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Der israelitische Lehrer · 1865-06-29 · 26 (29.6.1865) · p. Seite 102

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
5 (1865)
Issue
26 (29.6.1865)
Date
1865-06-29
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 hat, nicht vor dem achten ja neunten Jahre beginnen, noch ehe das Kind diese deutschen Formen kennt! WaS geschieht während dessen mit den Kindern? Sie oren, oren und oren. Nichts als oren. Dadurch wird aber ein so geisttödtender Unterrichtszweig in die Schule eingeführt, daß alle Kraft des Lehrers nicht hinreicht, die übelsten Folgen für den gesammten Schulunterricht zu paralysiren. Ist der krasse Mechanismus, das gedankenlose Hinptappern unverstandener Worte und Sylben einmal zur Gewohnheit geworden, so wird das Kind nie mehr dazu gebracht, das Hebräischlesen mit Gedanken zu verbinden. — daher das andachts- und sinnlose Ableiern der Gebet.', daher Mißmuth und Gleichgültigkeit für den EülkuS selbst bei den Erwachsenen. Wie selten denken die Menschen an die letzten Folgeu einer in ihren Anfängen anscheinend so unschuldigen Sache I Nur der pädagogisch durchgebildete Lehrer wird von seiner Stelle in der Schule a,ls auf das Leben und die Endresultate seiner Wirksamkeit zu schließen im Stande sein! Hören wir aber die Lehrer in Conferenzen, wenn gerade obige Frage, die wir aus vollster Ueberzeugung als eine. Lebensfrage der jüdischen Schule und des jüdischen Cultus, mithin als eine Lebensfrage des Judenthums betrachten, besprochen wird: welche Masse von Befürchtungen wird da laut, die alle auf das Eine hinauslaufen was würden mein Vorstand und meine Gemeindemitglieder, was würden die Väter und Mütter dazu sagen, wenn der nun schon siebenjährige Junge, der bereits seit einem Jahre die Schule besucht, noch nicht „oren" könnte! Sie haben hier an einem Beispiele aus der Schule, was sich durch das ganze Leben des Lehrers zieht und dessen beste Kräfte und beste Gedanken aufzehrt. Roch immer sind die Lehrer zu abhängig von dem guten und bösen Willen aller Gemeindeglieder und oft sind es die nichtssagendsten Ursachen, die dem Lehrer das Leben verbittern, ihn in seinem Wirken, in seiner Fortbildung, in seinen Beziehungen zum Leben und zu seinen Standesgenoss «beengen. Am schlimmsten ist dies wohl bei den sogenannten Religionslehrern und unter diesen wieder bei denjenigen des Großherzogthums Hessen der Fall; diese sind herrenloses Gut ihrer Paschaparuoßim; für sie gibt eS fast kein Recht und kein Gesetz. Ein solcher Religionslehrer im Großherzogthum Hessen, wenn er kein ganz besonderes Glück hat. ist wahrlich der unfreieste und bedauernswertheste Mensch der deutschen Laude. Auf 3 bis 5 Jahre „gemiethet," ist er an seinen Vertrag gebunden, auch wenn die. Behandlung von Seiten seines Parnaß die. gemeinste und oft schandbarste ist. Er ist ein Knecht, ein Sklave ' der oft wunderlichsten Launen und Einfälle. Wehe ihm, wenn er sich diesen nicht fügt. Dabei tritt nun, insbesondere in der neuesten Zeit, sehr oft der Fall ein, daß der so gemißhandelte Lehrer während dieser Vertraqsperiode eine einträglichere und freiere Stellung bekommen könnte. Aber er ist gebunden; er darf nicht fort. Das ,st ein Verbrechen wider die Freiheit des Menschen, eine der ärgsten Vergehungen wider den Lehrerstand und wider die Mcnschennatur. Wie, einen freien Menschen an die Scholl« binden, einem Lehrer, der im besten Falle nur ein bescheidenes Auskommen hat, die Möglichkeit einer Verbesserung feiner Lage abschneiden — «ährend man ihn nach Ablauf der Vertrags fortjagr, kann und dann ist auch jme Stelle verloren, zum Fottkommen aus drückender, armseliger Lage alle Möglichkit abgeschnitten — und die Jahre kommen und schwinden «nk das Alter naht-— Doch, verehrter Herr! ich muß kurz sein. Sind ja alle diese Klagen schon wie viel tausendmal wiederholt worden. Sie fallen für nn£ Lehrer zusammen mit dem Begriffe „Emancipation der Schule," die jedoch für den jüdischen Lehrer einen ganz anderen S:nn hat. Ich werde i« Verlaufe meiner Briefe einmal darauf zurückzukomme» suchen. Was wir wollen? Menschenrechte, ja, freie Menschenrechte! Schauen Sie sich um unter den Lehrern ihrer Bekanntschaft und fragen Sie sich: laaruttt Sie gerade in diesem Stand« unter den Genossen des heiligsten und herrlichsten Berufe» so oft körperlich und geistig gedrückte und, wenn wir ihre ursprüngliche Beanlagung beachten, fast verkümmerte Gestalten sinden? Wir hören so oft von Einseitigkeit, vo» linkischem und ungeschicktem B nehmen der Lehrer, vo« Lehrereftelkcit und wieder von der Servilität der Lehrer sprechen, daß wir fast nicht wissen, woran wir uns eigentlich halten sollen. Fragen wir uns doch einmal, woher das Alles, woher diese anormalen Gestaltungen, woher der Lehrermangel und der Lehrermangel, woher die stereotypen Schulmeisterfiguren? Wenn ein Schreiner-, Schlosser- und Schneiderjunge in die Lehre tritt, so schaut er mit der Hoffnung in die Zukunft, durch eigene Kraft einmal eine freie und sichere Stellung im Lcb-n sich zu erringen, er kann selbstständig, sein eigener Herr, Meister, werden; er ist der Schöpfer seines Glückes. Er leitet seine Angelegenheiten selbst, und StakdeSgenossen leiten etwa gemeinsame Angelegenheiten, deren er übrigens nur wenige gibt. Aber der Lehrer? Bevormundet, gemeistert, geplagt, gehudclt und gemaßregelt von dem ersten Eintritte in sein Amt bis zu seinem Tode, wird er nie frei, bleibt er der ewige Sklave der Genossen anderer Stände, die für sein Leid und seine Freude kein Mitgefühl, für seine Wirksamkeit kein Berständ- ,uiß haben. Er kann nie frei, nie selbstständig werden. I» die Angelegenheiten seines Standes, in seinen eigenen Angelegenheiten mitzusprechen erlaubt man ihm nicht. Hier ist» der Vorstand, dort der Bürgermeister, hier der Schulvorstand, dort der Geistliche, hier die Kreis-, dort die ober ste Regierungsbehörde, die seine Wirksamkeit regelt, einengt, beschränkt und erweitert nach Gutdünken, dtd nm der pädagogische, erweckende, belebende, selbstthätige und zur Entwicklung und Selbstständigkeit führende Geist herrscht nicht darin. Der Lehrer wünscht, daß er frei sein könnte im Lebe«, wie die Genossen anderer Stände; daß sein Wirken nur geprüft werde durch Glieder seines Standes, die für sei» Thun und Wollen Smu und Verständniß mitbnngen; da» er über die Leitung seiner eigenen Angelegenheit.'» befragt werde und ein Wort mitzusprechen habe; daß er unabhängig sei von der Gunst oder Ungunst E.uzelner, nur verantwortlich sei Gott und derjenigen Behörde, die, weil sie

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