Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 2 (1862)
- Issue
- 10 (1.6.1862)
- Date
- 1862-06-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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74 So sehen wir uns genöthigt, wo eS möglich ist, eigene israelitische Schulen zu gründen, und so auch unsererseits — jedoch nvthgcdrungea — einem Principe mindestens äußerlich untreu zu werden, dessen Erfüllung nicht von un» abhängt; obwohl wir eS als eines der wichtigsten und heiligsten <uf dem Gebiete der Volksbildung und der gesummten Znt wessen, die aus der Entwicklung des MenschengcisteS und deSi nationalen Lebens hervorgehen, erachten. W^r können und muffen zu Unserer Beruhigung jedoch zu Obigem noch beifügen, wie die in dem gerügten Geiste wirkenden Schulen ganz dazu geeignet sind, und es zuweilen sogar als etwas Verdienstliches preißen, — iSrael. Kinder dem GlaubenSbunde der Väter untreu zu. machen, oder die finstern Geister des starren BuchstabenglaubcnS, des unfruchtbaren Pietismus, des todten Formendienstes, der Heuchelei und Schwärmerei, ja selbst des Fanatismus zu pflegen, Geister, die mit der Lehre und dem Wesen des Judentuums, der Religion des Lichts, der Klarheit und Wahrheit nicht Harmoniken, und deren Einbürgerung bei uns betj Gott Israels. gnädiglich verhüten wolle. Sv wird eS upsere heiligste Pflicht, unsere Kinder jenen Schulen zu entziehe»^ die der allgemein-menschlichen Entwicklung, die toir für! unsere Kinder verlangen, entfremdet sind, und derselben eine andere tendenziöse unterzuschieben geeignet wären. Wir'«ollen im Folgenden vor Allem Einiges über den Geist sprechen, der in den israelitischen Schulen und in dem israelitischen Schulunterrichte 'herrschen soll, um unserer weiteren Ausführung Mi. geeigneten Grundlage zu dienen. I. Der Geist in der israelitischen Schule. Die israelitische Schule, ist eine Anstalt, die die Entwicklung und Heranbilcllug isrLelitischer Kinder zur Erkrnntniß ihrer A'ifgabi als Menschen und Israeliten und die sittliche Befähigung derselben zur Erfüllung dieser Aufgabe — die Kräftigung des Willens anstrcbt. 'Man hat, als die beiden Seiten des Zweckes der Schulbildung überhaupt, auch die-Bildung des Geistes und des GemüthS anerkannt, und sie in ihren Endzwecken als mit der Bestimmung des Menschenlebens identisch erklärt. DaS vorzüglichste Mittel zur Erreichung dieses Zweckes in der Schule ist der Unterricht. Es ist jedoch bekannt, daß der Unterricht zumeist nur auf die Einsicht des Kindes gerichtet sein kann, und fast nur diese, nicht den Willen in da» Bereich ihrer uunnittcloarru Einwirkung zu ziehen vermagi. Die Einrichtung der Schule, als einer unter der gemrimamen Schulordnung stehenden Gemeinschaft, läßt eS selbst nicht immer ey^ltnen, ob eine etwaige Bcthätigung deS WilleniS' wirklich eine sittliche, d. h. eine freie genannt werdest kann. Einsichten allein sind jedoch nicht Bildung, geben nicht die Möglichkeit zur vollen Erfüllung der menschlichen! Bestimmung. Die Schule hat ihre Aufgabe noch nicht erfüllt, wenn sie nicht mehr als ein gewisses Maas von Kenntnissen — Einsichten — und sei dies ein auch noch so großes, an die Kinder zu bringen vermag, wenn sie nicht auch erziehlich in dem Sinne wirkt, daß sie den Willen zur sittlich-religiösen That, zur Bethätigung der Einsicht kräftigt. Die wahrhaft sittliche That wurzelt wohl einzig in der wahren Erkenntniß, uud Erkenntniß ist nur, wo sie durch die sittliche That sich bewährt. Von Kenntnisse« wohl, aber nicht von Erkenntniß kann sonst die Rede sein. Gibt es nun auch Schulmittcl, die zum Zweck haben j die g^nzc Aufgabe der Schule zu erfüllen, und —um hier sogleich unsere Frage zu fixiren: — wie wirkt die israelifische Schule im Ganzen erziehlich, wie wird in ihr die harmonische Entwicklung der geistigen und sittlichen Kräfte-^der Einsicht und des Willens befördert? , Wir wollen hier nicht von der sittlichen Kraft des Unterrichts an und für sich sprechen, die sich in den einzelnen Fächern, die wir etwa zu besprechen haben würden, von selbst äußern wird; wir wollen überhaupt hier vordcrsamst nicht daS Einzelne, die DiSciplin im engeren Sinne des Wortes, die Persönlichkeit deS Lehrers rc. in vaü Bereich unserer Betrachtung ziehen; vielmehr ist es uns daraum zu thun, ein Totalbild der israelitisches Schule zu geben; zu erörterst, wie sie überhaupt sein soll; den Geist zu erkunden, der sic beleben und sich in ihrem ganzen Sein und Wirken, im Unterricht und in der Disciplin, kurz in Allem äußern muß; die obersten regulativen Principien festzustellcn, die — wie der Pulsschlag den Menschen — leben-bildend und regelnd daS ganze Getriebe der Schule durchziehen müssen. Wir fragen daher hier vor Allem: welches ist der Geist, der in der israelitischen Schule herrschen soll? KL . , _ (Fortsetzung folgt.) Ausführlicher Bericht über die israelitische Notabeln-Bersammlaug, abgehalten zu Neustadt a. d. Haardt inder bayrischen Pfalz am 9. Mai a. c. * Bereits die ersten Eisenbahnzüge brachten uns werthe Gäste, die sich mit jedem folgenden Zuge vermehrten, so daß fast jede israelitische Gemeinde der Pfalz vertreten war. Um 12 Uhr eröffnctc Herr Ignaz Lehmann, Instituts Vorsteher zu Neustadt, die Versammlung mit folgender Ansprache: Verehrte Herren und Freunde! Als dasjenige Mitglied Ihrer Ausschüsse, das in hiesiger