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Der israelitische Lehrer · 1864-11-17 · 46 (17.11.1864) · p. Seite 182

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
4 (1864)
Issue
46 (17.11.1864)
Date
1864-11-17
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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182 Furcht vor ihren Folgen weniger in Betreff ihrer Einwirkung auf Einzelne, als auf daS ganze Volk. Man fürchtet die Freithätigkeit, die Selbftthätigkeit, die Gewohnheit, selbst zu denken und zu prüfen, die Beweglichkeit des Geistes, die Neberzeugung, daß Alles auf dem Wege der Entwickelung entstanden ist und daß Alles in der Fortentwickelung erhalten werden muß, daß alles Unveränderliche, Stabile verworfen und bekämpft werden, Alles ohne Ausnahme in Fluß erhallen werden muß — Ansichten und Ueberzeugungen, die sich als Folgen durchgreifender entwickelnder Lehr- und Bildungsweise einstellen. Hic haeret aqua. Wie wird nun in Begünstigung jenes Autoritätssystems im Unterricht verfahren? Man lehrt vorzugsweise alte tobte Sprachen, als solche schwer zu erlernende, unveränderliche Sprachen, nicht zum lebendigen Gebrauch im Fluß des Lebens, sondern zum 1 tobten- Wiffen, zum Buchgebrauch, zur Gelehrsamkeit.^) An der Spitze dieses Lernens steht die Regel, die unbeugsame Regel, welche unbedingten Gehorsam verlangt. Man konnte zwar den Schüler veranlassen, die Regel aus der gegebenen Sprache selbst zu finden, das wäre immer Etwas; aber das setzte eine Beweglichkeit des Geister voraus, welche den betreffenden Lehrern abgeht, es ist za weitläufig, gegen das' Herkoüimen und, was schwerer in's Gewicht fällt, gegen, das Systemj daß die alten Sprachen dasselbe gründlicher fördern als die neuereu, liegt auf der Hand; die neueren (lebendigen) sind in Fluß. Zum zweiten Hauplpfeiler des auf das Autoritätsprincip zu errichtenden Gebäudes empfiehlt sich die Behandlung der Religion. Dieselbe wird ganz als streng positiv, als gegeben, als fertige als unübrrtreffbar, als geoffenbart dargestellt, der sich der Mensch unbedingt zu unterwerfen habe. Diese Ansicht und die ihr entsprechende Verfahrungsweise ist sobekannt, daß es darüber kaum eines Wortes bedarf; hier ist absolute Autorität, welche selbst den Gedanken an Entwickelung ausschließt, oder, wo er etwa autfkeimen sollte, verurtheilt4 5). Dem System gemäß, und chm entsprechend werden gelehrt: die Geschichte und die Geographie, selbst die Naturwissenschaften (Naturgeschichte, Physik, Chemie, Geologie, Astronomie) und sogar die Mathematik. Alles wird vordocirt, der Lehrsatz wird an die Spitze gestellt, der Beweis folgt ihm nach. Alles ist außer dem Lernenden, Alles muß von chm angenommen und gelernt werden. Die Wissenschaften treten ihm als die imponirendsten Mächte entgegen, die zu bewältigen und zu beherrschen nur Wenigen als möglich erscheinen kann. Die unendliche Mehrzahl der Lernenden dankt Gott, wenn sie nur den an sie gestellten Anforderungen zu genügen im Stande ist. Allüberall treten dem Schüler Autoritätengegenüber, welche Unterwerfung verlangen und Gehorsam zur Folge haben. So will man es haben. - Daß man es so haben will, lehrt jeder klare Blick in das Gesammtgetriebe des Staatslebens, lehrt in specieller Beziehung die Bildung, die man den Lehrern ertheilt. 4) Gilt diese« Urtheil «nd> dem Hebräischen? Red. 5) Ist» auch im Judenthume f»? Verficht unsere .Orthodoxie* diese Anforderungen? Red. Man bildet sie in der oben beschriebene« Weise. Man weiß, daß die Schüler so zu werden pflegen, wie die Lehrer find.b) Es gibt keine schwierigere Kunst als die* wahre Lrhrkunst. Wiffen gehört dazu, aber mit dem Wissen ist es nicht gethan. „Je gelehrter, desto verkehrter* hat eine weitgehende Wahrheit. Aber man thut wesentlich nichts weiter, als daß man ein möglichst umfassendes Wissen verlangt, indem man glaubt, wenigstens sagt, daß der Inhaber desselben sich zum Lehrer eigne. Das ist richtig, nämlich zum Lehrer im Sinne des oben beschriebenen Systems. (Es ist hauptsächlich von den sogenannten wissenschaftlichen, literarisch gebildeten Lehrern die Rede.) Hatman sie durch eine lange Schule der Erfahrung und Uebung durchgehen lassen? Nein. Hat man sie prattischen Meistern als Lehrlinge und Gesellen beigegeben? Nein- Verlangt man von ihnen den Nachweis des Besitzes der Haupteigenschaft eines Lehrers, des Besitzes der anregenden, entwickelnden Kraft? Nein. Wie sollte man auf diese Gedanken verfallen können, so lange man das Princip der Autorität für das richtige und heilsame, sein Gegentheil für ein gefährliches und verderbliches System erklärt? (Harms, Stahl u. A.) Man verfährt consequent, das ist nicht zu leugnen, soll nicht bestritten werden; ob aber im Sinne einer Zeit, welche den Fortschritt verlangt, im Sinne einer Nation,-die ihren Wohlstand , ihr Glück'von der Entwicklung aller Verhältnisse für abhängig erkennt und erklärt — das ist eine andere Frage- Unwiderlegbar ist der Satz, daß Unterricht, Erziehung und Bildung ihre Normen nehmen müssen aus der Natur des Menschen und aus den Verhältnissen der Zeit, in welcher der Mensch zu wirken berufen ist. Jene wie diese verlangen nach meiner Auffassung Entwicklung, und darum verlange ich für Erziehung, Unterricht und Bildung das Entwicklungsprincip, nicht einseitig hier oder da, sondern durchgängig, allüberall, und ihm gemäß die Art der Bildung aller Lehrer ohne irgend eine Ausnahme. Ergehen wir uns noch in einer kurzen Betrachtung! Ich sagte bereits: der Hauptfehler der alten, schlechten, in den meisten Anstalten nach wie vor ausgeübten Methode besteht darin, daß der junge Mensch vorzugsweise, oft ausschließlich als ein aufnehmendes, (zum Lernen im ordinären Wortsinn bestimmtes) Wesen betrachtet und behandelt werde. Allerdings ist der Mensch eine ausnehmende, mit der Annahme der Existenzen oder Realitäten zu beschäftigende Kreatur; aber er ist auch zweitens ein thuendes (äußerlich thätiges), drittens ein erkennendes, viertens ein schaffendes (Neues, ihm Neues erzeugendes), fünftens ein fühlendes, sechstens ein wollendes Wesen. Durch richtige Schulmethode wird die aufnehmende Fähigkeit und Kraft geweckt und ge- ' 6) Wohl gemerkt! Sinnen wir also ebne .Präservattvmittel* «nser» Sinder and insbesondere unser« künftigen Lehrer diesen.Anstalten auvertrauen? Und »as folgt ferner hieraus? Red.

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