Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 4 (1864)
- Issue
- 43 (27.10.1864)
- Date
- 1864-10-27
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-171 so viel will ich darüber bemerken, daß unS in denselben ebenso Treffliches und Beherzigenswerthes geboten wird, und kann ich darum jedem Klavierlehrer vorliegendes Merkchen auf's Wärmste empfohlen. Ich bin der Ueberzeugung, daß es Niemand unbefriedigt aus der Hand legen wird. K. Marx. Correfponden;. Homburg, 17. Oct. (Aus einem Privatschreibm). Wißen Sie auch, daß ich Jomkippur in Frankfurt zubrachte? kein kleiner Entschluß, wenn Sie erwägen, welche Hebel meine lieben Eltern, Geschwister und Freunoe in Bewegung setzten, um mich zu Haus zu halten. Aber wenn ich auch noch jedes Jahr hierdurch mich in meinem Entschlüsse wankend machen ließ, diesmal konnte ich es nicht über mich gewinnen, nachzngeben, und hier in meiner Heimath den heiligsten Tag de- Jahres zuzubringen, hier wo die Hyperorthodoxie das große Wort führt, jene Hyperorthodoxie die mich, den Gegnern, der von Ihnen vertheidigten verrotteten Zustände unlängst auf so rohe und cynische Weise, freilich zu ihrem eigenen Schaden öffentlich angriff. (Run ist sie mir und Anderen bis heute die Antwort schuldig geblieben, auf das waS ihnen ruhig und eindringlich entgegen gehalten wurde). — Es war ein herrlicher Anblick als ich nach Frankfurt kam, die Schaaren der Gläubigen aller Richtungen von und nach allen Richtungen zu den Gotteshäusern pilgern zu sehen. Was mich betrifft, ich ging zu dem Privatgottesdienst des Herrn IW. Stein, und fand dort ein freundlich erhelltes Zimmer, > mit offenen Flügelthüren nach beiden Seiten, zur Linken das Zimmer für die Pensionäre (etwa 30 an der Zahl —) zur Rechten für die Frauen. Bin ich auch kein Freund von Privatandachten, mich viel gehobener fühlend in großen Räumen voll von Andächtigen (berot ^>m hadras.s melech! —) so kann ich Ihnen doch sagen, daß da, wo die Seele einer solchen Zusammenkunft eisi Mann wie der edle Stein ist, sich die Andacht schnell eiüfinden kann. Vor der sittlichen und geistigen Größe dieses Mannes schwindet alles Kleine und gestaltet sich g(oß in« n*. 2">n nx ovon pnnzr picipcnc. Es herrschte die größte Andacht bei den zahlreichen und würdigen Anwesenden, die Gebete wurden gut und responsenweise vorgetragen, manche im Chor gesungen, unterstützt vom herrlichen Gesänge der Mädchen. Ich brauche Ihnen nicht zu schildern, daß Dr. Stein eine herrliche Rede hielt, — derselbe fing am verg. Rosch - Hascbanah einen CycluS von Vorträgen an über Jakobs Reise vom Vaterhaus in die Fremde zum Vaterhaus, — und dabei nicht vergaß, herzliche Worte und erhabene Lebensregeln an dit Anwesende, namentlich an seine Pensionärinnen zu richten. Die segensreiche Wirksamkeit Steins hat mit der Niederlmung seines Rabbinats nicht aufgehört; im Gegentheile, er hat eine mit dem geistlichen Stande in Israel stets verbundene Aufgabe übernommen, er ist ausschließlich Lehrer und Erzieher geworden. Sie wissen geehrter Freund, welche hohe Stellung jüdische Frauen in Israels Geschichte einnehmen, und werden es daher leicht begreiflich finden, daß! die Lehren und guten Eindrücke, die jüdische Mädchen bei einem solchen Lehrer erhalten, nur edle Früchte für das Judenthum*zeitigen können. Dem Vormittagsgottesdienste wohnte ich in der neuen Hauptsynagoge bei. Hier ist noch Alles eingerichtet, wie es bei Dr. Stein gewesen. Ich empfand wenig Störung von der Orgel, an die ich nicht gewöhnt und der ich weder Freund noch Feind bin, nicht Feind, weil sie gleich der Instrumentalbegleitung im Tempel dazu dient, den Chor zu unterstützen und die Würde und Andacht des Gottesdienstes namentlich in den Augen eines neuen Geschlechts zu erhöhen, nicht Freund, weil ihre — trotz zu berücksichtigenden Widerspruchs — bewerkstelligte Einführung dazu gedient hat, oftmals die regelmäßigsten Besucher des Gotteshauses zu verbannen oder gar Spaltungen, Riffe in das Gemeindeleben hervorzurufen. Doch halte ich unsere Judenheit für zu klug, um nicht von der Zeit eine Versöhnung der Parteien zu erwarten, schreitet sie ja in allen Gebieten vorwärts. Rhch der Thora-Vorlesung hielt Herr Or. Geiger seine Morgen-Predigt. Gist ein ebenso bedeutender Äanzelredner als Gelehrter, aber er packt nicht so das Gemüth wie das bei l)r. Stein der Fall ist, er spricht mehr zum Verstände, Letzterer mehr zum Herzen. Allem, ich glaube, daß bei der größtentheils sntelligenten Zuhörerschaft G 's auch jene Predigtweise ihr Ziel nicht verfehlen wird. Dar Dasein und Walten Gottes bildete den Haupttheil seiner Rede; er ging von da aus zu dem jüngsten Emancipationsact in Frankfurt über, und bewies daß es erst jetzt rechte Pflicht wäre, den Beruf Israels nicht aus den Augen zu verlieren und Stätten für die reifere Jugend zu errichten, wo sie diesen Beruf kennen lernen, ihn weiter lehren und bethätigen könnte, — Geiger, dessen Ideal Hillel's) ist, wie ich aus seinen oft gehörten und nun gelesenen geistreichen „Vorlesungen" herausfand —- möge diese, von ihm ausgesprochene Idee nur zu verwirklichen suchen. Das intelligente und reiche Frankfurt mit seinen herrlichen Anstalten wäre der geeignete Platz für ein noch so vielfach fehlendes jüd. Lehrer- und Rabbiner- Seminar; es war ja immer eine Iz wcem bejisroel, — und verdient es, trotz so mancher Geschehnisse in jüngst vergangenen Jahren, auch heute noch zu sein. Mein Brief wird zu lange. Zum Schluffe noch, daß ich den Rest des Tages theils bei Stein, theils bei der orthodoxen Jeschurun - Gemeinde zubrachte. Wissen Sie ja doch aus persönlichem Umgänge mit mir, mit wie vielen Banden ich noch am orthodoxen Judenthume hänge, trotz meiner Kämpfe mit einer sich den Titel „Frommen" anmaßenden Partn. Durch Erziehung, Umgebung, Gewohnheit rc. stehe ich in meinem religiösen Thun noch vollkommen auf s. g orthodoxen Boden. Und wer möchte behaupten, daß die Ausübung der religiösen Satzung die tiefere Auffassung der Lehre, das Wirken für gefälligere Formen rc. ausschließe? Mein Aufenthalt in Frankfurt am Jomkippur verfehlte durchaus seines Zweckes nicht, mich über die im Judenthume herrschenoen Parteien aufzuklären und den Tag würdig zu feiern. Für meine Person war mir's wohl bei den „Alten" wie bei den „Reücn." Ich hörte bei den Alten neue herrliche Melodien eines Sängerchors, hochdeutsche Predigt, schnörkellosen, würdigen Gebetvortrag, bei •) Cb jedoch Hillel gegen Schamai g.bandelt feilte, wie (it. gegen fit.V Uno das waren roch prineivielle Gegner! Red.