Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 4 (1864)
- Issue
- 35 (1.9.1864)
- Date
- 1864-09-01
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4896751-5428744-5431408--0870-4897467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
138 gemeinen Pädagogik, 2) denen, die aus der Eigeuthümlichkeit eines jeden Lehrgegenftandes an und für sich entspringen Die Methode eines Lehrgegenstandes ergibt sich von selbst aus der Erkenntniß seines Wesens und Zieles, weßhalb es gerathen erscheint, die zweite Fragengruppe zuerst zu beantworten. Aufsatz ist eine schriftliche Ausarbeitung, Erklärung und Mittheilung eines Grundgedankens, der in seine Beftandthcile und nach den Denkgesetzen sachgemäß zerlegt ist; den Grundgedanken nennen wir das Thema. Briefliche Mittheilung, oft des einen zusammeichaltenden Grundgedankens entbehrend tritt als Sonderheit auch in so weit hervor, als hierbei die conventionelle Form sich geltend macht, ähnlich wie bei den Geschäftsaussätzen, 2) Sprechen ist. hörbares," Schreiben sichtbares Denken; Letzteres ist also-die gleiche Grundforderung des ersteren; zwar können jene mehr oder weniger ohne dieses geschehen, wodurch sie mehr oder weniger sich dem Zwecke und d.r Bestimmung nähern, Denken ist die Seele der Sprache und Schri't Gedankenloses Schreiben oder Sprechen ist eine mechanische, nutz- und sinnlose Thätigkeit. Sprechen und Schreiben ist einZwiüingspaar, erzeugt Zwillinge durch die allgemeinen Gesetze des Denkens. Von Konfessionellem kann hierbei nicht die Rede sein. Wir haben's mit der deutschen Sprache und dem deutschen Aufsatz in deutschen Schulen zu thun, und da würde ein Einzwängen in die Confession Verrenkung und Unnatur ergeben. Erinnern wir uns an den leider in Aufnahme gekommenen Consessionalismus in Schulen. Der Schulmann weiß nicht, ob er lächeln, oder sich betrüben soll über die Erzeugnisi;: katholische Weltgeschichte, Geographie vom lutherischen Standpunkte. .— Deutsche Geschichte für jüdische Schulen wäre ein Unsinn und müßte übersetzt werden in: Geschichte der Juden in Deutschland. So weisen mir auch analog jede Veränderung der Methode und des Lehrgangs in Spracy-, und Aufsatzlehre durch die Confession von uns; nur in Rücksicht des Gegenstandes, des Objectes, des Denkens, Spr-chens oder Schreibens, das sich auch aus dergleichen beziehen kann, mag die Rede sein. Auf den verschiedenen Unterrichtssrufen wird der Schulmann, eben weil cr nicht einseitig verfahren darf, , auch consessionelle Themata geben, er wird sich sogar dazu gemüßigt sehen; aus dem Anschauungskreise und dem Leben der Schüler wird der Stoff fia. von selbst finden. Aber auch diese Themata können nicht anders, >rls denk- und sprachnchtig, deutsch, nach den Gesetzen der deutschen Wort- und Satzlehre, abgesaßt sein. Die Sp ache hat für die in Rede stehende Funktion den sinnigen Ausdruck „Aufsatz" gebildet und scheint schon im Worte das Verhältniß desselben zum Denken und Sprechen gegeben zu haben. Aufsatz (das Wort schriftlicher ist ' ein sprachwidriger Ueberstuß) deutet an. daß das flüchtig verhallende Wort verkörpert aufgesetzt, zu seiner Erhaltung und Tauer ihm Feffeln angelegt werden. Rur dadurch mag zwischen Rede und Schrift ein Unterschied sich kund geben, daß Letztere der Prüfung als Zeugniß unseres geistigen Schaffens sich iieni Auge darstrllt und verbleibt, die ( Fehler unseres Denkens und Sprechens ausbewahrt. Wohl soll! auch unsere Rede wehr, klar, rein sein, al^r da mit dem | Schall auch das Urtheil verstießt.. Fehlerhaftes leicht über- 1 hört wird, so ersoidert der Aufsatz größere Aufmerksamkeit, Er erheischt solche um so mehr, da dem schreibenden Bedenk- und Prüfungszeit gelassen ist. Denken, Sprechen und Schreiben fallen also in ihrem Wesen zusammen; elfteres jedoch zeigt auf den Inhalt, letzteres auf die Form hirr; bei der Schrift ist mechanische Fertigkeit anzueignen. Von ihren ersten Aeußerungen an sollen sie unter Leitung des Lehrers wie Form nnd Wesen, wie der Baum mit seiner Rinde zusammenwachsen, sich erwei- ’ tern und ansbilden. Folgende Sätze werden demnach als Grundsätze sestzuhalten sein und sowohl den Stufengang als die Methode angeben. . 1) Mit dem Fortschritte im Denken, mit der Erwei- \ terung des Anschauungskreises muß die Fähigkeit im Ausj drucke, in Wort und Schrift gleichmäßig sich entwickeln, i 2) Der Schulunterricht in seiner Totalität muß! auf vorliegendes Fach wirken, ihm zu Gute kommen. 3) Der Ankömmling in der Schule muß, bis er die Schule verläßt, beständig nach seinen Kräften zum richtigen Ausdruck angeleitet und angehalten werden.; in jedem Fache , muß aus richtiges und klares Sprechen gehaldn werden, j 4j Was nicht im Anschauungs- und ErsahrungSkreise! deS Schule.^ liegt, darüber soll er weder sprechen, noch! schreiben, wenn nicht ein gefährliches Spiel mit dem Jnner-; lichsten und Heiligsten nn Menschen getrieben werden soll. Es ist hier am Platze, einen Mißbrauch anzudeuten. ■ Eitle Prahlerei will zuweilen Außerordentliches im Aufsatze leisten und zeigt Proben von Schülern, die über philoso- ■ phische Themata, über Seelenzustände, Empfindungen gereifter Menschen mit Meisterschaft zu schreiben gelernt haben. Mt solchen frühreifen, sich selbst beschauenden, an lee- > rem Wortspiele fremde Gefühle nachahmenden Kindern will l der gewissenhafte Schulmann nichts zu thun haben. Er i verschmäht den falschen Prunk; dem Deutschen, dem Wahren, (also beim Unterricht im Deutschen) ist solches ein Gräuel.! Was njicht verstanden, nicht erlebt und angeschaut ist, darüber kann nicht mit Klarheit und Wahrheit gesprochen, nicht geschrieben werden. Die Aufsatzlehre erfordert somit: >) Erweiterung der geistigen Bildung, Anleitung zum richtigen Denken, Erweiterung und Ausbildung des Sinnes für das Schöne und Gute. 2) Dio hiermit gleichmäßig sortschreiteuden Uedungen im mündlichen und schriftlichen Ausdruck nach dem Gebrauch und Gesetz der Sprachlehre. 3) Erlernung der Schriftzeichen und Uebung in der Anwendung! nach Sprachgebrauch. Al'o Erfordert die Aussatzlehre als innig zu verbin- : dmde Fächer; Denklehre, Sprachlehre und Orthographie. I Ein großer Theil der letzteren beruht aus mechanischer Fertigkeit und Gewohnheit und wird der Lehrer sie auf den ersten Stufen zu üben haben. Die drei Elemente der Aufsatzlehre streben nach Einem Ziele, müssen sich unterstützen und gemeinsam erweitern. Aber zur Befestigung nnd Befähigung erheischen sie der Uebungen in jedem besonders. Das Problem möchte nun in der richtigen und sachgemäßen Verbindung und Trennung zu suchen sein. (Forti, f.)