vom Talmud haben sollten, ist eine Forderuim^.welche wir für zeitgemäß halten, hier anzuknüpfen. Andihnen geht oft, ja, sehr oft, die nöthige Kenntniß in Bibel und hebräischer Sprache ab. Eine natürliche Folge! Sie wird von den Gemeinden nicht mehr gefordert, wenigsten« nicht mehr urgirt, sie kann in den Gemeinden nicht mehr verwerthet werden. Wohl ein sehr beachtenSwerther Zustand. — Eine bessere, sachgemäße Ausbildung der Lehrer würde auch da, wenn nicht Abhilfe schaffen, doch vorbereiten. Darin halten mir es aber mit dem geehrten Verfasser obiger Abhandlung, daß der Talmudunterricht in unsrer Zeit methodisch, und nicht mehr nach dem System früherer Cheder-Bildung getrieben werden müsse. Ich wnß es aus eigener Erfahrung, wie mir durch den methodischeu Unterricht der Gymnasial - Bildung der nach der Cheder- Manier ertheilte Talmudunterricht zuwider geworden war. Schon früh sing ich an, mir selbst darin eine eigene Bahn zu brechen. Herr Dr. Stein fühlt dies ebenfalls mit seinen Schülern heraus. Er hat mit seiner neuen Unterrichtsme thode und!wissenschaftlichen Behandlung ver Mlschnah, worül er unterrichtet, wahrhaft Sensation in Prag erregt und durch die jmitgetheilte Probe bewiesen, daß er ein Mann seines Faches und dem Gegenstände vollständig gewachsen ist. In der Abhandlung wird speciell das Wesen des Talmuds zum Gegenstand der Erörterung gemacht. Blos die halachische Seite des Talmuds wird hervocgehoben. Indeß weiß der Verfasser , daß er seinen Gegenstand damit nicht erschöpfend behartdelt hat und hofft, das Fehlende bei andrer Gelegenheit nachholen zn können. Interessant ist der Gegensatz, worin Bibel und Talmud gestellt sind. In jener sei das Wort fest und der Gedanke frei, in diesem umgekehrt der Gedanke fest, aber das Wort frei. Das will heißen: ay dem Worte der Bibel lasse sich nicht mäkeln» der Gedanke aber sei dehnbar und der nach Orts- und Zeitoerhältnissen wechselnden Praxis freigegeben. Im Talmud sei umgekehrt der Gedanke unantastbar und durch Ueberlieferung fest und bestimmt überkommen. Das Wort und die Äusdrucksweise dafür wechsle nur im Munde der verschiedenen Lehrer. Es ist von Bedeutung, dies für die Bibel sestgestellt zu wissen, daß die Anwendung der in sie niedergelegten Ideen der freien Praxis anheimgegeben sind. Uebrigens glauben wir, daß mit den unantastbar gemachten Worten die in ihr enthaltenen Gedanken ebensosehr sirirt sind, wie umgekehrt durch das flüchtige Wort des Talmuds auch dessen Gedanke schwankend gemacht ist. Wäre dieser ein fester,! es würde sich auch das rechte Wort dafür haben sinden lassen. Das S. 3 gewählte Beispiel spricht selbst für unsere Anschauung. Das Verhältniß der doctrinairen Discussio» zur gesetzlichen Praxis ist ausführlich erörtert. Das Gesetz soll nach alter Ueberlieferung, oder autoritätsmäßiger Entscheidung deS Syahedrin, oder unabweislicher Forderung des Lebens festgestanden, die Discussion zur eignen Belehrung oder nachträglichen Begründung hintenher die Uebereinjtimmung des Gesetzes mit den Grundgedanken: der Bibel aufgesucht haben. Ja .die Discussion soll nicht