Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 15 (12.4.1866)
- Date
- 1866-04-12
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4896751-5428724-5431597--1332-4897845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
62 diese »elt.n abstrakte Regem enthalten; Zusammenfassungen! sollen sie sein dieses ewigen Lebens uno helfen, daß es im j Kinde dauernd und immer kräftiger und wirksamer sich rege. Km Wort darf fürs Kind ein todteS sein. So wie! es ans Kind kommt, muß das Kind auch befähigt sein, die Kraft des Wortes in sich zu erfahren. Wenigstens der Anfang dazu muß gemacht werden. Die religiösen Erzählungen können auch mythische sein. Auch solche stellen im Gewände der Dichtung thatsächliches religiöses Leben dar und sind meist recht sehr geeignet, solches zu wecken. Die nur zeitlich-geschichtlichen Erzählungen der Bibel geben nun Geschichten. die nur einmal geschehen sein kön-! nen, die so nie wieder geschehen. Sie ichildern das äußere Leben, das Räumliche und Zeitliche an den Thaten der Helden, auch den geistigen Gehalt; aber wie er den Helden und ihrer Zeit eigenthümlich ist,' wie er so nicht wiederkehrt. Auch diese Erzählungen sind belehrend wie alle Geschichte; sie haben einen großen bildenden Einfluß auf die; Jugend. Auch an diese geschichtlichen Erzählungen kann sich Sagenhaftes heften und das wirkliche Ereigniß ganz überspinnen. Soll nun die mythische religiöse Erzählung! im Kmde das thakiächlich fromme Leben wirken: so darf der Lehrer dieselbe nicht kritisch vor dem Kinde zerschneiden. Will der Lehrer im Kinde Begeisterung für die Schön-; heit einer Blume wecken, will rr dürch Amchaum derselben das Schönheitsgesühl im Kinde bilden: io darf er die Blume : nicht botanisch vor dem Kind«, zerpflücken Ich gönne der Kritik ihr volles Recht; ich will auch, daß die Kinder in der Schule ihrer Kraft gemäß in sie eingeweiht werden, i damit sie lernen ihren Glauben vor Aberglauben bewahren. Aber es muß doch erst der Glaube exzeugt sein. Erst im reisstm Alter der Schulz.it, sfc.n» der Verstaub die genügende Kraft gewonnen, rann oer Schüler oie ilebung der!ritik erlernen. Und immer mit Maß. Denn die Hauptche ist die Religion, das thatsachliche Leben in Gott, nicht e zersetzende Kritik über die biblischen Darstellungen soles Lebens. Pädagogisch ist die Kritik, die alles aus dem Unterchtsstoss aussondert, was noch kein Lebm im Kinde zu ecken vermag. Alles also, wodurch im Kinde kein thatsächlich religiöses Leben geweckt oder auch nicht einmal geschichtliche Belehrung gegeben wird, ist nirs Kmd Stein und kein Brod und gehörtnicht in den Unterricht. Soll dem Kinde die ganze Bibel m die Hand gegeben ■ werden? Nein, wenigstens nie ohne Aufsicht. Wenn die Homerischen Gedichte von den Griechen heilig gehalten wurden, weil sie das. Mittel warm zur Bewahrung ihres nationalm Lebens: so müssen Eltern und Lehrer in den Kindern eine ehrfurchtsvolle Schm weckm und nährm vor dem Buche, welches in sich die Kraft trägt, überall, wo es richtig gebraucht wird, echt mmichheilliches Lebm, d. i. menschliches (?) Lebm, zu weckm. Das geschieht aber nur, wmn jedes Lesen in der Bibel für die Kinder Leben weckend wird. Das ist ohne Aufsicht nicht möglich. Sollm also die Kinder dm biblischen Inhalt ohne Aufsicht lesen: so gebe man ihn in biblischen Geschichtm und Spruchbüchern, für die Kinder bearbeitet. Am zweckmäßigstm erzählt der Lehrer die biblische Geschichte selbst. Dann natürlich mit seinen eigmm Worten. 7 Denn der Inhalt der Bibel soll unser eigen werden. Also müssen wir ihn huch durch unsere eigmen Worte ausdrücken. Wir müssen, wie Bunsen sagt, die Bibel aus dem Semitischen in's Japhetitijche übersetzen, d. h. aus dem Orientalischen in'S Abendländische, für uns ins Deutsche. Dazu sollen die Kinder früh gewöhnt werden. Der Bortrag des Lehrers sei frei und lebendig. Man hüte sich aber, den kindlichen Ton oer Bibel zu zerstören. Auf einen Punkt will ich hier noch das Nachdenken leiten. Ich habe Lehrer und namentlich Lehrerinnen gefunden, welche die biblischen Geschichten, mit lebendiger Phantasie ausgeschmückt, dm Kinoern oortrugen. Diese hörten mit Begierozu. und andere geborme Lehrer, verea pädagogisches Urtheil ich über da» meine stelle lobten dieses Verfahren. Dennoch habe ich meine Bedenken. „Laß die edle Einfalt der Bibel nicht zu Grund; gehen und erhalte deinen Kmdern den Sinn für solche Einfalt!" Das rui? ich solchen Lehrern zu. „Diese Einfalt des Herzens, die sich in der Erzählung ausdrücken soll, ist nicht blos die Grunolage der «ahrm Religion, sondern auch des später sich entwickelnden evlm Geschmacks in oer Kunst. Hüte dich, in den Fehler der sogenannten historischen Romane zu verfallm, die in ven Lesern den Sinn für echte Geschichte und ech e Dichtung gründlich zerstören. Also keine romanhaften Zusätze Nun noch der letzte Punkt. Wir sollen unseren Kindern nicht statt eines nährenden Fisches eine giftige Schlange bieten. Wie steht es mit den Ungehörigkeiten und Unsittlichkeiten in der Bibel? Wären sie auch nicht dort zu finden : so wollen wir aus vielen anderen pädagogischen Gründen nicht-, daß die Kinder in der Schule die ganze Bibel durchlesen. Denn viele Stellen biet m ihnen nicht dasgeringste Berständniß. Sie bleiben Steine. Eine solche Uebung gewöhnt zym gedankenlosen Lesen, macht Qual, Langeweile und zerstört alle Liebe und Achtung, die der Bibel gebührt. Dieser Gebrauch hat bei oielm wohldenkenden, verständigen Menschen die Gleichgültigkeit, ja Feindschaft, welche dieses Buch jetzt so häufig findet, erzeugt. Aber man darf auch keine falschen Beschuldigungen erheben. Nicht die Bibel erzeugt Lüstemheit und Unsittlichkeit, selbst nicht bei verkehrtem Gebrauch. Beides ist schon da, wenn es durch die Bibel gmährt wird Die Bibel erzählt Vieles, was für Kinder gar nicht paßt; aber sie erzählt in nackter Natürlichkeit und nie lüstern. Darum erregt sie auch keine Lüstemheit. so wenig als Homer und Shakespeare. Anders wirken unsittliche Romane durch lüsteme Darstellungm, oft ohne daß ein indecentes Wort in ihnen steht." „Mir scheinm die Kinder in der Schule für geschlechtliche Lüstemheit noch gar nicht reif. Was so erscheint, ist nach meiner Meinung die Lüsternheit der Reugier. Freilich auch die Lüstemheit der Neugier wirkt auf die Phantasie und kann dadurch die geschlechtliche Lüsternheit früaer wecken, als sonst geschehm wäre. Wie ich gefunden habe, wenn Gymnasiasten Zotm rissm, zuerst aus Rmommage, wie dadurch die Phantasie vergiftet und der Jüngling oadurch wieder zu unzüchtige» Leben verleitet wurde. Immer hüte sich der Erzieher, das Arge zu erwecken. Aber das kann auch durch falsches Verbergm geschehm. DaS Kind fühlt, man will es in einem Punkte dumm machen, ooer daß man es für dumm hält oder halten möchte. Es trach-