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Der israelitische Lehrer · 1865-12-07 · 49 (7.12.1865) · p. Seite 204

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
5 (1865)
Issue
49 (7.12.1865)
Date
1865-12-07
Page
Seite 204 (sequence 2)
Language
German
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201 > weniger Diejenigen, die sich erkühnen, für die Reform wirken und schreiben zu wollend - Dennoch freute es mich, als beim Schluffe unserer vorjährigen Konferenz (in Worms). dieses Thema zum Gegenstände für die diesjährige in Vorschlag gebracht und angenommen wurde. Ich freute mich, weil ich es für dringend geboten halte, daß der jüdische Lehrer, der ja größtentheils auch mit der Leitung des Gottesdienstes betraut ist, sich auch einmal auf diesen Zweig seiner Berufsthätigkeit begebe, und daß sie, (die Lehrer nämlich) auf einer oder mehreren Conferenzen ihre gegenseitigen Ansichten über diesen Gegenstand in freundschaftlich collegialischer Weise austauschen. Um jedem Borwurf der Anmaßung oser Ueberhebung von Seiten meiner, wie unserer Conferenzen im Voraus vorzubeugen, erkläre ich zugleich, daß einen anseren Zweck als den eben angedeuteten, (freundlichen Gedankenaustausch über den beregten Gegenstand) unsere heutige Besprechung! nicht haben kann, da wir nicht competent sind, über, eine! Sache entscheidend zu beschließen, die auf zwei Versamm- > lungen, deren Kompetenz weniger bestritten werden konnte — (ich meine die Rabbinerversammlungen zu Braunschweig und Frankfurt a. M.) wenigstens für das Land unentschieden geblieben ist. Ehe ich nun zu meinem' Gegenstände übergehe, muß ich mein Bedauern darüber aussprechen, daß sich nicht eine gewandtere Feder als die meinige ist, der Bearbeitung dieses Themas unterzogen, da ich mich einemso reichhaltigen Stoffe nicht gewachsen fühle. Nur das Vertrauen auf Ihre Nachsicht und Schonung in Beurtheilung meiner schwachen Arbeit gab mir den Muth, mich derselben zu unterziehen. Den zu besprechenden Gegenstand habe ich in folgende Fragen eingelhellt: . 1. Ist eine Reform des - Synagogen - Gottesdienstes nothwendig? 2. Ist eine solche.im Judenthum überhaupt zulässig, erlaubt? 3. Wie soll sie angebahnt werden, und durch w n? 4. Und hauptsächlich: Was soll und kann der Religions lehrer dazu beitragen, der Reform in seiner Gemeinde eine Grundlage zu verschaffen, resp. sie zu fördern'? I. Die Reform des Synagogen Gottesdienstes ist nothwcndig aus zwei Gründen: . a) Das innere religiöse Bedürfniß erheischt sie, b) Unsere gegenwärtige Stellung nach Außen fordert sie. ' — i a) Wer, der es mit unserem in den meisten Landgegeimünden noch bestehenden Gottesdienste aufrichtig meint, wzrd die Mängel leugnen wollen, an welchen derselbe leidet?! Wer, der den Drang fühlt, sein Herz im gemeinsamen Gebete mit seinen'Brüdern zu Gott zu erheben rrb npan niM« wird nicht anerkennen müffen, baß die gegenwärtige Form deffelben diesem Bedürfnisse nicht entspricht? Findet sich etwa bei unserem Gottesdienste auf dem Lande die erhabene Stimmung, die Ruhe,-, die Drdnung und der Anstand, mit einem Worts die Andacht, welche als die Basis eines jeden Gottesdienstes betrachtet werden muß? Herr Dr. Stein schreibt in seinem „Israel. Volkslehrer", II. Jahrgang, in einem Briefe an einen aufgeklärten aber der Reform abgeneigten Rabbiner Folgendes: „Ich begleite Sie, wenn Sie's erlauben, von der Straße in die Synagoge. Hier fehlt auf dem Lande fast überall, was die Ehre Gottes und des Ortes erfordert: Orvnung, Anstand, Würde — Alles! Fühlen Sie nicht oft. wenn Sie hier unter den Summenden, Brummenden, Lärmenden, Schreienden stehen, den Vorwurf unserer Weisen, den sie in die Worte des Propheten kleidettn: -pniO nj ronprt „Bring einmal deine Bttte so vor deinen Fürsten — wie wird er Dich aufnehmen?" Und ruft Ihr verletztes Gefühl nicht zürnend in Ihnen aus: „Das darf nicht so bleiben, das muß anders werden?"" Nachdem Herr Di-. Stein noch einige auch auf dem Lande größtentheils (Gottlob!) jetzt nicht mehr vorkommende Geoser Mißbräuche gegeißelt hat, die ich übergehen will, fährt er weiter unten fort: \ Im Lause des ganzen Jahres ist noch in den meisten Landsynagogen der Gottesdienst ein wahres Toliu ^Wiohn, ein täglich sich wiederholendes D2>n Ich bitte, gehen Sie doch einmal in die Dorfkirche! Feierliche Stille — Ordnung — Anstand — Würde — bet ungebildetste Bauer, gezähmt, gehalten, gehoben vor seinem Gott; er weiß, wo er sich befindet! Bei den Israeliten aber wird dis ernste T3iy nnx '2 ’js? jn „wisse, vor wem Du stehst" in dm neuen Synagogen mit der alten Unordnung noch lange als Ankläger zeugen gegen den Hohn, welchen eine unwürdige Gottesdienstweise mit jenem heiligen Spruche tagtäglich treibt." Bittere Worte dies, aber leider traurige Wahche.t! Wer wollte sie bestreiten? Selbst der schlichte, einfache Landjude, der allen seinen Fasern an dem Altherkömmlichen hängt, leugnet nicht, daß seinem Gottesdienste die Ordnung, die gehörige Weihe fehle; er fühlt das Bedürfniß, daß es anders werden müsse, fürchtet sich aber, es sich eiazugestehen, da er nicht weiß, wie diesem Bedürfniß abzuhelfen, ohne daß das, was ihm durch die Gewohnheit heilig geworden, dabei verlieren könnte. Schon vielmals habe ich strengreligiöse Landleute, die auch um kein Haar breit von den alten Satzungen ab weichen, sagen hören: „Unser Gottesdienst ist Zwang, nur Gewohnheitssache, das wahre religiöse Gefühl d lebt ihn nicht, weil die Gebete zu lang und zu unverständlich sind rc. Und sie haben Recht! Der Gottesdienst in den meisten Synagogen auf dem Lande kann in kurzen Worten treffend geschildert werden durch die Worte des Propheten Jesams, wenn er spricht: ’jaa pm obi ,’jrpD rnsEQi ,i’S3 n:n a>n *2 o'd': maPo g’zon rosa tn anxi’ -nnt „Well dieses Volk sich mir nähert mit seinem Munde, mil seinen Lippen mich ehret, sein Herz aber hält es ferue von mir, und ihre Ehrfurcht vor mir eitel gelernte Menschensatzung rc. rc." Ja, Lippenwerk, Menschensatzung, ohne Andacht und ohne Gefühl, sind die Merkmale unsere» Gottesdienstes. Aber, warum ist es so? Steht etwa der obenerwähnte Bauer an Blldung und Wissen und in der Sitte höher als der Landjude? Gewiß nicht! - i

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