Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 4 (1864)
- Issue
- 26 (30.6.1864)
- Date
- 1864-06-30
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Seite soll er treten? Wohin soll er sich wenden, um aus der Zerisienheit herauszukommen? Da ist Einer in einer orthodoxen Gemeinde, seine Vorgesetzte Behörde steht aber auf dem neologen Standpunkte, dort Einer in einer dem Fortschritte huldigenden Gemeinde mit einem orthodoxen Vorgesetzten"; endlich gar. Einer, dessen Gemeinde und Vorgesetzte gleiche, er selbst aber denselben entgegengesetzte Ansicht hat. Habe ich uöthig, weiter auszuführen, in welch unangenehme Stellung der brave, wahrheitsgetreue Lehrer, dem es um seine Schule Ernst ist, heutigen Tages oft gebracht werden kann? > Ich-glaube kaum. Es sind wohl genug unter uns, die hierin nicht immer die angenehmsten Erfahrungen gemacht haben. Ich denke nun, meine Herren Collegen und Freunde, wir stellen uns, als Lehrer, auf keinen dieser Standpunkte, sondern basirea unsere Thätigkeit einzig und allein auf das Princip der Pädagogik. Das muß unser Standpunkt sein! Bon diesem ausgehend kann uns-weder beirren „des Pöbels Geschrei, noch der Mißbrauch rasender Thoren." Die Pädagogik allein nur kann zum Ziele führen. Wie wäre es den» auch möglich, nach allen Seiten hin Rechnung zu tragen? Ich nehme darum den Einwurf, der mir gemacht werden könnte: „wir müsien uns . nach der Gemeinde,. die uns bezahlt. nach der Behörde, die uns zu befehlen hat, richten," nicht an. Schlimm genug, daß wir es oft müssen, aber wir sollen, wir wollen es nicht müssen; wir wollen keine Miethlinge sein! Wenn wir bei der Besprechung pädagogischer Fragen, sowie überhaupt bei unserm Wirken in der Schule uns nur nach dem sogenannten „Rechnung tragen" richten, dann brauchen wir eigentlich diese Besprechungen nicht, dann macht es eben Jeder, wie es ihm vorgeschrieben, und wie man es eben in der Gemeinde wünscht. Dadurch kommen wir aber nicht zum Ziel, wir kommen nicht vorwärts. Und „Vorwärts" ist unsere Losung! Ich verwahre mich von vornherein dagegen, als gebrauche ich dieses Wort im Sinne der religiösen Parteien; ich gebrauche es nur im pädagogischen Sinne. Wir sollen und wollen nichts anderes sein, als Jünger Pestalozzi's, «nd""als solche Alles benüßen, was dazu beiträgt, unsere Kinder zn moralisch sittlichen Menschen, zu innerlich frommen und werkthätigen Israeliten und zu guten, braven Bürgern heranzubilden; wir wollen aber auch andrerseits Alles, aus der Schule beseitigen, was als schwerer Ballast das schwache Schiffchen überladet, was, um ohne Bild zu sprechen, der Ausbildung des kindlichen Geistes und Herzens hinderlich, oder wenigstens nicht wesentlich förderlich ist. Diefterweg sagt irgendwo: „Wasman für nützlich, wichtig, nothwendig erachtet, dem strebt man zu, gleichviel ob man das Eintreten desselben erlebt oder nicht." — Nehmen Sie, meine Herren, die etwas lange und Sie vielleicht langweilende Einleitung nicht 'ungutig auf, ich hielt sie für uöthig, um den Standpunkt möglichst klar zu machen, auf den ich mich bei der Beantwortung der vorliegenden Frage gesttllt habe. — Gehen wir also mr Frage selbst über: „Welches sind die-Gegenstände, die in der i*jr. Volksschule gelehrt werden 'ollen und welches ist das. Maß. derselben?"" Wenn ich, an dem Wortlaut der Frage mich haltend, Hnen antworten wollte, so dürfte ich blos die mir nöthig scheinenden Gegenstände aufzählen und dann meine Meinung darüber äußern, wie weit wir in jedem dieser Gegenstände zu gehen haben. ^Ab^r in dieser Weise erscheint mir die Beantwortung etwkti gar zu kahl. Ich erlaube mir darum, wenn auch nur in ganz kurzen Umriffen, gleichzeitig Einiges über die Methode dieser Unterrichtsgegmstande, sowie über dm Zeitpunkt, wann mit jedem berfeÄm begannen werde» und wie viel Zeit wöchmtlich daraufMrwendek werden soll? mit einfließm zu lassen. I. Die Gegenstände, die in der isr. Volksschule gelehrt werden sollen, sind; 1) Bibelkunde, 2) Systematischer Religions-Unterricht, 3) Hebräisch-Lesen, 4) Üebersetzm der Gebete, 5) Nachbiblische Geschichte, 6) Gottesdienstlicher Gesang. II. Ueber das Maaß und dm Lehrgang dieser Unterrichtsgegenstände. . — I) Bibelkunde. Ich halte diesen Unterrichtsgegmstand für dm wichtigsten, weil auf ihn der eigentliche Religions - Unterricht sich gründet und uns dieser durch eine gediegme Bibelkunde sehr erleichtert, ja ich möchte sagen, bei tüchtiger Lehrkraft und guter Behandlung dieses Gegmstandes fast unnöthig gemacht wird. Ich möchte nun diesm Unterricht auf folgmde Weise ertheilt wissen; Man beginne mit der bibl. Geschichte, im 2. Schuljahre fange mit der Schöpfungsgeschichte an, und fahre in chronologischer Reihenfolge bis zum Schluffe fort. Der Lehrer erzähle frei und ohne Lehrbuch eine Geschichte im Auszug, ungefähr wie in Flehinger's kl. .bibl. Geschichte, lasse diese Geschichte in der nächsten Unterrichtsstunde nacherzählen und spreche dieselbe mit den Kindern durch. Die darin enthaltmm Lehrm und Anwendungen lasse er, wo möglich, von den Kindern selbst ausfinden, aber nur solche, die dem kindlichen Anschauungsvermögen nicht zu fern liegen; er werde überhaupt nicht zu breit, das verwirrt die Kinder und spannt zu sehr ab, wird meist von ihnen nicht verstanden und erzeugt Unaufmerksamkeit. In dieser Weise wird man bis znm 9. oder 10. Jahre dm Inhalt der bibl. Geschichte in kurzem Auszug dm Kindern beigebracht haben. Doch muß ich hier noch beifügen, daß die 7—8jährigen K'nder kein Lehrbuch bmützm sollen, während die neunjährigen sich in demselben vorbereitm mögm. Vom 10. Jahre an mögen die Kinder ein größeres Lehrbuch benützen und sich auf dm Unterricht gehörig vorbereiten; der Lehrer erzählt vorher nicht. Bis. zum 12. oder 13. Jahre müssen sie die wichtigsten Begebenheiten, die in der ganzen Bibel enthalten sind, im Gedächtniß haben. Es werde nun aber hauptsächlich in dieser Zeit der Grundstein zum eigentlichen Religions-Unterricht gelegt. Die Eigenschaften Gottes, die Bedeutung der Festtage, die verschiedenen Pflichten werden dem Kinde zum Bewußtsein gebracht; der ganze Religionsunterricht muß auf diesem Unterrichte sein Fundament haben. Vom 12—13. Jahre an bis zur Entlassung des Kindes aus der Schule nehme man nun das Wichtigste derjenigen Bücher der. heil. Schrift durch, die gewöhnlich sich in der bibl. Geschichte nicht finden, z. B. die Psalmen, Sprüche :c. ’c., um hierdurch insbesondere den Geist, der in diesen Büchern weht, diesm frommen, gottvertraumden Geist, den Kindern als Schutzmauer mit in's Leben zu geben. In