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Der israelitische Lehrer · 1864-06-23 · 25 (23.6.1864) · p. Seite 98

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
4 (1864)
Issue
25 (23.6.1864)
Date
1864-06-23
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Correspondenz. Bad Homburg im Juni. Für die gute Meinung, die Sie von mir haben, bin ich Ihnen recht dankbar, es ist mir Heb, Ihre Anerkennung zu besitzen, lehne aber besonderes Lob entschieden ab, weil es sich von selbst versteht, daß Derjenige, welcher es mit der Menschheit gut meint, ein Freund der Schule und der Lehrer sein muß. — Wie wir aber heute auf die Gottlob entschwundene Zeit des Faustrechts, der Ketzer- und Hexenverbrennung herabblicken, so werden spatere Geschlechter erstaunt fragen: Wie ist es möglich, daß man im 19. Jahrhundert (nachdem die Nationen wiche große Schriftsteller gehabt, solche große Erfindungen erlebten und die Macht des Wissens allüberall geschätzt wurde) — im Allgemeinen noch, so wenig that für den heiligen Stand der Lehrer und für den herrlichen Tempel der Jugend — die Schule, ja daß man .erste darben ließ und die letztere in „Regulative" zwängte — um der Bildung einen Hemmschuh anzulegcn? „Aber Alles hat seine Zeit" sagt der königliche Weise und so hoffen wir, daß die Tage der Bevormundung unsrer Lehranstalten gezählt sind. Wird ja schon.seit Jahren in dex.Presse und in den Kammern von den besten Männern der Nation für Besserstellung der Lehrer und für Hebung der Volksschule gekämpft und höhlt ja der Tropfen den Stein! Gelingt es ja schon vielen Städten gute Schulen zu gründen und da wo solche noch nicht sind oder gar verschlechtert wurden, wächst die Zahl der Kämpfer, die Abhülfe und Heilung. verlangen! Nur wenn die Erkemitniß einmal tief ins Volk gedrungen (und dafür ist uns eine immer blühendere und verbreitetere ächte Volksliteratur, sowie die ins praktische Leben eingedrungene Naturwissenschaft bürge), welch wichtiger Faktor im Leben eine gute Schule ist, dann wird keine Macht der Erde weht im Stande sein, länger die alten morschen Zustände zu erhalten. Vielleicht auch lernt das^Volk von feinen Gegnern die hohe Wichtigkeit einer im freien, nicht niederdrückenden Geiste dastehenden Schule schätzen, — vielleicht auch zeigt das schöne Land Baden, wo die Regierung die edlen Besirehungen für Volksbildung selbst leitet und wo eine „kleine aber mächtige Partei" die sonst allein. Anspruch iwäuf macht, daß sie dem Fürsten und der Obrigkeit'am Meisten zugethan sei, ihr nicht unbedeutende Hindernisse in den Weg zu legen sucht, was diese eigentlich will. Die mannhaften Worte-ber Entrüstung mit denen Minister. Lamey in der dortig n Kammer derselben entgegentrat,' sind wahrlich geeignet, Vielen darüber die Augen'zu öffnett. — Auch in unterer in den 30r Jahren von einem edlen Fürsten im freisinnigen Geiste gegründeten und ohngefähr _20 Jahre blühende „allgemeinen Bürgerschule" hat ein anderes System Eingang gefunden und. der kirchliche Einfluß auf Unterricht und Unterrichtsweise ist überwiegend. — Wie es mit der früher dort herrschenden innerlichen und äußerlichen Gleichheit aller Confessionen nun steht, davon will ich Ihnen hier ein Beispiel mitthellen. Es sind letzt über 2 Monate, daß im hiesigen Amtsblatt die Concurrenz zu den L untersten Lehrstellen ausgeschrieben ward und zwar mit dem Bemerken, daß künftighin mit denselben der Organistendicnst in der reformirtrn und lutherischen Kirche verbunden 'ein soll, was seither nicht der Fall war. — Dieses allerneueste Vorgehen ist aber doch nur geeignet, Verwunderung und Bedenken zu erregen, da nicht allein die israelitische und katholische Religionsgemeinde, sondern die Bürge, schule selbst entschieden im Rachthcil dadurch kommt. Von nun an kann sich zu jenen Stellen-kein kath. und kein jüdischer Schulamtskandidat mehr melden und ebensowenig ein evangelischer, der nicht ein tüchtiger Organist! ist, wie ihn eine Stadtkirche braucht. Wäre einer nun auch aus der Zahl der besten Schulmänner, ein Pädagoge wie Diesterweg, ein Lehrer wie l)r. Stern, wenn er den Einfall haben wollte, sich für diese Stellen zu melden, — er würde dennoch zurückgewiesen werden, wenn er nicht auch das Orgelspiel verstünde. — Was würde man dazu sagen, wenn die isr. Gemeinde, gestützt darauf, daß sie seit Jahrm den nennenswerthen Extra-Beitrag von fl. 2« 0 zur Schulkasse entrichtet, (während seit Kurzem die lutherische Gemeinde sich davon losgesagt, so daß das Schulgeld ohne Nutzen für die Lehrer erhöht werden mußte), für ihre nejuerbaute Synagoge (in der vielleicht der alte Schlendrian nicht mehr Eingang finde)) einen Chordirigenten ummtgeltlich aus der Mitte der Lehrer verlangte Wäre das nicht consequent und mit weit mchr Leichtigkeit zu erfüllen?! Und die katholische Kirche! Sollte sie zurückstehen und nicht ähnliche Berücksichtigung oenlangen?! Nein, man höre doch endlich auf, den so vielgepsagtm und so gering gelohnten Lehrern neue Pflichten aufzulegen und Rechte zu schaffen, die bis jetzt keine gewesen sind, die weder für Schule noch für Lehrer Vortheil bringen und das Princip der Gleichberechtigung Aller vernichten oder illusori'ch machen. — Wenn die reformirte, katholische oher'jüdische Religions gemeinte einen Musiker braucht, so Ache sie ihn auf deni Privativege unter den Lehrern oder üherall wo sie ihn findeu kayn und zahle ihn aus dem Seqkel ihrer Angehörigen, wie sie das mit ihren andren Beamten auch thut Die Schulkasse aber ist die Stadttysse, gefüllt von den Beiträgen aller Gemeindeangehörigen und die Schule selbst ist gesetzlich eine Simultanschule, alw eine Schule für alle Confessionen. Wahrlich cs wäre Zeit, daß die kath. und isr. Bürger einmal den Mund öffnen, um dagegen zu protestiren; sind sie ja ohnedies schon sehr im Nachthcil, da ihre Kinder einen nicht unbedeutenden Theil der Schulzeit durch das eingeführte (stnng lutherische) Material zum Religionsunterrichte verlieren, abgesehen davon daß sie durch das unbeliebte Klassensystem (statt des srüheren Fachsystems) -beständig der Gefahr ausgesetzt sind, auch noch andere > Unterrichtsstünden von kirchlich-konfessionellem Geiste beherrscht zu sehen. — Daß auch den'evangclischen Bürgenr kein Vprlheil aus dem hier herricheyden System erwächst, habe ich bis jetzt genügend angedeutrt; bereits fand diese Ansicht! auch ihren vielfachen und lautsn Ausdruck in unserer Lokalpresse sowohl, als in den Sitzungen unseres StadtratheS. Ehre den wackeren Männern, die da! so mannhaft für den Fortschritt kämpfen! — j Mein Bericht ist heute etwas groß geworden, weil ich aber als Geschäftsmann so selten dran komme Ihrem der Schule! und dem Lehrerwohle gewidmeten Organe die erbetenen Berichte aus ^meiner Heimath zu überschicken, so will ich Ihnen noch Etwas (und zwar das Neueste) mittheilenj was aiff Schule und Judentum Bezug hat.

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