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Der israelitische Lehrer · 1864-05-12 · 19 (12.5.1864) · p. Seite 74

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
4 (1864)
Issue
19 (12.5.1864)
Date
1864-05-12
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 in ihrer ganzen Bedeutung erschlossen find; doch ist es nicht geeignet, ganze Predigten auf solche zu stützen (wie z. B. die zwei Antipoden Holdheim und Pleßner zstweilen thun). Nur Schade daß der Ährer so wenig Gelegenheit hat, die Kennttnß dieser Fundgrube sittlicher Ideen, die für den Wissenden unerschöpflich ist, — diesen Schatz des Judenthums, — sich anzueignen. - 6) Die Vorträge müssen vollständig ausgearbeitet und gut memorirt werden. Man verlasse sich nur in Rothfällen auf die Gunst des Zufalls, weil der Zufall oft tückisch die Gedanken und Worte vorenthält und verwirrt» jedenfalls aber, selbst dann, wenn man das Thema in seiner ganzen Durchführungetwa durchdacht hat, die Sprache, weniger sicher und eindrucksvoll ist, wenn man nicht memorite. Selbst nachdem die Rede gehörig ausgearbeitet und genau memonrt ist, ist es gut, /ogenannte Spitzen und Merkworte (die Anfänge der Sätze u. dgl. m.) beim Predigen vor sich liegen zu haben. Einen höchst unangenehmen Eindruck macht das Ablcsen der Predigt, während es herkömmlich und geeignet ist, den Vers und die die Predigt begleitenden Gebete abzulesen. (>) Der Redner gewöhne sich an ein frisches freies Auftreten, wobei man die Freude am Wirken, das „reine Feuer," aus den Augen liest. Die Sprache sei offen, klar, bündig und nachdrucksvoll. Kopshängerei, andachtig-scheinen-sollende Augenverdreherei und Duselei, das Auge zum Himmel derart mit dem Kopfe erheben, daß die Zuhörer gleichsam die Schmerzen mitfühlen, die der Redner im Nacken fühlen muß, — all das liegt nicht im Charakter des Judenthums, und stößt die Zuhörer ab, auch wenn sie es nicht für Verstellung halten sollten. Uebcrhaupt' hüte man sich vor Künstelei; Gesten und Mimik stehen nur in höchstküpstlerischer Ausbildung dem geschulten Redner gut. Ter Lehrer verbleibe in ruhiger Stellung, ohne dabei auf seine freie Bewegung zu verzichten, und etwa steif dazu stehen.. Er denke sich in den Gegenstand., den er auszniprechen hat, hinein, und mache den Mund aus; der rechte Ausdruck und die rechte Bewegung werden sich dann von selbst ergeben. Hat ja auch in der Schule der Lehrer genau ° auf das rechte Maas der Bewegung zu achten, und muß wissen, wo er an sich halten, und wo er sich gehenlassen darf. Er.denke sich ebenso in freier Besprechung mit seinen Zuhörern. Freilich, man wird auch einmal warm; aber die Gränze/d<s Schönen darf nie überschritten werden. 6) Der Vortrag des Lehrers sei kurz, 20—25 Minuten im Winter, Stunde im Sommer — nie mehr, eher weniger. Er beachte Luthers Rath, für Candidaten des Predigtamtes: ^Trilt frisch auf, thu' den Mund auf, hör' bald wieder auf!!" Die Begründuug dieser Forderung — die übrigens nicht allein dem Lehrer, sondern auch anderen öffentlichen Rednern, wenn auch nicht in gleichem Maaße anzurathen ist, wenn sie das ungeschwächte Interesse ihrer Zuhörer bis züm Schluffe in Anspruch nehmen wollen liegt zu nahe, um einer weitläufigen Erörterung zu bedürfen. Wir könnten noch manches aufführen, was für den predigenden Lehrer von Wichtigkeit wäre. Aber es genüge uns, den Lehrer schließlich zu ermahnen, die Gelegenheit, gute Predigten zu lesen, und mehr noch, tüchtige Redner zu hören, nicht vorübergehen zu lassen. Das wird ihn stärken in seinem Berufe, zu dem wir das Predige« als «»^läßliche Beigabe zählen. Wir habeu gute Predigtsammlrmgeu von Ma«nheimer, Jelliuek. Stein, Salomo«, Pleßner (Letzterer mchr der alten Schule avgehörig) Holdheim u. A. Sie alle werden den Studirend« über Form und Inhalt guter Predigten besser belehren, als es unsere theoretische Abhandlung könnte. Wir haben schließlich diesem schon mehrere Jahre geschriebenen Aufsatze noch Einiges beizufügen, auf das wir erst während des Druckes aufmerksam gemacht wurden. Wen» wir auch die Lehrer zum Predigen auffordern, so dürfe« wir uns doch nicht verhehlen, daß — insbesondere in unfern Hessen — leider sehr viele s. g. Lehrer sind, die nach Wissen und Charakter sich zu diesem Amte durchaus nicht eignen, und! daß wir allerdings aus praktischen Gründen zuweilen dey Rabbinen die Autorität vergönnten, solche» „Predigern" das Wort zu nehmen. Wie' oft schon mußten wir1 leider zugestehen: es giebt viel schlechtes Gesindel, leer an Wissen und ohne edlem Willen, unter uns; und daß das gerade die Anmaßendsten sind, ist bekannt. Es ist allerdings eme Entweihung des göttlicher Wortes, wenn, wie wir aus Beispielen bezeugen können, Männer in der Synagoge das Lehramt haben, von deren unsittlichem Charakter nach vielen Seiten hin die Gemeinde Ueberzeugung hat, abgesehen davon, daß ihre Kenntniß der jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens sehr unbedeutend ist. Ader andererseits möchten wir, und das ist auch ja der Zweck unserer Zeitschrift, gerade indem wir die Lehrer gleichsam mit dex Würde des Predigtamts betrauen, die Lehrer anregen, sich mit Kraft zu erheben, mit edler Selbstverläugnung au ihrer inneren Kräftigung zu arbeiten, sich stets mehr und mehr zu veredlen in Wissen und Charakter, und so bestrebt zu sein, Wissen, Charakter, berufliche und gesellschaftliche Stellung in Einklang zu bringen. Die rechten Lehrer sind auch würdige Prediger. — Recenfkonen. Die menschlichen Leidenschaften. Betrachtungen von Dr. mecL Klenke; Leipzig, Eduard Kummer 1862. Erkenne dich selbst! - Es gibt keine schwierigere Kunst als die Selbsterkenntniß, und darum auch kein bedeutsameres Mittel zur Erfüllung unserer beruflichen und menschlichen Aufgabe, welcher Art auch diese sei. In der Selbsterkenntniß ist zugleich der Schlüssel zur Erkenntniß der Welt, der Menschen gegeben. Wer sich selbst kennen und einen tiefen Blick in die Beweggründe des Strebeus und Wollens Anderer thun will, möge dies Buch lese», das ein Dichter und Arzt, ein tiefer Forscher des Menschenlebens schrieb über die Leidenschaften, diese — wir möchten sagen, Schöpfer des Lichts und der Finsteruiß, die alles „Große, Schöne und Böse" gebären. Indem der Verfasser uns auf alle die Wege und Grundstimmungen des Seelenlebens aufmerksam macht, gibt er uns Stoff und Mittel, uns selbst und Andere zu erziehen. Solche Bücher sind für Lehrer, welche denken und streben, von der weitg hensten Bedeutung und man versäume nicht, sie zum Gegenstände seiner Studien zu machen. K-

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