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Der israelitische Lehrer · 1865-01-05 · 1 (5.1.1865) · p. Seite 2

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
5 (1865)
Issue
1 (5.1.1865)
Date
1865-01-05
Page
Seite 2 (sequence 6)
Language
German
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2 ' und da- Haupt aller Geistesbildung» so ist die Krone auf diesem Haupte DaS, war der poetische Genius der Nation Hohe- und Herrlichegewebt und gebildet hat. Und dieses schmückende Diadem darf namentlich auf dem Haupte des Weibes nicht fehlen. Wie die Schöpfung nicht vollendet war, bis ihr mit dem Weibe die Krone der Anmuth aufgesetzt war, so ist das Weib selbst unvollendet, wenn ihr nicht der Sinn für das geistig Schöne jene höhere ' Lnmuth verleiht, welche ihr, als innere Schönheit, unzerstörbar verbleibet. Und wie es beim Beginne der Schöpfung heißt, über der trüben Fluthwebte und waltete der göttliche Geist, so ist es in alle Ewigkeit die Poesie, dieser Geist Gottes, der uns hoch oben hält, daß uns die trüben Fluthen des niederen Lebens nicht hinabziehen, und aus welchem das Licht geboren wird, welches unser Dasein verklärt. Ohne den Sinn für die höhern «Genüsse des Geistes geht der Mann draußen unter in den Fluchen der gemeinen Weltlichkeit, geht das Weib drinnen unter in den Fluthen der alltäglichen Häuslichkeit. Darunr steht uns bei, ihr Genien der Dichtkunst, ihr guten Geister, die ihr das Edle pflegt in der Menschenbrust I- Lebet und webet in diesen freundlichen Räumen; und Ihr beiden großen Meister des deutschcuGeistes, die Ihr von befreundeter edler Frauenhand 2) hier in der Höhe aufgestellt seid, ergießet Euren Geist in die Herzen unsrer Zöglinge, daß sie als deutsche Töchter heranwachsen, Euer würdig, Ihr hohen, geistigen Väter des deutschen Volkes I — Und wir kommen nun zu dir, holde Musika, himmlische Tochter, die in Sphärengesangen ihren höchsten Meister und Schöpfer preist. — Die Musik ist eigentlich dem weiblichen Gemüthe noch näher verwandt, als die Poesie; sie ist in der Kunst das eigentlich weiblich tiefinnige Wesen. -Im Manne kommt die irdische Schöpfung sich selbst zum klaren Bewußtsein; im W.eibe kommt sie sich selbst zur heiligen Empsindung- Und 'wenn nun unser herrlicher Dichter, dessen ganzes Leben der hohen Aufgabe gewidmet war, in geistig klarer Weise das Ideal zur Darstellung, zur Anschauung zu bringen, von diesem unerreichbaren Ziel so schön, so wahr singt: .Lprickt die Seele, so spricht, ack! schon die Seele nickt n-ebrl" — d. ch. das unaussprechlich Ideale, das wir im Innern ganz und voll erfassen, verliert, , wenn der Geist es in Worte kleidet, wenn es sinnlich ausgesprochen wird: so ist dies der hohe Vorzug der Musik, daß sie unmittelbar aus dem Gemüthe wirket auf das Gemüth; daß sie unausgesprochen daS Unaussprechliche wiedergibt, und das Uebersinnliche, zur innigen, zur innigsten Empsindung bringt — ebenso wie das Weib vollkommen ist in seinem Gemüthsleben, während der Mann in seiner Geistesbildung unvollkommen bleibt. — Luch davon singt unser Lieblingsdichter so herrlich in seinem köstlichen Gedichte „Würde der Frauen," indem' er von diesen, dem Manne gegenüber, spricht, sie seien .Freier in ihrem aebur,denen Wirken, Reickrr oU er in des Wissens Bezirk:»". Mögen unsre Zöglinge, mitwirkend oder aufnehmend, in diesen Räumen von der Weihe der Tonkunst erfüllt und beseligt werden; nnd willkommen seien die trefflichen Meister 2) Fräulein LH. 6. R. hat di« Büsten Schiller'- und ÄL the's in den neuen Saal gegeben. dieser erhabenen Kunst, welche in Spiel und Gesang diese» vorzügliche BlldungSmittel in unserem Hause pflegen und mehren! — Die dritte der Künste, die dritte der drei vereinten herrlichen Schwestern, steht uns hier ferner, und ich w«ß . nicht, ob auch sie, durch einen ihrer erfahrenen Kunstjünger, - uns diesen Weiheabend wird verherrlichen helfend) Allein, ich frage Sie, meine Verehrten! ist nicht die Erziehungskunst selbst die eigentlichste bildende Kunst? — WäS hat diese, von der ältesten bis auf die neueste Zeit, Herrlicheres darzustellen gestrebt, als den Menschen, in seiner edlen, erhabnen Menschlichk.it, die zugleich ist seine Gött- < Uchkeit, seine Gottebenbildlichkeit? Und dasselbe, nur noch in höherer Weise, nicht durch Stein und Leinwand, jondern in Leib und Leben, in Geist und Seele, streben wir Erzieher an, die wir nichts Anderes sein sollen und wollen, als Menschenbildner, das Göttliche in der Brust unserer Zöglinge zu wecken, es herauszugestalten, den noch ungebitoelen Stoff zu meiseln und ihm den himmlischen Geist einzuhauchen I — Nnd so ist die bildende Kunst in Ihnen, Hochzuverehrende, selbst an diesem Abend in unsrer Mitte erichienen; denn cs gibt keinen schönern Bildersaal, als einen Saal voll gebildeter Menschen!; Und indem ich Sie nun in diesem Saale nochmals herzlich willkommen heiße, in der beglückenden Hoffnung, Sie recht oft hier versaminelt zu sehen, gestatten Sie mir, nachdem ich Sie als Hausvater begrüßt, Sie auch im lltamen der Hausmutter, unserer lieben.Wirthin, willkommen zu Heißen. Was ist ein Haus, so auch der Geist mit allen Genüssen in demselben waltet, wenn ihm daS sinnige, innig-gemüthliche, theilnehmend zuvorkommende, sorgende Watten der Hausfrau fehlt? — Der Geist des Schöpfers ist in der Sprache männlichen, die himmlische Vorsehung aber weiblichen Geschlechts — und die Stellvertretelnn der gütigen Vorsehung im Hause ist die mütterliche Versorgerin der Kinder. „Die Augen Aller ydrren auf sie, daß sie ihnen Speise gibt zur rechten Zeit. Und milde öffnet sie ihre Hand und sättigt Alles was da lebt im Haufe mit Wohlgefallen." — Die Poesie ist die redende Kunst — die Musik ist die tönende Kunst — die Malerei ist die bildende Kunst,-die mütterliche Fürsorge des Weibes aber ist die liebende Kunst — und das »st die Seele von Allem! — So ist denn das heutige Fest nur eine Fortsetzung des gestrigen 4); und mit dem Liede, geliebte, theure Kinder, woniit ihr ,am gestrigen Morgen unsre theure Hausmutter begrüßt habt — ich bitte Euch, mit demselben Liede 5) krönet jetzt die Ansprache, welche ich zur Eröffnung dieses Saales und zur Weihe seiner verschiedenen Beziehungen einleitend gesprochen habe. Möge der allgütige Gott, der tm Mutterherzeu das Herrlichste auf dieser Erde geschaffen und den Himmel ihr eingeboren hat, walten über diese Räume, daß in denselben Liebe, Treue und Frieden walten mögen immerdar! 3) Herr Maler Sei müIler hat ble'e Vorabuung in den späteren Ubentfiunben durch ein herrliches Labieau, welches die Künste, um eine hau iche!Lcene grupp.rt, durch di« Zöglinge darstelite, erhebend »erwtiklicht. — 4) «eburtetag der Hausmutter. 5) Mutterherz."

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