Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 4 (1864)
- Issue
- 24 (16.6.1864)
- Date
- 1864-06-16
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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94 der Schriftführer die vorjährige Versammlung, und schreitet sodann zur Berichterstattung übende» Lehrerleseverein. Der Beitrag für das nächste Jahr wird auf fl. 1. 30 festgesetzt, und zur Anschaffung außer den laufeudeu (Znstitutsschristm, Jahrbücher) I>r. K. Schmidt Geschichte der Erziehung und des Unterrichts, Dr. Höchstädter, Religionsphilosophie u. A. empfohlen. Nachdem hierauf der Schriftführer'noch alsbald über den Unterstützungsverein zu sprechen bittet, findet sich, daß die Mitglieder der Versammlung vorerst keine besondere Bemerkung zu niachen Habens nur wird iin Jnteresie der Sache gewünscht, daß das Jahrbuch frei von Artikeln polemischer und reformistischer Natur sei und'in das Hauptcomitö womöglich ein Mann orthodoxer Richtung ausgenommen würde Die anwesenden Mitglieder des prov ^Hauptcomite's versprechen diesem Verlangen bei der nächsten Comitesitzung Rechnung zu tragen. . . Man tritt sonach in den wissenschaftlichen Theil der Tagesordnung ein: ' lieber -ie Erziehung der Wahrhastigkeit.*) Motiv: Bleib« im Besitz dcs Kindes Leiten fä>aft zu lenlea. G v tb e. Referent: Herr Brandeis aus Wörrstadt. Das in der Conferenz zu Alzey gelieferte Referat über -Schule und Haus," welches uns die Divergenzen beider io klar und deutlich vor Äugen führte, schließt mit der für die in sittlich-religiöser Erziehung io wichtigen Frage: Wie steht es mit der Wahrhaftigkeit? Wir gestehen cs offen, daß wir erst dann die hohe Wichtigkeit dieses Themas recht erkannten, als wir daran gingen, diese' so kurz und allgemein gestellte Frage zu beantworten. Obiger Spruch Göthe's io wie die noch anzuführenden Worte Jean Pauls sollen uns als Ariadnefaden dienen,' um uns auf den Weg zu leiten, dahin wir wallen. Ter nach den Worten der h.. Schrift un Ebenbilde Gottes gebildete Mensch, hat die-Aufgabe während seiner irdischen Wirksamkeit dahin zu streben, bezüglich seiner moralischen Atribute in seines Schöpfers Wegen zu wandeln. — Von den moralischen Ätributen aber steht nach dem Ausspruche unserer^ Waisen, das der Wahrhaftigkeit oben an, indem sie den Satz aufstellen ncx r,2"pn bv icn-n „der- Stempel Gottes ist die Wahrhaftigkeit." Wenn nun Ludwig XIV den Spruch im Munde führte: „Die Pünktlichkeit-sei die Zierde der Könige;" so dürfen auch wir, gestützt auf den oben angeführten Spruch der Weisen mit Recht behaupten, ^Die Wahrhaftigkeit sei die Zierde aller Menschen;" denn auch sie drückt dem Menschen dm Stempel göttlicher Würd/ auf. — Wahrhastigkeit erhält in der hebräischen Sprache ncx seinen Ausdruck. Dieses dreibuchstabige.Wörtchen besteht aus dem erftm, mittelstm und letztm Buchstaben des hebräischeu Alphabetes, unr uns darauf hinzuweisen, daß der Anfang, •j Wir lassen, entgegen iri-.serem seitberixev- Usus, die Referat« alsbald bier an ibrcr Stelle abdrucke». Uns sckeint dics bester, fowobl u» cie nackfolgenie Debatte bester zu verstehen, als auch um einen klareren Blick von; dem Gang der Perbandlnngen selbst zu gewinnen.! Bericht erstatt er. -die Mitte und das Ende d. h. das Kindes-, Mannes- und Greismalter, somit das ganze Dasein des Menschen von der Wahchaftigkeit auSgefüllt sein soll. So steht der Sqtz in unserem Gebete oben an: vir« t,' osnpv u. f. w. „Stets sei der Mensch gottesfürchtig im Geheimen, rede und bekenne die Wahrheit in seinem Herzen." Denn Alles gründet sich auf Wahrhaftigkeit. .Der Gottesdienst, in welchem wir Gott bittm, daß er rmser Herz reinige, um ihm zu dienm \ in Wahrheit;" der Unterricht in der Geschichte, die uns die l Ereignisse der vergangenen Jahrtausend in das Gedächt- ' niß zurückruft, die Mathematischen Wissenschaften, die uns; lehren die Höhen der Berge und die Tiefen der Meere, den Lauf der Planeten und Cometen zu beinesien - und zu berechnen —. sie alle fördern Wahrhaftigkeit. — Sie ist des Menschen aufrichtigster Freund, sein bester Führer durch das Labyrinth des Lebens und der scharfblickendste Richter. Sie ist zugleich der sicherste Wegweiser zur Gewiffenhaftig keil; die einzige Bedingung, unter welcher Menschen in Frieden beisammen wohnm können und unter welcher gegenseitiges Verträum möglich ist. Ist nun Wahrhastigkeit diejenige Tugend, die von den Weisen aller Religionen und aller Jahrhunderte, insbesondere von dm jüdischm, als eine der drei Grundsäulen der moralischen Welt, somit als Basis des socialm Glückes, der Mmschheit gelehrt uird empfohlen wird; warum ist mm gerade sie cs, die am wmigsten geübt und gepflegt wird? Wahrhaftig ist aber der Mmsch nur dann, wenn sein Tmken mit seinen Worten und Handlungen das Gepräge der Harmonie an sich trägt, so daß ihn Niemand einer Täuschung oder Unwahrhastigkeit zechm kann. — Doch, „die erste Sünde aus der Erde" — sagt I. Paul — „war eint Lüge." Denn schon die erstm Blätter der Bibel erzählen üns, wie die ersten Menschen aus Furcht vor der göttlichen Strafe durch eine Lüge sich derselben zu entziehen strebtm. Je istehr nun mit der Zeit der Mensch die Erde bevölkerte und mit ihm auch die Geschicklichkeit in Kunst, Wiffenschaft und Sittcnveredlung thatsächlich sich entwickeltm, desto mehr ist sie der Schauplatz der Täuschung und Lügmhaftjgkeit geworden. In allen Hütten der mmschlichm Gesellschaft, in den Hütten wie in dm Pallästen finden wir sie m religiöser, politischer und industrieller Beziehung in ' verschiedenenn Foryren in die Erscheinung treten. Es würde uns von unserm Thema zuweit abführen, wolltm wir, wie ‘ I. P. sich ausdrüüt, diesm so „tief eingefressenm Lippenkrebs des innen, Menschen" in der ganzeu menschlichen Gesellschaft hier nach Verhältniß seiner ganzen Wichtigkeit und Bedeutung eingehmder besprechen. — Wir haben blos uns die Frage zur Beantwortung gestellt: Was habm „Schule und Haus" resp. Eltern und Lehrer zu thun, un, im Kinde die Neigung zur Lügenhaftigkeit nicht aufkommen zu laffm, oder wenn sie bereits vorhandmist, sie ihm abzugewöhnen? Diese Frage, findet in dm Worten des schon obm gmanntm Autors ihre bündige Beantwortung indm, er über „die Lüge" Folgendes anführt: , „Die Kinder lügen viel unschuldiger und unvorsätzlicher, als die Erwachsenen. Der Abscheu vor der Liige, sogar der vortheilhaftesten, bleibt ihnen, sobald nur nicht daS Beispiel der Obern diesm Abscheu vernichtet. Sogar das Kind verblmdet dm Vortheil des Lasters nicht über die Farben dchselben. Hingegm dann bei dem Anblicke