Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 3 (1863)
- Issue
- 18 (30.4.1863)
- Date
- 1863-04-30
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Alles Naturgemäße, '(organische Bildung) haßt schroffe Grenzen und schroffe Gegensätze. Man' denke sich einen jungen Mann, der zur strengste« Verleugnung aller Selbstständigkeit angehalten,.mrt eurem Male in bewegte Leben, in die Gesellschaft tritt.und nun selbstständig, selbstbestimmend wirken und austrcten soll? Entweder tleberschätzung, von Einseitigkeit nicht zu reden, oder linkisches, tölpelhaftes; in jedem Schritte anstößiges und lächerliches Benehmen muß ihn unvortheilhast auszeichucn. — Auch den Vorgesetzten wird eine Unbequemlichkeit entgegentreten. Heute noch der strenge Befehlshaber, — nach einigen Tagen de« Examens die höflichsten Briese.— Und was muß in diesem Punkte im Gemüthe des jungen Mannes vorgchen? — Verkehrte Maßregeln verfehlen gewöhnlich des Zweckes. In äußerster Strenge erzogene Kinder werden, wenn ste später in s Leben treten, meist entweder die Sündenböcke Anderer, oder, was sehr oft vorkommt, sic schlagen ins entgegengesetzte Extrem über. (Fortsetzung folgt.) Ä s l gemeine, s. Correspoud^irz . Aus .Rheinhessen, lö. April, Es ist recht, daß die Presse die Tendenz, Fragen, Debatten und Beschlüsse der am 22. v. M. in Main; avgeyaltenen Versammlung von Rabbinern, Vorstehern und Notablen der israel. Stadt? und Landgemeinden im Gr.' Hessen in das Bereich ihrer Besprechung gezogen hat. Aber man erwarte nicht, daß' wir auf das Gebell des Mainzer „Israelit" hören. Solche Hunde muß inan kleffen lassen. Man bringt chie so am schnellsten mm Schweigen.. Mephistopheles verräth sich doch überall durch seinen. Pierdefuß, den er unwillkürlich unten durckbticken läßt und nicht gänzlich zu verbergen vermag. So auch hier wieder in dem äuge führten Beispiele von Adonijabu und Schelomo. Es zuckt daraus der Aerzer hervor, daß man den Patron jenes Blattes nicht mitejngeladen batte. Das hierarchische Gelüste., welches er bei den Rabbinen vermuthet oder geradezu voraussetzt, 'haltet vielmehr ihm an. Er hegt für sich die Hoffnung'aus.Nealisirung der Bestrebungen, von denen er, aber fälschlich, glaubt, daß die Rabbiner sie intendirrn. — - - . Wer ist aber der Berrätder aus der Versammlung, welcher mit dem Rekacteur jenes Btatled commuuicirt, der auf dem Boten unserer religiösen Fortschrittsparteisteht, lebt und kämpft und mit jener reaktionären Parteicoquettirt? --- Uebrr die, die äußere, politische-Stellung der Juden und des Judentbums berührenden Fra.zen wird schon eine Einigung erzielt wcrden; schwieriger iir dies bei den inneren Fragen: Synode*) und Schule betreffend. Die Furcht, vor Hierarchie -*) Unser lehr geschätzter Herr" Korrespondent wird wobt die Güte baben, in unseren nächsten' Blätternseine Ansichten über die Aufgabe einer Synode und üder di« Gestaltung derselben, (über Wahl, Ver« sammlungszeit, ftäncige und unständige .Ritgllet«) auszusprechcn. Ls ist dies beengend norhwendig, um daS Publikum über das, was geschieht und geschehen fest, auszukläre«, unc es °den Bestrebungen der Eommssiion geneigt ,u macken^ Wenn «ne. freieBcre>nbarung sammtlicher Jsraelitengemrinden ees Landes der . Zweck dieszx Bestrebungen ist, so muß Jeder, der ein Interesse dafür bat, auch wissen um was es sich bandelt. Wir cürien deshalb' erwarten, daß. selbst die «erehtl. Eommisfivn von jeecm Schtttte, den sic tbut, von ihren Entwürfen und Beschlüssen dem gelammte« Publikum durch die Presse Kunde gibt, und wir werden nickt verfehle», das Geschehene-z« registriren, und unsererseits unseren Lesern genau« Kunde zu gebe». Wir .dürfen erwarten, daß alle diejenigen Israeliten des Landes, welche sich für eine Aenderung ist kaum zu begveifen, wenn man steht, wie die Rabbiner! sich derselben selbst ^Meiden wollen, und trotz dcS Geschreis üb« Hierarchie im. Gtcgensatz dazu man dennoch ihnen alleinige, also hierarchische Machtvollkommenheit und Entscheidung überlaffen will. Man überträgt so.die Entscheidung der wichtigsten Fragen Einzelrichtern, während doch in d« Vorzeit noch collegialische Berathung Statt batte. Die Rabbiner hingegen urgiren! eine SvnodalvetsaAunz und begeben sich somit freiwillig des ererbten und übertragnen Rechts alleinig«, also gleichsam hierarchischer Entscheidung, trotzdem es ihnen bevorsteht, mit Laicnmitgliedern zu berathen, welche vielleicht nickt immer, wie früher, des Re llgionsgesctzes in etwa kundig sind. Darum ist cs ab«!auch weder den Rabbinern zuzmnuthen, daß sie sich in rein theologischen Fragen blindlings dem Willen ein« ver Mehrzahl nach auS Laienmitgtiederu zusammengesetzten Versammlung (Syttkve) fügen, noch den Gemeinden, daß sie sich unbedingt den Beschlüssen ein« solchen im Voraus unterwerfen. Es ist vielmehr nur Absicht, daß durch eine so bewirkte Berührung der Theorie und PrarrS, der Lehre und deS Leben- Rabbsn« und Laien gemeinsam die rechte Lösung t« brennenden Zeitsragen finden und für sie die geeignete Berücksichtigung in den Gemeinden gewinnen. Die Staatsregi«ung ist in dieses Projekt mit hineinzuziehen nur darum nöthig, weil ohne diese für die Synode eine allgemeine Bethevligung und eine fortgesetzte Dauer kaum zu «zielen sein Möchte. Ab« wenn auch —, die Regierung hat doch jetzt noch das iRecht der höchsten Entscheidung m religiösen Dingen , und stützt sich dabei aur das Gutachten der betreffenden Einzelrabbineri Es ist ab« wünschenswerth, daß sie dem ausschließlichen Eiafluffe dies« Rabbin« entratbe. Wie also wäre eine Jgnorirung der Staatsrezierung möglich? Die Schulfrage ist in der That eine sehr wichtige, und die Zustände derselben iord«n mit 'Entschiedenheit Abhülst und Besserung. Die Zukunst des Judenthums liegt hauptsächlich mit in den Händen d« Schule. Ohne Schule und tüchtige Lehr« ist auch das Wirken der Rabbin« machtlos, und alle Bestrebungen zur HebungteS Judenthums sind' ohne diese fast illusorisch.! Auch wir sind dafür, daß in Angelegenheiten der Schule Lehrek"mit zu Rathe gezogen werden, sowohl um ihre Ansicht zu HÄken, wie um sie mit in's Interesse zu ziehen. Nicht das Wissen des Lehr«- ist es allein, »vorauf wir dabei speculiren, sondern seine Erfahrung und Kenutniß der Localverhältnisse, wie deffen nicht zu leugnend« Einfluß auf die Leute seiner Gemeinde. Es taugt überhaupt nicht, ein so wirksames Glied, wie der jüdische Lehr« für Gemeinde und Schale ist, zu ignoriren. Wir wollen den Lehrerstand heben, — drücken wir ihn deßbalb nicht nied«, sondern ziehen wir ihn empor. *) unserer inneren Verfassungs-Verhältnisse intereffiren, zur Verbreitung richtiger Ansichten in dieser wichtigen Angelegenheit beitragen. Da aber ähnliche Verhältnisse — Verfaffungswirren und confKtu« tionelle Geburtswehen in Israel — fast in allen Länder» verJudenheit gegenwärtig sich regen, so dürste die eingehende Besprechung diese Stiel ungen auch für nicht hessische Leser von großem Interesse sein. D’-Onj die inner» Lebensverhältnisse des Judimthums werden überall nach gleichen Grundpriaoipien sich gestalten nüfftn. Die Redaktion des israel. Lehr«. •) Das Gemütb des wirklichen L«br«s ist Gottlob von einer solchen Eizpansiv-Äraft, wir möchten sagen, von einer solch glücklichen Elasticität, daß es nach derlei äußerem Drucke mit erneuert« »nd dop- Kraft emporschnellt „e pur ae uiuove* (und ste bewegt sich doch); die heilige Kraft, di« aus dem Bnufe strömt, macht den seine Zeit und seine Aufgabe begreifenden Lebr« gletchgiltig gegen Zurücksetzung von Männern, die, indem fi« das Wirken des Lehrer« unterschätzen od« absichtlich mißachten, beweisen, daß sie von der Zeit und von den Anforderungen wahr« Bildung keinen Begriff haben; und «, d« recht«, denkende, durch seine Bildung allen sogenannten „höheren* Stände« gleichsiehende Lehr« b«uhtgt sich in dem Bewußlsetn: „die Erde bewegt sich, und die Zukunft gehärt unser." (Red.)