Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 5 (1865)
- Issue
- 50 (14.12.1865)
- Date
- 1865-12-14
- Page
- Seite 208 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Wohl wird das heilige Land, im Zuruckschauen aus unsere frommen Väter, die darin, gelebt, haben, in unserem Herzen immer wehmüthig ernste und heilige Erinnerungen wachrufen. — Wird doch jedwede Nation, die ihrer Selbstständigkeit beraubt worden, gleiche Erinnerungen bewahren! . Wohl soll diesen Erinnerungen auch in unserem Gottesdienste eine geeignete Stätte gewahrt werden; es darf aber dies 'nicht die Axe sein, nm welche sich all unser Sehnen, Wünschen nnd Hoffen dreht. Wer möchte die Behauptung ausjp rechen^, daß sich nur ein Hunderttheil der Beter der ebengenannten Gebetstücke an emer Auswanderung nach Palästina betheiligen würden, selbst wenn ihnen Aussicht aus Wiederherstellung eines Theils der früheren Herrlichkeit geboten würde? Wahrheit aber ist der Siegel Gottes: ioiin nox 1"2 p",~. Das ganze sittliche Leben des Menschen stützt sich aus Wahrheit und Wahrhaftigkeit; um so mehr muß an heiliger Stätte, vor dein Gott der Wahrheit nox f>x das Wort, das wn ausiprechen, der-volle und wahre Ausdruck unserer Gefrihle sein. De»m, Er, der Heilige, gelobt sei sein Raine, ist cs 2?' ii’?2 rrrai, der Herzen und Nreren prüft- Tagtäglich übertreten wir das heilige Gebot xsi x> „Du sollst den Namen Gottes nicht, vergeblich aussprechen/ wenn wir fernen Namen in einem Gebote aussprechen, welches nicht der Ausdruck unieres Gefühles ist. Soll daher der Gottesdienst ar der Synagoge nicht ein geist- und qemüth loser und damit der Religion des Lichts und der Wahrheit nachlherlig >cin, so müssen die für die Jetztzeit unwahren Gebetstücke beseitigt, er muß reformirt und dadurch würdiger gestattet werben. b) Uu'rre gegenwärtige Stellung nach Außen fordert sie. Es ist dies zum Theil schon in dem bereits Gejagten erwiesen. Nur noch wenige Worte habe ich hinzuzufügen. Herr iJr. Stein sagt in seinem Vorworte zur Synagogen- Ordnung Folgendes: „Der öffentliche Gottesdienst. ist gleichsam das Angesbt, was enie?teligionsgesellschaft der Welt zeigt; und sowie sich in den Gesichtszüge,l Geist und Gemüth, Charakter und Schikiol allniahlig treu ausprägen: so spiegelt sich dies Alles in Betreff der Glaubensgemeinde klar in ihrem Cultus ab!" Welchen Spiegel zeigt aber unser gegenwärtiger Gottesdienst auf dem Lande? Ein trauriges Sprüchwort kennzeichnet ihn: „Es geht zu wie. in einer Judeiffchüle" pflegt man oft zu hören, wenn man einen hohen Grad von Unordnung und Durcheinander bezeichnen will. Leider läßt sich diesem Sprüchworte in den meisten Landgemeinden nicht widersprechen. Unregelmäßiges, unanständiges Ein- und AuSgehen beim Gottesdienste; unanständiges Verhalten während desselben, lautes ungeregettsS Singen, lautes Veten, profane Gespräche, ja oft Zwistigkeiten, über welche dann nur zu oft die betreffenden Kreisämter zu entscheiden haben; ja, daß in den meisten Landsynagogen noch eine Synagogenorduung angeschlagen sein muß — das ist fürwahr ern trauriges Merkzeichen der Unordnung. Am treffendsten wird das Wesen des Gottesdienstes auf dem Lande durch jene Anekdote geschildert, nach welcher der jnn -is’ d. i. der böse Trieb mit dem 2101 -ist* d. i. dem guten Triebe einm Vertrag abgeschlossen hatte, dahin lautend, daß er, der yn isp nur Theater und ähnliche Orte, wo den Sinn-n gehuldigt wird, besuchen wolle, ihm, dem 210,1 -hp aber die Gottes- und Lehrhäuser allein überlassen wolle. Als nun aber der 2101 is» einmal ein Gotteshaus betrat, oen jni -isp bereits dorten fand und denselben über seinen Wortbruch zur Rede stellte, entschuldigte sich Letzterer mit den Worten: „Ich ging vorüber und mußte dem Lärmen nach annehmen, es sei ein Theater." Der Jsraelite der Jetztzeit aber will gegen seinen nichtjüdischen Zeitgenossen auch in Bezug auf den Gotesdienst nicht mehr zurückstehen; er würde sich durch eine solche Vergleichung gekränkt fühlen; er fühlt, daß es deßhalb mit seinem Gottesdienste anders werden muß. Das Wie? ist ihm aber nicht klar, es muß ihm klar gemacht werden, — es muß ihm gezeigt werden, welches die Schäden au feinem Gottesdienste sind, für deren Heilung gesorgt werden muß. Dies Allen kann nur geschehen durch die Reform. Kömmt nach irgend einer Landgemeinde einmal ein Rabbiner um zu predigen; wird eine Trauung, eine Consicmation, eine Synagogen- oder Thoraeinweihung abgehalten, so freut sich der Landjude, wenn die eingeladenen und beiwohnenden Christen ihren Beifall über den abgehaltenen Gottesdienst mit Predigt und Gesang nicht versagen können; er freut sich, wenn sie anerkennen: „Euer Gottesdienst war feierlich und schön!" Aber warum soll eine solche Anerkennung zu den Seltenheiten gehören? Sollte nicht jedem jüdischen Gottesdienste dqr Bekenner eines anderen Glaubens anwohnen können uüd sogar dabei Erbauung finden? Wird ja das jüdische Gotteshaus ein GcbethauS für alle Völker! genannt? ' ' o’oyi b2b xip' iben rvo ’no '2 „Denn mein Hans soll ein Gebethaus für alle Völker genannt werden" spricht der Prophet im Namen Gottes. Wird, ja in dem ersten Gebete, welches von König Salomo in dem von ihm erbauten Tempel verrichtet, dasselbe ausgesprochen in den Worten: ,np:m pxn X21 ,xii bxiL" poyo-xp ier« ”12n r>x du . i'2'i D’Etpn yovn inxi L21 ps» jyop „Aber auch den Fremden, der nicht von deinem Volke Israel ist, und kömmt aus fernem Lande um deines Namens Willen, so erhöre Du im Himmel und Ihne nach Allem, was der Fremde zu Dir ruft." An jedem Sabbathe, jedem Feiertage, muß ein Andersgläubiger in unser Gotteshaus treten, eine übersetzte Tefilla zur Hand nehmen dürfen, ohne tn derselben irgend etwas Auffallendes, Ueberhebung oder unberechtigte Klagen z» finden; er muß es verlassen mit der Uebrrzeugung: Die Israeliten verehren den Gott der Liebe wie auch wir; sie kennen keinen Gott der Rache; — sie sind unsere Brüder; — unsere Väter thaten Unrecht; sie zu verfolgen, und wir haben die Pflicht, ihnen die erlittene Unbill auS der Vergangenheit, in der Gegenwart mit Freundschaft und Liebe zu ersetzen. Mit einem Wotte: Unser Gottesdienst muß ozrn arrrp verbreiten! Soll er zu diesem erhabenen Ziele Mitwirken, soll er diesem Bedürfnisse der Zett, uuserer gegenwärtigen Stellung