Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 3 (1863)
- Issue
- 19 (7.5.1863)
- Date
- 1863-05-07
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 H — 75 — fei auch gar nicht ausführbar, und finde in reinem Staate Europas statt. *)-Der Art. 2 des RegierungSentwurss lautete: „die Befugnisse der übrigen Religion-gemein chaften, welche biSber ausgenommen oder geduldet waren, rihten sich nach den ertheilten Bewilligungen." Der Ausschuß hingegen beantragte mit Rücksicht auf die bei unS aesetzlich feststehende Gleichberechtigung aller ReligionSgenossenschaften folgende Fassung dieses Artikels: „den übrigen bereits bestehenden, sowie den sich bildenden neuen Religionsgemeinschaften steht das gleickw Recht der öffentlichen Gottesverehrung unter dem Schutze des Staates zu." — Hier fällt also der Ausdruck „aufgenomsnen oder geduldet" aus, und wurde der Artikel in der vom Ansschuß beantragten Form angenommen. Bei dieser Gelegenheit kam die Petition der Israel. Vorstände durch Abg. Dumont in Erwägung. **) — Auch bei Art. 4 und des Gesetzespricht der Herr Ministerialrath von Lehmann die Aussicht aus, daß die „ReligionSgemeinsckasten" nicht als „Kirchen" angesehen werden und daher in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten andere Bestimmungen zu treffen seien, wie bei der evangelischen und katholischen Kirche. — All das stellt ein entschiedeneres Vorgehen zur Ordnung und Klärung unserer Angelegenheiten als unbestreitbare Rothwendigkeit hin. Berlin, 27. April.- In der heutigen Sitzung des Hauses der Abgeordneten wird die Beschwerde des jjüdischen Predigers Simon Levy zu Birnbaum verlesen, darüber, daß in vielen öffentlichen jüdisckien Schulen der Provinz Posen evangelische! Geistliche als Schul-Zuspectoren thätig seien, welche auch in! jüdischer Religion und Religionsgeschichte, und zwar-ohne Zui ziehung der jüdischen Geistlichen, die öffentlichen Schulprüfungen; abzuhalten pflegen. Er erblickt hi-rin einen Gewissenszwang, , welcher den Grundsatz.'n unserer Bersaffung und eben jo der; Willensmeinung des Königs, wie sie bei Gelegenheit des Mor- ' tara-Falles kund geworden, entgegenlaufe, und er bittet deßhalb! das Haus, seine Beschwerde der k. Staatsregierung mit' der! Aufforderung zu überweisen: „Den evangelischen Geistlichen die j Inspektion über jüdische Schulen nicht mehr zu gestatten und j die Wahl dieser Beamten ganz der Autonomie der Gemeinden | anheimzugeben." Die Petitionscommission beanttagt, über den! zweiten Theil des Antrags zur Tagesordnung üderzugehen; den ersten Theil desselben dagegen der Staatsregierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Dieser Antrag wird angenommen. , (Ein Mortarasall.) AuS Tarnow berichtet man: „In dem Dorie Szalowa bei Gorlice. im Sandecer Kreise, lebt ein jüdischer Propuiator, L. D., dessen t 0 jährige Tochter Leah seit ' beinahe einem Jahre Unterricht bei einem katholischen Lehrer! nimmt, der zugleich man^e kirchliche Functionen in der Orts- > capelle zu verrichten hat. Die Ettern dieses Mädchens, schlichte! Dorfleute, sehen das vollste Vertrauen in die Person des Lehrers 1 und denken bei ihren mannigfachen Beschäftigungen nicht daran, \ den Unterricht zu überwachen. Eines Tages, als dieselben von! einer Reise nach Hause kommen, kurze Zeit vor den Österieier-; tagen, finden sie die Tochter, der sie die Leitung der Wirtschaft! während ihrer Abwesenheit anvertraut haben, nicht mehr, Kleider; und Wäschkasten zum Theil geleert und vermissen außerdem manches Werthvolle Sie allarmiren das ganze Dorf, schicken Boten nach allen Richtungen, und bringen endlich' in Erfahrung, daß ihre Tochter im 'Nonnenkloster zu Alt-Sandec sich aufhält, wohin sie der Lehrer gebracht hat. Die Vorsteherin verweigert Pie Herausgabe und gestattet dem Vater nur, getrennt durch eine Bretterwand mit seiner Tochter zu sprechen. Von dem Bischof von Tarnow, dessen edlem, humanem, wahrhaft christlichem *) Frankreich? Holland? selbst Württemberg? (RedJ **) Der officiell« Bericht sagt: sämmtliche Vorstände; daß dies aber nicht richtig ist, und wie es sich damit verhält, ist auS früheren Berichten über die betreffende Versammlung bekannt. (Red.) Charakter die Anhänger aller Eonfesflonen Gerechtigkeit widerfahren laffen, erwartet man eine versöhnende Entscheidung." vr. Gabriel Riesser, geboren in Hamburg den 3. April 1806, gestorben daselbß den 22. April 1863. Es gibt Namenin deren Klange sich uns di« höchsten; Bestrebungen der Menschheit verkörpern, so daß jste unserer Seel« mehr sagen, als der künstlichsten Rede zu sagen gelingen würde. ,Dnj Erinnerung an seine großen'Geister ist das reichste Erbtheil von eines jeden Volkes Zunge.7 „Riesser, einge Worte über LeffinzS Denkmal an die Israeliten Deutschlands." - Das Grab wölbt sich > der einen der Edelsten unserer jüdischen Zeitgenossen. Gabriel Riesser, der würdigste Vertreter der Israeliten Deutschlands, der wackere Kämpfer für Gewissensfreibeit, für das uralte und ewige Recht deS Juden als Mensch und Bürger des Vaterlandes, wurde vor einigen Tagen in jeiner Vaterstadt der Erde übergeben. — Deutschland hat in ihm einen seiner w lrdigsten Söhne, einen politischen Charakter von seltener Ncberzesgüngstreue verloren, — uns war er mehr. j’nanE'O rebi ihaxi by ^an. — Gabriel Riesser war der 'Sot^n eines edlen, für sein: Zeit hochgebildeten und hochsinnigen Vaters, der in Milde der Gesinnung seinem großen Sohne! glich. *) Gabriel studirte in den 2«>er Jahren in Kiel und Heidelberg die Rechte. In Heidelberg wollte er sich als Privatdozert, dann in seiner Vaterstadt als Advokat niederlassen; beides w irde — dem Juden — abgeschlagen. Das bestimmte ihn, nicht als Vertreter einzelner Rechtsansprüche, sondern als Vertreter des Rests der Gewissensfreiheit Aller aufzutretcn; und so entstand seine erste Schrift, die dem Zwecke seine- Lebens — Gleichheit der Reckt, für jede Ueberzeugung — Richtung und Weibe gab. Er schrieb: Vleber die^Stellung der Bekenner des jüdischen Glaubens." — pDieie Schritt voller Wärme, dem Spiegel der Ueberzeugungstreuz. machte einen bedeutenden Eindruck sowohl bei seinen Glaubensgenoissen als auch bei vielen andern edlen Männern des Vaterlandes, und trug den 'Ramen des damals erst 24jährigen Mannes in alle Gauen Deutschlands, wo noch Juden in bürgerlichem Druck und mittelalterlicher Beschränkung des Erlösers harrten. Und n as «ein erstes Auttreten versprach, das erfüllte sein Leben. Wo ein Kampf geiübrt werden mußte gegen Vorurtheil und Intoleranz, wo für Freiheit und Humanität gekämpft wurde, da vern chm man Riesters zündendes Wort, und dies Wort war eine Tha; denn es erhob die Freunde der Freiheit — es schlug ihre Feinde. So kämptte er!8!l gegen den „denkgläubigen" Professor Paulus in Heidelberg, der nur in der Taufe die Ratuzalifati m des deutschen Bürgers erkennen wollte-, so gegen dessen mindwwürdiqe -Rahmgler. In Folge dieses Wirkens wurde bei einem Festessen in Frank'urt a. M. der Gedanke angeregt, Riesser r „als den würdigsten Repräsentanten der deutschen Israeliten" zu begrüßen, und ihm einen Ebrenpokal mit passenden Emblemen und Sendschreiben zu überreichen. In sehr kurzer Zeit war' die nötdige Summe, zu der nur ganz kleine Beiträge ang nommen wurden, beisaminen, und der nach einer Zeichnung vin Professor Oppenhciin gefertigte prächtige Pokal ging an seinen Bestimmun.zsort ab. •) Die Zeitschrift „der Fieiragabend" Nr. 7 vom Jahre 1S59 brachte einen dies bezeugenden!>rief des alten Rieffer, den bekannten Hamburger Tempelstreit betreffen!..