Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 2 (1862)
- Issue
- 19 (1.10.1862)
- Date
- 1862-10-01
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
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142 heit. Tie Geschichte lehrt.uns, daß, wie in dem Ringen nach einer neuen Zeit ein unbewußtes Unbehagen die Gemächer ergreift und fortreißt, — zur Zeit von d.r der Tichtcx sagt: ■ - _ Untrösilich ist's «och allerwärts Do<b s«b icb «anlbes S»g« stammen! Unr klopfen bört ich manches Herz! — also auch nach solchen Epochen und Zeitläuften eine Erschlaffung der Gemächer eintritt, und, mit dem Errungenen unbefriedigt,- die-Geister das Gefühl einer trostlosen Oede befällt; weil cs fehlt au Männern, die das Rechte ergreifen, auf der Basis-des Errungenen fort- und dasselbe ansbauen. So wrrL bcispielwcije nach der Reformation, nach 1814 u. s. w. — Wohl uns, wenn die im Judcnthnmc eingetretenc Erschlaffung nichts, wener ist, als die nothwcndige Rücklvirku^g deS crhcbcilden ilnd bewunderungswürdigen Aufschwung?, dcu die. gesammten LebcnSverhälkniffe'deS Jndcntbums iii .der ersten Hälfte des Jahrhunderts gewonnen. Wohl uns,. wenn nicht Reaktion, sondern nur Stillstand cS ist, was wie. ein Alp auf die gesammten Erscheinungen des jüdischen Lebens der Gegenwart drückt. - Unleugbar ist cS abjer sicherlich, und.wird von religiöS-fühlcnden und denkeffdeu Männern tief empfunden, daß es der Gegenwart an Cbaraktcr, au gesundem wahrhaft jüdischem Bewußtsein s^hlc. Einzelne Lichtblicke, — die Gottlob niemals fehlen im göttlichen Haushalt, um die Hoffnung lebendig zu erhaltest, — ^abgerechnet, werden unsere religiösen Zustände ein dtstc trüberes Aussehen erhalten., wenn wir sie Zusammenhalten mit dem Sein und Wollen der eben heimgcgangencst und thcilweife' ucch lebenden Generationen, die da tämo ffcn und wirkten für-ihr Recht als Bürger und Menschen^ dessen wir. nun. großentbeils uns erfreuen können, und dabei! warm fühlten für..jhr Bckenntniß, und wacker strebten Ar Regcnerirlniz und Festigung der religiösen Jnstirntsoncn. erfcn >oir zuerst einen Blick in die großen und größten Eiemeindcu. Wsbk sind da in den letzten Jahren allerwärrs herrliche' Tcu:pel erbaut und splpneid ausgestattct wordtn,- unk belebte Prediger und Rabbiner verkünden das geläuterte Gotteswdrt., Aber die Svnagogen stehen das ganze Jahr über — mit Ausnahme etwa von n’“ und d"’ leer, Kind die wenigen Besucher sind zumeist — Hörer, nicht Dctep! Und die Rabbinen dürfen und sollen-in diesen Prachtgebäuden kein entschieden jüdisches Wohl.sprechen, sollen sich auf Gemeinplätzen,- auf der brcitgctretenen Straße bewegest, um die rartcn Thrcn ihrer Hörer und Hörerinnen nickr zu belridig.cn! Dis traurige schmerzvolle Bcrgangcnbeir jdes JudenthiunS, die socialen und religiösen Gebrechen der Gegenwart sellezr sie unberührt kaffen, — so etwas taugt nicht in die vergoldeten mit Teppichen belegten Prstchtgebände. Spricht der Rabbiner ja einmal, und gat bei solennen Gelegenheit ein ernstes Wort, mahnt er das Volk, der Leiden der Bäter eingedenk zu sein — iti Ist zum Bösen — wer könnte das denken? — sondern zur Erhebung und zur Festigung des Bewußtseins, daß wir Juden sind, so sagt man ihm derb: Wir muffen vergessen, wenn auch die Gesellschaft, selbst die gebildet, selbst die freisinnig sich nennende noch lange i.icht v.rgeffen hat, nicht vergessen will, daß wir „anderer Rare" sino. Ist das natürlich, ist'S charaktervoll?! Zeigt es das jüdische erhebende Bewußtsein, daS eben in seiner Geschichte seine Kraft,- sein LcbcnScleinent findet? — Und mehr noch! was nützen die Synagogen, wenn die Jugend sie nicht besucht, sie nicht kennen lernt, bis sie ihr, — als Confirmand — StaatSvisitc ab stattet? WaS nützt der erhebende Gottesdienst, an dem die Menge bald nicht mehr wird theilnchmen können, weil sic nx-pn ysz”n? kitdjt hebräisch lernt! Glaubt mau allen Ernstes einen jüdischen Gottesdienst zu haben oder ihn einmal Herstellen zu können, ohne mim nxnp, ohne yzv, p~o, tcmp und nir-p?! Wir gehören dem Fortschritte mit ganzer Seele an, aber wir haben die feste Ueberzeugung, die ja auch z. B. der selige Jost — gewiß ein Mann des entschiedensten Fortschritts — theilte ( Ran sehe z. B. die Protokolle der Rabbiverversammlunz) daß der weihevolle jüdische Gottesdienst das hebräische Element nie wird entbehren tönncn; nein, nie! Als vor Jahren die badische Regierung den Israeliten einige Fragen vorlegte, nach welchen sie einen Theil ihrer Rclizionsgcsetzc anfgcben sollten, um der bürgerlichen Rechte rheilhastiz zu werden, da rief der edle Ricßer: „Auch nicht ein Jota dürft ihr anfzcbcn/ er hatte gewichtige Gründe; aber ist das, was wir durch vollständige Verleugnung des Charakteristischen des JudenthumS als Religion, durch „radikale Nivellirung" erlangen können, wcrthvollcr, als jene Rechte? Kennt Jemanden in solchen Gemeinden die Ziele der Tonangebenden? Ist noch warmes Leben, Theilnähme, Gefühl fürs gemeinsame Hciligthum vorhaudeu? Mau stellt Rabbinen au und besoldet sic — wohl, um ihnen sagen zu können, daß sie nichts, gar nichts sagen und thun dürfen; daß sic ruhig zuschcn, und die Hände in den Schooß legen müffcn, .wenn Alles — A llcS zu Grunde geht! Und sic können und wollen doch nichts, als — reden! Wir sind Todfeinde aller hierarchische» Bestrebungen, jedes Zwanges auf religiösem Gebiete, aber — w:r wollen jüdisches Leben, wir wollen, daß die religiösen Lcbenscrscheinunzen des JudenthumS einen jüdisch-religiösen Charakter haben! Wir wellen, daß unsere Jugend zu jüdischreligiösem Bewußtsein erzogen, daß unsere RcligiouS schulen von allen besucht und darin ein jüdisch-rcliaiöser