Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 4 (1864)
- Issue
- 9 (3.3.1864)
- Date
- 1864-03-03
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.1. — 34 Unsere Zeit, im Ganzen so dem Fortschritte zugeneigt, so mit wuchtiger Kraft bestrebt, die Scheidewände, die uns trennen von unseren außenstehenden Brüdern, wegzuräumen, ist doch darin charakterfester geworden, daß sie, in bewußtem Kampfe streitet um die Selbstständigkeit , 'um die freie Entwicklung der eigenen Ideen, in der Erkenntniß, daß Jeder auf seinem eigenen Wege, jede Nation, jede Religionsgenossenschaft in selbstständiger Weise, in freier Entwicklung der aus dem tiefften. Borne des Lebens gewordenen Kraft hinaufstreben soll zum Ideale, zur Vereinigung der Menschheit im Dienste des Wahren, Guten und Schönen. Unsere Leser-- wissen aus" dem ersten Jahrgange unserer Zeitschrift, welchen hohen' Werth wir auf den Unterricht in der bibl. Geschichte-legen. Es ist die biblische Geschichte die erste religiöse Nahrung des Kindesgeistes, die ihm von Außen zukömmt, gleichsam die erste Offenbarung des Gottesgeistes. An ihr rankt sich 6er Geist empor zur Erkenntniß des sittlichen Familienlebent eines Gott in D)emuth und Liebe verehrenden -aufopfernden Glaubens und Vertrauens Die hibl. Geschichte erfüllt die Kindheit 'mit Ehrfurcht vor der Erhabenheit des Geistes, der in der Offenbarung zu ihm spricht, und bringt es zum Gefühle der unbedingten Nothwendigkeit der'unmittelbaren göttlichen Offenbarung. Die Bibel ist das Buch der Bücher, die Grundlage unseres religiösen Lebens für alle Zeiten. Es ist eine bekannte psychologische Wahrh.it, haß in jedem Kinde der Entwicklungsgang der Menschheit gleichsam von Neuem beginnt. Keine Geistesnahrung kann darum ansprechender sein für die werdende Vernunft,. als die Geschichte von der Kindheit der Menschheit- Darin, liegt der für Viele unerklärbare Zauber-der-bibl. . Geschichte r und darin liegt auch eine Widerlegung der neuerdings wiederholt ansgesprochenen Behauptung) daß erfundepe ^moralische Geschichten, aus dem Leben der Gegenwart gegriffen,- der biblischen Geschichte an Werth gleichsiünden,'oder, gar diese überträfen. Wir können dies, auch vom pädagogischen Standpunkte aus, — also ganz abgesehen von. der positiv-religiösen Anforderung — durchaus nicht zugeben, und zwar aus obigem Grunde. Die einfachsten erfundenen Geschichten sind nicht so tief ergreifend und doch wieder so einfach-, wie die Geschichten aus der ersten Entfaltung dss zu Gott aufstrebenden Menschengeistes. Darum — um der. Religion.und der Gesammtentwicklung des kindlichen Geistes Willen, recht , viel bibl. Geschichte, recht viel Vibelkundtz, soweit es möglich in der Ursprache, aber auch in der Muttersprache. _ » Aber — der Unterricht in der Religionsgeschichte darf mit der Bibel nicht abschtießen,. wenn das Kind nicht allzeit eine tiefe unübersteigbare Kluft aufgethan sehen soll'zwischen dem Judenthume -der Gegenwart, das es lebt und übt, und zwischen dem „Jsraelitenthume/^.-das es in der Schule durch den bibl. Geschichtsunterricht' kennen gelernt hat. Da nun, — trotz Herrn Bar *>/diejenigen Schulen — und diese leisten bei Gott daruck nicht weniger -für wahrhafte Reiigiosilät, für Verbreitung des hl. Lichts göttlicher Lehre, für GottesundMeiifchenliebe als selbst die Schule * i In -Ur. 3 u. Bl. in Halberstadt, obwohl dieselbe von Herrn 0r. Auerbach, früherem Rabbiner in Darmstadl, geleitet wird — da also, trotz dieser Anforderungen und Behauptungen der jüdischen Schulen sehr wenige sein werden, wo Talmud und rabbinisches Schriftthum gelehrt wird, so werden wir für die Verbindung der Gegenwart mit der Bibel, die Religionsgeschichte, wie für manches Bibelstück die Uebersetzung zu Hülfe nehmen zu müssen. Doch auch noch andere Gründe haben wir für die Forderung, einen sachgemäßen religionsgeschichtlichen Unterricht für die Oberklasse unserer Schulen anzubadnen. Und so ergeben sich von selbst die Fragen: I. Warum sollen wir in unseren Schulen nach bibl. Rekigionsgeschichte unterrichten? II. Wie soll dieser Unterricht ertheilt werden? und dann zuletzt III. W'e verhält sich dieser Unterricht zu den anderen Lehrgegenständen, zum Gesammtorgamsmus der jüdischen Volks- und Religionsschule? Wir werden diese 3 Fragen alsbald nach einander einer eingehenden Besprechung unterwerfen. (Fortsetzung folgt.) Umschau. — Die Hvperorthodorie agitirt in Folge des Kompert'schen Processes in Liner bockst vcrwerflickxn Weise, die jeden redlich denk.'nden Israeliten tief betrüben muß: weil sie das Zeugniß gibt, daß man nichts Geringeres beabsichtiget , als die Spaltung in Israel zu einer vollendeten zu macken, eine totale auch nach Außen hin vollendete Sckeidung zu veranlassen. Während die Zeugen nur eben gegen den Ausdruck der klägerischen Staatsbehörde^ „Orthodoxe jüdische Kirche" sich auszusprechen verpflicktet waren, um nicht die Kluft im Judenthume zu einer vollendeten Tdatsachc zu machen, wodurch auch behördlicherseits zwei Sekten im Judenthume gleich am ausgesprocken und anerkannt gewesen wären, sagt man jetzt: die Zeugen hätten ausgesazt: „es gäbe keine oethodore Judenlehre, weil es keine jüdiscke Glaubenslebrc gäbe;" — V1D3 yotPJn? Gibt ti eine ruchlosere Vcrdrebung, darauf abzielend, gläubigen Gemüthern Furcht cinzujagen? Eine ähnliche Bewandtniß hat es mit dem angeblich angegriffenen Messiasglauben. Der Aufsatz ebenso wie die Zeugen und das Plaidover des Vertheidigers sprechen es aus: DaS Judenthum glaubt unverbrüchlich an eine messianische Zukunft; den Meisten ist wohl auch der Gedanke, daß ein Mann diese Zukunft hcrbciführen wird, wie ja jede erhabene That durch Auserwählte vollbracht wurde, zur Ueberzeugung geworden; allein im 53. Kapitel d.-Jesa>a ist von einer noch böhcren Idee die Rede, als selbst die des persönlichen Messias;" dort wird gesprochen von der steten Verjüngung de- Judenthums, durck die innere Stammeskraft, die in der Thora, im Judenthum wurz-lt. Kann es etwas echt. r. ligiöseres. etwas jüdischeres geben? Und doch, weil man eben die Spaltung endlich ausgesprochen haben will, um über den zurückbleibenden Theil herrschen zu können, will man glauben machen: eS sei in dem beregten Aufsatze der MessiaSglauben, d. i. der Glaube an einen persönlichen MessiaS überhaupt als Carricatur bezeichnet worden. Das ist aber durchaus nicht der Fall; das ganze Geschrei ist blos ein die bodenlose Verwerflichkeit einiger Stimmführer bezeugendes Manöver. Wir sind überzeugt, alle redlich denkenden Israeliten, die wahrhaften Ortbodoren am kräftigsten i