Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 6 (8.2.1866)
- Date
- 1866-02-08
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Wenn das jüdische Mädchen, — und wir haben es hier zunächst wieder mit diesem zu thun — in der Volksschule die nöthige Reife' erlangt hat, um auf der Basis genügenden elementaren Wissens fortzubauen, so schätzen wir es glücklich, wenn sich, ihm Mittel und Gelegenheit bieten, sein Wissen zu erweitern; wenn es eine tüchtige höhere, eben nur für Erwachsnere berechnete Ai stalt zu besuchen im Stande ist. . Solche Anstalten, geleitet von tüchtigen Pädagogen, von Männern, find nun einmal ein Bedürfniß des Lebens der Gegenwart; wir müssen ihre Berechtigung anerkennen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen. Wir müssen voraussetzen, daß die Leiter solcher Anstalten Rücksicht darauf nehmen, daß das elementare und religiöse Wissen Allem vorausgeht, und daß sie mehr eine Vertiefung als Verflachung beabsichtigen und anstreben. t . Hiergegen müssen wir mit aller Kraft das Hineindrängen jüdischer Mädchen in solche Penfionsanstalten und Institute bekämpfen, die zumeist von christlichen Damen geleitet werden und die die Mädchen aufnehmen, ehe noch bie_ elementare Volksbildung abgeschlossen ist. Zn ihnen liegt die Wurzel großer Uebel in der Gegenwart und eine erschreckende Gefahr für unsere Zukunft. Bei der Nachahmungssucht des Juden, bei dem Reize, den heutzutage dos Hinäusdrängen aus den Standesgränzen, daS „sich überhebeu" hat, ist es leider Modesache geworden, die Tochter einem noblen Institute zu übergeben. Dort werden sie mit Unterricht-gegenständen der heterogensten Art überfüttert und zur Oberflächlichkeit, zur Ab'precherei, zur Gedankenlosigkeit, zur „gesellschaftlichen Routinäerzogen. Dort glänzt man mit Unterrichtsgegenständen, die in dieser Bildungssphäre durchaus bedeutungslos bleiben müssen. Dort'unterrichtet man z. B. Mythologie, während die Mädchen das heuttge Griechenland nicht aufzufinden wissen, und nicht ausrechnen können, wie viele Jahre zwischen Alexander dem Großen und der Gegenwart liegen. Dort ist bekanntlich das, Unwesen mit französilcher Lektüre und Conversation gang und gäbe, während man die Schülerinnen zur Theilnahme an ernster Lektüre, zur Auffassung eines klassischen Gedichtes nicht befähigt. Dort herrscht jener confuse und planlose Ton, der ein Bild unserer gesellschaftlichen Zustände und Moden-ist. Kommen die armen Mädchen aus der Anstalt, so haben sie von all dem consusen Zeug^ den Kopf so voll, daß vernünftige Gedanken keinen Platz mehr finden. Treten sie in's' Leben, so ist dies angehestete Stückwerk bald dem Gedächtnisse entschwunden, und nichts bleibt übrig als der Katzenjammer des Lebens, das Unbefriedigtseia mit den ^realen Zuständen, die Unmöglichkeit, sich in dm gewöhnlichen Gang' des- Hauses hineinzufinden, an dm alltäglichen Beschäftigungen Reiz zu finden, — und Trägheit, Gefallsucht, HochmUth, Blasirtheit mit all ihren unleidlichm Folgen geben zusammm das Bild, dar wahrlich nicht zu den erfreulichen gehört. Es ist faktisch nicht anders möglich in jenen Anstaltm. Vor Mem ist es der Zwang der Concurrenz, der die verkehrte Richtung Mm ausnöthigt, der sie zwingt, mehr extensiv (in's Weite und Breite, möglichst vielerlei!) als intensiv (gründlich, innerlich erkrästigend I) zu wirken. Einen Umstand dürfen wir hier nicht unberührt laffm, obwohl er bislang als unentschieden gilt. Die beregtm Anstaltm habm meisten? Lehrerinnen und Vorsteherinnen. ES mag paradox erscheinm, in einer Zeit, wo die Emaucipation der Frauen eine oft vmtllirte Tagesfrage gewordm ist, diesm auch daS einzige Asyl, das viele der Besten ihres Geschlechtes wählen, um dem Misere des gewöhnlichen Lebms zu entgehen, rauben zu wällen» Aber das Heiligthum der Schule ist nicht die Stfltte, Diejenigen aufzunehmen, die ihrem natürlichm Lebenkberus durch die Gewalt allerdings sehr bedauerlicher Umstände entrissen wordm sind. Die Schule bedarf der Charaktere, die frei und entschiede« wählen, sür's Leben. Männer mit ernsten und erhadenm Zielen, die im beruflichen Wirken ihre Lebensaufgabe findm. Ist dies auch bei den Mädchen der Fall, die Lehrerinnen find? Ditz physischen Störungen im weiblichm Leben, die Reizbarkeit und Unentschiedenheit — all das macht im Großen undGanzen das weibliche Geschlecht zum Lehramte untüuglichT^Als Erzieherinnen für einzelne Familien und im Kindergarten, als Lehrerinnen für einzelne Nebenfächer unter der Leitung tüchtiger Vorsteher mögen sie wohl an ihrer Stelle, sein; aber als ordentliche Lehrer für die Schule taugen sie nicht, ebensowenig und fast noch wmiger bei Mädchen als bei Knaben. Darum mtsteht in den von Damen geleiteten Anstaltm jenes planlose, lückenhafte Hin- und Herzerrcn, das durchaus nicht geeignet ist, dem weiblichen Charakter jenen Emst und jene Festigkeit zu geben, die wir als besonderes Merkmal eines bildenden gediegenen Schulunterrichts anerkennen, und die das bedeutendste Moment wahrhaft erziehlicher Wirksamkeit sind. Man beklagt das Schwinden der Gemüthlichkeit in den jüdischm Familien. Wir haben immer gefunden, daß selbst derjenige Mann, der dem religiösen Lebm ganz entfremdet schien, für emste Familienfeier, für das religiöse Leben im Hause zu gewinnen ist und sich mit voller Hingebung anschmiegt an dm gemüthvollm Zauber, der von der religiösen Feier im Hause ausgeht, wmn die Frau es versteht, diesen Zauber wirksam werden zu lassen. Solche Anregungen können aber nur von der tiefinnerlich ftommen und gebildeten Frau ausgehen. Aber unsere Salondamm, in seichtm Instituten verbildet, großgezogm nur für dm Ballm,d Gesellschaftssaal, nur geistig genährt durch die seichtm -Romane und das Modejournal, planvoll entfremdet allem Religiösen, mit schaler Oberflächlichkeit nur die Außenseite des Lebens beachtend und auch in der Religion nur Höchstens an dem Aeußeren klebend, find nicht im Stande, dem häuslichen Leben jene Tiefe und Wärme zu geben, die den mit dem Lebm ringenden Mann für das Haus und das religiöse Familienleben zu gewinnen im Stande wäre. Und die Folgen? Der Raum eines Zeitungsartikels reicht nicht hin, sie aufzuführen; und unsere ^Feder ist zu schwach, ein Schauergemälde zu entwerfen, wie das, das uns vorschwebt, wmn statt gediegener Volksschulbildung, und im besseren glücklichen Falle statt eingehender und gründlicher höherer Bildung unsere Mädchen fort und fort nur an d e n Quellen geistige Nahrung schöpfen, wo Oberflächlichkeit, Leichtsinn, Ler- und Zerrbildung ihr Thell ist. Oberflächlichkeit und Seichtigkeit der Bildung führen im Lebm zur Langweile und zum Leichtsinn mit all seinen