Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 5 (1865)
- Issue
- 36 (7.9.1865)
- Date
- 1865-09-07
- Page
- Seite 149 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4896751-5428734-5431529--1159-4897701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
149 geschrieben haben, die auch dem christlichen Leser das Auge öffnen müßte. Was weiß Herr Platz vom Pharisäerthume? Nichts, als was die Evangelisten, die doch Partei sind, Widersprechendes von ihnen aussagen. Ist das unparteiische Geschichtsschreibung? Herr Platz weiß nicht, daß wir Juden der Neuzeit anerkennen, wie wir gerade den Pharisäern die volksthümliche Entwicklung des Judenthums zu verdanken haben; daß sie uns gerettet haben vor Verknöcherung durch! Priesterthum und durch Geburtshirarchiej; daß s i e den Schwer-! punkt des jüdischen Lebens nicht in Opfer, nicht in Werk-! Heiligkeit, nicht in äußerliches Ceremonienwesm — wie man den widersprechenden Zeugnissen der Evangelisten nach glauben könnte, — sondern einzig und allein in die Fortentwicklung der Lehre und des Lebens durch die! dem Volke entstammenden Männer der Wissen-; schaft legten, die wieder nicht eine bezahlte Gelehrten-; käste, sondern einfache Männer aus allen Lebensstellungen und Kreisen des Volkes waren. Wir können dies hier; auf dieser Stelle nicht so Nachweisen. Wer darüber Kunde! haben will, lese die Schriften Jost's, Grätz's, Geigers, und Anderer. Allein wir können doch einen Ausspruch eines großen Pharisäers, der das Haupt der Pharisäerschule seiner Zeit und die anerkannteste Autorität derselben war, hier ausführen, und wir möchten sehr zweifeln, ob die gesammte christliche Literatur alter und neuer Zeit diesem Ausspruche etwas an die Seite zu setzen hätte, was ihm an Einfachheit und Erhabenheit gleich käme. „Zu Hillel, dem großen Schriftgelehrten, kam einst ein Heide, und sagte: > Lehre mich das Judenthum, so lange ich auf einem Fuße! stehe; Und Hillel erwiderte: Was Du nicht willst, daß > man Dir thue, das thue auch Deinem Nebenmen-! schen nicht; das ist die ganze Religion, Alles Ucbrigc Ausführung und Erklärung." Sagt dieser Spruch etwas Anderes, als das, was Lessing sagt: „Wohlan (*6 cifrc Jeder seiner unbestochcncn Von Vorurthcilcn freien Liebe nach." Hillel aber war nichts als ei» großer Pharisäer, der. viele Jahre vor Jcfu-lchrtc;*) und der; Talmud hat-nnS diesen Satz von ihm überliefert, i Doch, seien wir gerecht: das < Gleichnis; von den Ringen komilc erst die neue.Zeit begreifen und erfinden. Weder Moics, noch Jesus, noch den Rabbincn und Pharisäern lag - eine Veranlassung vor, von „Konfession" und „äußerem Be- > kemitnisse" zu sprechen. .Sic hatten nur eine Menschenklasse! im Auge und nur eine Religion vor 4l,ngcn und bci dicsen war Confessio», Religion und Menschcnthum aufs Innigste! verknüpft. Sic konnten wohl für Innerlichkeit bei der Aus- | Übung der Religionspflichtcn und gegen Wcrkheiligkcit und Heuchelei predigen, und das thatcn die Rabbincn auch im reichlichsten Maße; aber cs lag ihnen vollständig ferne, ihr eigenes Bekenntnis; an einem anderen zu messen, Vas fast gar nicht für sic da war, das sic nicht kannten und das als Heidenthnm mit dein Judcnthnm gar nicht in Parallele kommen konnte. Sic wehrten sich, und das äst zu allen Zeiten und bei allen Geistcsrcvolutionen der Fall gewesen — gegen das Eindringen des Gricchenthums, das ihnen mit Verrath der -iation und mit Gotteslcugnen gleichbedeutend war, sic ivaren *) Starb 5 Jahr« nach <ähr. Geburt, ängstlich gegen, das Einschmuggeln fremder und unklarer neuer Ideen; cs waren aber, und das würde Herr Platz finden, wenn er die Geschichte des Judenthums prüfte, nicht die Man ner der Gewalt, die so dachten und wirkten, sondern die Männer des Volks. Das Abwägen des Menfchenwerths nach dem Bekenntnisse ist ein Produkt dieses Jahrtausends und es hat seinen Höhepunkt erreicht durch dir Spaltung des Ehristenthllms. Im Judenthum konnte derartiges um so weniger Wurzel fassen als der christliche Begriff: „Bekenntnis;", „Eon fcssion", als Zeugnis; der Wierkennung von Glanbeiisdogmen, gar nicht auf's Judcllthum paßt, das nirgends die Anerkennung von Glaubenslehren im christlichen Sinne an seine Spitze stellt. - t Fortsetzung folgt.) Wochenbericht. Alzey, IN. Auzust. Wir geben hier Bericht über die am 25. Mai d. I. zu Paris adzehaltene Generalversammlung der Alliance israelitu universelle — nach dem darüber veröffentlichten Bulletin. Die Versammlung war zahlreich besucht. Man bemerkte unter den Anwesenden: Albert Cohn, Av. Fra ick, Gustav; Halphcn, Gr.-Rabb.Isidor, Dr. Ad. Jona», Vorsitzender im Comitö ■ zu Berlin, Daniel Levy, Abgeordneter des Comites zu S an-Kran- ■ zisko, General Resstm Semama aus Tunis. j Die Neuwahlen für das Central-C »mit« ergeben: Allögri, BischofSbeim, ©real, Erlanger, Goldschmidt, Jaoal, Levt-Al- I varös, Rosenfeld und Eaint-Paul in Paris, Camondo in Constantinopel, Dr. Elkan Cohn m San-Kranzisko, Joseph Levi in Verceil, Maron En Florenz und Dr. Sarphati in Amsterdam. Der verlesene Rechenschaftsbericht spricht von der Wiicksam» keit, den Erfolgen und der Erweiterung der Alliance. Dieselbe hat seit der letzten G.neralvers. neue Mitglieder gewonnen. Unsre Leser erinnern sich der jüngsten Vorgänge in Tetuan, wo mehrere Juden in's Gefänanrß geworfen, aber die unter dem Schutze der auswärtigen Machte f::henden alsbald durch den energischen Protest der diese Mächte vertretenden Consuln wieder daraus befrett wurden. Der Wortlaut dieses Protestes ist dem Bulletin beigefügt. Besonder» wird auch wieder die Gründung von Schulen betont. Es heißt darüber: „Auf die Verganzenbeit zurückschauend, finden wir zu >eder Zeit zwei Dinge i» unserer Geschichte vereinigt: die Religion und die Wissenschaft; die Religion, um die Wissenschaft anzuregen, und die Wissenschaft, um die Religion nuyvar zu machen." Es läßt sich auch nicht leugnen, daß, so nothwendig und heilbringend die momentane Abwehr feind» licher Angriffe Seitens der Alliance für unsere "Glaubenbrüder aller Orten sein mag, die Gründung von Schulen zur Bwbreitung von Bildung unter ihnen ein viel rabtcaleres Hnl- und Schutzmittel für sie. ist, namentlich ivd die Anhänglichkeit an der Religion einer- und der Mangel an Bilvung andererseits sie von der übrigen Bevölkerung in politischer und socialer Beziehung abschließt und ihnen auch dadurch die Fähigkeit abgeht und die Mittel fehlen, ihre äußere Stellung selbll bessern zu helfen und gegen jeglichen Angriff sich selbst zu verthetdizen. Unter den von der Alliance subventionirten Werken wirk besonders der wiffenschaitlichen Arbeit M. Sapr'his über Pemen Erwähnung gethan, eines hebräisch abze aßken Wertes. Es heißt von dieser Schrift, deren Herausgabe erwartet wird, daß man glaube, mjt deren Unterstützung der Geschichte und der Wissenschaft einen Dienst zu erwei en. Der Verfasser hat die betreffende Gegend selbst bereist. Das Activ-Vermögeu der Alliance beläuft fick auf Krcs. '»0 Ets. Die Tunesische Sammlung lieferte ein Resultat von