Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 5 (1865)
- Issue
- 39 (28.9.1865)
- Date
- 1865-09-28
- Page
- Seite 164 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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164 wir langweilig. ES ist doch auch-wohl denkbar, ja, es muß so sein, daß der Lehrer selbst in seinen ReligionSanschauungen fortschreitet. Ich wenigstens habe jetzt tiefere oder höhere Anschauungen — ich weiß nicht, wie ich er nennen soll -4-, als ich vor 20 Jahren hatte, und wie könnte ich da denselben Gang verfolgen, den ich damals genommen habe? Ich verlange dann auch 2), damit der Religionsunterricht nach ächt pädagogischen Grunssätzen ertheilt werde, daß er den ganzen G.lft des Schülers erfasse. Wir verlangen es ja eigentlich in der Jetztzeit von allem Unterricht, daß derselbe den ganzen Menschen bilden soll; wir können aber nicht unbedingt bei jedem Gegenstände alle Thätigkerten des Geistes in Anspruch nehmen; ich wüßte mir es nicht zu denken, wie ich m der llköcheustuude gerade auf das Gefühl hinwirken sollte. In der Religionsstunde aber soll der kindliche Geist nach seinen 3 Hauptrichtungen des Denkens, Wollcns und Fuhlens ergriffen werden. Das Kind soll erbaut werden in der Religioasstunde, wie der Erwachsene iß der Kirche*), d. h. der Geist soll wachsen, er soll nach allen Seiten zunehmen, er soll empor gerichtet werden, er soll erhoben werden zum Höhern. Um ganz verstanden zu werden, habe ich absichtlich diesen Theil meines Themas in Unterabtheilungen zerlegt. Der Unterricht mnß vor Allem zur Klarheit im Denken führen; dies muß ich voränstellen. Denn Wollen und Fühlen, wenn es rechter Art sein soll, kann nur auf richtiges, klares Denken gegründet sein. Religion »st Sache des Glaubens**); Glaube ist Ueberzeugung. Wie Mancher von unS ist wohl schon durch den schon genannten edlen Schmidt hingeriffen worden? Mich und gewiß Andere hat er auch oft im engeren Kreise begeistert, wenn er seine Ansichten über Religion mit uuS austauschte. Aber mit einem Satze iu seinem letzten Werke kann ich mich nicht einverstanden erklären. Er sagt: „Es gibt im Menschengeiste ein besonderes Organ zur Erfassung der geistigen Welt (den Glauben), eine für sich selbstständige und von andern verschiedene Geisteskraft.* O, ich möchte ihn, den treuen Kämpfer für Wahrheit, der jetzt das, was uns dunkel erscheint, in einem klarer» Lichte bereits schaut, zur Stelle haben, damit er diese Worte seines Werkes auslege. Hat er damit gemeint, daß eS in jedem Menschen eine Ahnung des Göttlichen gibt, dann bin ich vollkommen mit Ihm einverstanden; dann liegt es aber am Lehrer der Jugend, die Ahnung zu einer gewissen Ueberzeugung, zum Glauben zu entwickeln, und das umsomehr, wenn darauf ein kräftige- Hanseln gegründet werden soll. Es ist das um so nothwendiger, da wir uns zur Aufgabe gestellt Habens unsere Schüler, in unfern Tagen, m allen Theilen des Unterrichts zum Denken zu führen. Wie sollten wir sie bei dem im Dunkeln lassen, was dem Leben die höchste Weihe gibt,' und wie würden wir sie für ächte Religion gewinnen können, wenn ste den Gesetzen des klare» Denkens widerstrebte? Darum wollen wir uns bemühen, die Begriffe der Religion zu entwickeln, zu berich- *) Cvnagoge. —) Hilnntr ist sie Synagoge nicht ga»; einverstanden; int« ist Religio» auch Sach« der ErkenNtniß, «nd diese, di« Srkrnntnch — soll jitzre» znr reti^ifta That. — Red. tigen, zu erläuteru und zu befestigen. Wir sollen UNS nicht! darauf «erlassen, daß das Gefühl das Denken ersetzen fcmwX unklare Gefühle führen nur zum Verderben. Aber »$|! wollen da so thun — wir wollen den Religionsunterricht! so ertheilen, daß er den Schülern noch für die Folgezeit! zu denken gibt. Sie müssen nicht glauben, mit der Consic-! mation ihr Nachdenken über Religion abgeschlossen zu habe,;! sie müssen es begriffen haben, daß ihnen noch viel bleibt,'! daß sie noch lange nicht die Religion in ihrer Tiefe ersetz! haben. Die Schule muß sie aber befähigen, auf dem ge-I legten Grunde fortzubauen und durch selbstständiges Foc-I schen weiter zu dringen Nur nichts Langweiliges, ninl nichts Gedankenloses und kein Autoritätsglaube! Nie unter-1 lasse ich es, meinen Schülern, vorzüglich noch einmal gege,! die Coasirmation chin, zu sagen: „Ich habe Euch mitgetheilt,» was ich aus meinem tiefsten Herzen Euch an Religion gebe,! konnte; nehmt es jetzt auf mrt emem empfänglichen, ich will sagen, mit eurem gläubigen Gemüth; aber denkt weit«! nach über die Religion, forscht in Gott und seinem Wort,! nehmt nie dar, was ich euch gesagt habe, darum an, weil! uh es gesagt have, sondern nehmt es an, wenn ihr Mann« I seid, wenn ihr glaubt und fühlt, daß es mit eurer Ueder-1 zeugung übereiastlmmt. Rur legt die Religion nicht beiseite, I sondern erwerbt sie euch von jetzt au erst recht." — sch I denke, wenn wir so thun, werden wir ein Geschlecht heran-1 bilden, welcheauch späterhin noch für die Religion begeistert I ist, und dann haben wir viel gewonnen. I Das wird um so mehr der Fall sein, wenn wir «I dahin bringen können, die Schüler auch im Wollen zu kcäf-1 tigen. Wir sollen mit dem Wissen immer das Können vec-1 binden, und das, glaube ich, ist der Hauptpunkt, welch« in dem Religionsunterricht noch übersehen wird. Es matz I vor Allem dem Schüler klar werden, daß die ganze GotteSerkenntniß nur Werth hat, insofern sie unS zur Pflicht hiaführt. Die Forderungen der Religion muffen vor Allem in den Vordergrund gestellt werden. Es sei ihnen zunächst klar, daß die Religion nie etwas Unmögliches verlangt^ oat ist der Vorzug unserer Religion, daß sie sich entschieden oer Menschennatur angepaßt hat und jedes menschliche Bedürfniß in allen seinen Theilen befriedigt; und so wollm wir diesen Vorzug nicht dadurch vergeben, daß wir das Wall» als unerreichbar darstellen; aber eben darum muß «S auf klare Erkenntlich gebaut fein. Die Feindesliebe z. B., die Sanftmuth, wie Jeder sie verlangt, muß klar gemacht werden, damit wir der Entschuldigung vorbeugen, es sei i« gewöhnlichen Leben nicht möglich, die Forderungen der Religion zu erfüllen. ES sei unser besonderes Augenmerk, solche Beispiele zu wählen und die entwickelten Wahrheiten so anzuwenden, daß sich der Schüler überzeuge, daß der Mensch in allen Lagen des Leben-, im Glück und Unglück ihre Forderungen erfüllen kann, ja daß er es muß, wenn er den Friesen erringen will, dem wie Alle nachjage». Dann wird er nicht glauben, daß die Religion nur für die Festzeiten und Sonntage oder für de« Staad der Geistliche» und der Lehrer da fei, sondern «r wird begreifen, daß Niemand sich den Forderungen derselben entziehe» kann und darf, so müssen wir die Schiller auch lehren, daß sie alt Kinder schon diese Folgerungen zu erfülle» vermögen. Gewiß ist r» zweckmäßig, wenn wir ihaeu besonders mit Ernst