Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1864-12-29 · 52 (29.12.1864) · p. Seite 206

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
4 (1864)
Issue
52 (29.12.1864)
Date
1864-12-29
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4896751-5428744-5431446--0953-4897533
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

206 Tu' Lehrer Mährens stehen nicht vereinzelt Es mögen, soviel wir uns erinnern, etwa 5—6 Jahre sein, als ein ähnlicher Kampf an irgend einer Provinz Deutschlands entbrannt war; — und "die jüdischen Lehrer waren fast einstimmig iür die Beibehaltung. der Schulaufsicht durch den Ortspsavrer. Es wurde die Ansicht, bei der Aufsicht des Pastors zu bleiben, selbst in jüdischen Organen verfochten. Welche Gründe können die Lehrer hiefür Vorbringen? 1) Unter unseren jüdischen Gemeindegliedern sind im Allgemeinen leider nur wenige oder gar kerne hinlänglich Gebildete, so daß sich von diesen ein segensreicher Einfluß aus die Gestaltung des Schullebens nicht '.erwarten ließe. Ungebildete Schulvorsteher aber würden der Schule nur Schaden bringen und deren freie Entwicklung hemmen. Das Amt eines Schulvorstehers würde von denjenigen unserer Gemeindemitglicder, welche die meisten Chancen haben, bei etwaigen Wahlen das Feld zu erhalten, gleichsam als eine Aöthigung betrachtet werden, dem' Lehrer mit oder ohne Grund als Gegner, ja selbst feindlich gegenüber zu treten, ui den Ausgaben für Schulzwecke zu sparen, ja zu geizen, den Lehrer zu chikaniren, ihm seine Unterordnung fühlbar zu machen, ihn als als Bediensteten, zu betrachten. 2) Der christliche Schulvorsteher, der Pfarrer, hingegen, betrackt-.t die mit seinem Amte verbunoene Aufsicht über die jüdische Schule nur als ein lästiges Nebenamt, für das er in den meisten Fällen nur ein sehr geringes Interesse hat. Er läßt daher den Mischen Lehrer, wo die Behörde nicht formell nöthigend eintritt, ungeschoren. Was kümmern ihn die nicht seiner Seelsorge anempfohlenen Minder? In seinen Augen find die Juden den Gliedern seiner Religions- Gemeinde an Bildung und Bildungsbedürfnis uns selbst an Anspruch auf Bildung untergeordnet, er 'verachtet den Juden -- achtet ihn mindestens nicht als ebenbürtig, und ist daher gegen die Hebung, das Fortschreiten der jüdischen Schule, im Ganzen, gleichgültig. Er betrachtet den Religionsunterricht als den'einzig wichtigen Theil des Schulunterrichts überhaupt, alles Andere, alle die hohen Anforderungen, die die weltliche Bildung "und Erziehung an den Lehrer und die Schule stellt, läßt ihn — auch in der ihm unmittelbar uirlergebeneu Schule feiner eigenen Konfession, gleichg ültig —, wenn er nicht diesem „Tand der Kinder der Welt^ *) feindlich gegenüber tritt. Da er nun den Religionsunterricht in der jüdischen Schule nicht beaufsichtigt, nicht beaufsichtigen kann, was bleibt ihm eigentlich »roch zu beaufsichtigen übrig? Er ist dem jüdischen Lehrer hold, ist ihm gegenüber leutselig, betrachtet ihn, der sich ihm dienstlich untergeordnet fühlt, als eine gebildete Ausnahme unter den Juden, zieht den mit einigem theologischen Wissen ausgerüsteten jüdischen Lehrer gewissermasien mehr an sich als die christlichen Lehrer, die, ihm mehr untergeordnet, oft in gespannten Verhältnissen mit chm leben. Wie konnte sich der jüdische Lehrereinen freundlicheren Schulaufseher wünschen? 3) Es bleiben noch die Rabbinen zu berücksichtigen. Allein abgesehen davon, daß in den Ländern, von welchen hier vorwiegend die Rede ist, die Rabbiner noch meistens ohne alle regelmäßige Schulbildung sind, und abgesehen davon, vaß diese zur örtlichen Schulaufsicht **) schon deßhalb ' ©antra#' "~ ") Dax man bei uns Vieser öriltcken Lchnlinspekttou entgegen ist, an diren. L-Ne in den ankeren Schnldesetzzebunzen einen Lthnlraih van vielen Mitgliedern setzt, in de« anch der Sebrer Sitz und Stimme bat, kann vier nid-t :r Betragt kommen. — sich nicht eignen, weil sie als Kreisrabbiner eben nur in einer Gemeinde, nicht in allen Orten ihres Sprengels, sein können kommt hierzu noch die Abneigung gegen die Aufsicht durch diese Männer, die Opposition gegen den Rabbinerstand, die an der Tagesordnung ist und überall hervortritt, die Rivalität zwischen Rabbiner und Lehrer, die Parteizwistigkeiten innerhalb des Judenthums, der Mangelan Organisation in den jüdischen Gemeinden n. i. s. in Betracht. Wir haben allen diesen sehr vagen Gründen nur wenige, aber wie wir hoffen, entscheidende Worte entgcgenzusetzen. Heilige Grundsätze oiüffen den Mann, müssen den Lehrer in seinem beil-.gen Berufe leiten. Nicht das ihm Zusagende und noch weniger das ihn seinen Beruf Erleichternde, aber demselben in seinen tieferen Beziehung Schädliche darf ihn führen. Wenn daher sü die jüdische Schule eine Behörde bestehen soll, die den Lehrer nicht allein zu beaufsichtigen und die Ausführung einer Aufgabe zu überwachen hat, sondern die ihn auch gegen gar Mancherlei schützt und stützt, so muß-diese Behörde von demselben heiligen Interesse für das Heil der Schule durchdrungen sein, wie der Lehrer selbst. Ist ein solches Interesse von dem Stande vorauszusetzen, der amtlich im Gegensatz nicht allein zur Religion des Judcnthums, sondern auch zu Allem steht, was deu Fortschritt, das geistige und materielle Wohl der Menschheit, die freiheitliche, naturgemäße Entwicklung des Kinves- und Menschengeistes bedingt? Die ganze civilistrte Welt ist gegen diese Priesterkaste im Kampfs—einzelne rühmliche persönliche Ausnahmen können hier nicht in Betracht kommen, wo es sich um verwerfliche Grundsätze, welche die Grundgesetze des Stande sino, handelt; — und wir, die jüd. Lehrer, die Lehrer jüdischer Kinder, die wir erziehen sollen zur reinen Eckennlniß oec Wahrheit, sollen uns freiwillig diesem Stande unterordnen, nicht nur uns, sondern unseren heiligen Beruiskreis, für den wir Gott verantwortlich sind, über den wir gesetzt sind als Hüter und Wächter? Sollen diese Mäimer, die grundsätzlich die Gegner unseres Wirkens sind und sein müssen, zu Leitern und Unterstützern unseres hl. Werkes heranziehen' Wißt Ihr denn nicht, Ihr Lehrer Israels, daß diese Männer durch das Gesetz ihrer Kirche, das täglich durch die Anordnungen ihrer höheren Behörde als das alleinige Gesetz ihren Gewissen eingeschärft wird, diese Eure Kinder eigentlich zu rauben verpflichtet sind, um sie der Taufe zu überantworten? Wie könnt Ihr von denjenigen unpartheiische Pflege einer Schule verlangen, die die jüdische Schule als Trägerin des religiösen Fortschritts, als Verkünderin der Gewissensfreiheit, als Trägerin des Einheitsglaubens zu verfluchen verpflichtet sind? Und die evangelischen Geistlichen? Wir wollen nicht behaupten, daß die Gesetze dieser Kirche Aehnliches vorschreiben; aber — wie viele Tausende gibt die evangelische Kirche jährlich zu Judenmissionen aus? Wie viele Judenmiinonsstätten — Seelenfangnetze — gibts auch m Deutschland? — Wer schaut dem Manne ins Herz, der eben mit reundlichem Lächeln in Euren Schulsaal tritt, „Christi Liebe" auf den Lippen! Es ist noch nicht vorgekommen, daß einer von diesen Männern etwas gegen unsere Religion gethan oder gesprochen hätte, sagt Ihr. Wirklich? WerbürgtEuch dafür, daßesnoch jetzt nicht, daß es nicht später geschieht? Und ist auch sein Wirken »icht offen gegen Euch, so ist's doch auch nicht offen und vollfürEuchl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.