Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 2 (1862)
- Issue
- 9 (15.5.1862)
- Date
- 1862-05-15
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 67 n geht, daß unsere fortgeschrittene Zeit ave diese Verschärfungen deS leides richt verträgt und auf andere Mittel sinnen muß, diesen in den Augen des Volkefeierlich, heilig "und unverletzlich zu machen Allein, wenn dem so wäre, wie Jene behaupten, mit welchem Reckte will man einen feierlicheren,! mit allerlei Zutbaten und Apparaten versehenen Eid eindm Theile der Staatsbürger ansbürden, von den: eS bekannt und durch Aussprüche von Gliedern unseres RichtcrstandeS anerkannt ist, daß ihm der Eid heilig ist, daß er eine Scheu vor dem Eire hat und ihm, wo es nur irgend möglich ist, durch Nachgiebigkeit bis an die äußerste Grenze zu entgehen sucht! Wenn man unseren christlichen Mitbürgern einen christlichem Eid, d. h, einen Eid mit spccifisch christlichen Ecrcmonien aufcrlegl, dann erst könnte man mit Recht von uns Juden einen Eid more judaico) fordern — aber selbst dann dürfte man nicht auf den Grund vereinzelter Bibel- oder Talmndstellen etwa Beliebiges zusammenstellen wollen, selbst dann müßte man durch Expertjen, d. h. hier durch jüdische Theologen bestimmen lassen, waö jüdische Sitte, Gesetz, Ritus erheischt und waS nicht. So schwören B. in Baden die'Juden vor dem Richter auf eine Bibel, nachdem sie vor dem Rabbiner vorher in dessen Behausung belehrt wurden. Allein die Christen schwören ebenfalls auf die Bibel', wobei noch ein Kruzifix mit zwei brennenden Richtern hinzukommt, nach geschehener Belehrung durch den Geistlichen. Jii^Nassan, .Hessen, im jci.fcif:gen Dauern (Zuziehung d>S Geistlichen ill der Amtstracht kann dort bei jeder Eonfcstiou beantragt werden) sind diese Eide more judaico abgeschafft, in Preußen scheiterte die Abschaffung an dem Widerstande ceS fast jedem Fortschritte widerstrebenden Herrenhauses — cS scheint unsere schöne Pfalz solle dies Stückchen Mittelalter, diesen den Juden ,bezeichnenden »ne kennbar machenden gelben Fleck am längsten an sich tragen! Aber noch mehr—was veranlaßt unser Avpellationsgcrickt der jüdischen Masse den Glauben an größere Hei iakeit des Eides more judaico zuzufchrciben? Hier kommen wir freilich wieder auf einen jaulen Fleck im Judenlhum der Pfalz. „Wie sollte man diesen Eid nicht für heiliger ansehcn fragte uns kürzlich ein Gerichtsbeamlcr, wenn Jude gegen Jude ihn vor Gericht stets fordcrt?" Und so ist cs auch leider! auch der Jude in der Pfalz emblödet sich nicht, vor Gericht von seinem jütrscken Gegner einen s. g. Eid. inorc judaico zu fordern, einen , Eid, von dem er doch weiß, haß er in seiner Zusammenstellung von Tefillin und Todtenhemd nicht jüdisch ist; einen Eid, von dem er weiß, daß er der finstern Zeit deS JudenhaffeS und dem Mißtrauen gegen die Redlichkeit des jüdischen Bürgers entstammt; einen Eid, durch den jedes fühlende jüdische Herz stck gekränkt und verletzt fühlen muß; einen Eid, der mehr an heidnische als jüdische Sitte sich anlehnt; einen Eid endlich, von dem jeder Jude, als solcher, überzeugt sein muß, daß rr nickt im Allermindestest heiliger ist oder mehr Wichtigkeit besitzt, als das für nw'ere christlichen Mitbürger übliche einfache: „Ich schwöret — Ist dies nicht ein „Chilulhaschem?a Muß der christliche Richter, wenn der Jude selbst einen Eid more judaico fordert, nickt auf den Gedanken kovßmen, daß dieser in seinen Äugen eine größere Wichtigkeit und Heiligkeit haben muffe? Ja, eine Schmack ist es, daß der Jude selbst zur Idee Veranlassung gibt, als ob ein gerichtlicher Eid unter gewöhnlicher, einfacher, je irgend welcher Form, nicht ganz gleicht religiöse Wichtigkeit, und Heiligkeit hätte, als ein Eck mit Zstthaten, deren Zusammenstellung einem gebornen Juden nit in den Sinn gekommen wäre! Längst schon hätte« diel Juden — Reformer oder Drthodore — sich stillschweigend oder durch Ueberrinkommen das Wort geben sollen, nie einen anderen Eid zu foreern, als ven vor dem Riü ter, mit-erhobener Hand und dem einfachen Worte: „ich schivöre!" — wie eS ihre Altvordern gethan. Und check ist die Folgerung größerer Heiligkeit und Wichtigkeit, die man aus dem Umstande zieht) daß die Juden einander selbst den Eid more judaico gehe«, nicht richtig. Der Jude verlangt einen solchen Eid von ffeinem Gegner im Prozeß nicht aus dem Grunde, weil er diesen Eid für heiliger, oder den Apparat dazu für nöthig, oder gar in seiner Religion für begründet hält — o nein! Er fordert diesen Eid als ein Prozeßmittel, als eine Ehieane, als eine letzte Zuflucht, die ihn vielleicht vor gänzlichem Verluste seines! Prozesses Air schützen vekmag. Der ganze Apparat, daS ist freilich klar und Isoll auch gar nicht in. Abrede gestellt werden, hat etwas vom Eide sehr Abschreckendes. iMciii wein» das Gericht den Eid -zuerkanut, so soll doch durch denselben die Wahrheit zu Tag gefördert, daS Rechte erkannt, das Unrecht ziirückgewiesen werden .Nun wird aber durch diesen Apparat ein äugstlicheS G e m ü t h zmückgefchreckt, kann au > sich selbst irre gemacht, und leicht zum Ausgeber: seines Rechtes veranlaßt werden, , nur um allen diesen erschreckenden Reden und Formen aus dem Wege zu gehen. Biele Reformjuden, die weder Teffilin anlegen noch Todtenhemd tragen, werden den ganzen Apparat als ihrer Bildung und ihren Ansichten" widerstrrbenb, von sich weisen und wir selbst kennen viele Israeliten, die lieber daS sthrestndste Unrecht leiden, als einen solchen Eid leisten würden. Den gebildeten Mann überhaupt» widert der ganze Vorgang, wie wir ihn schilderten, an, und er weicht ihm aus. Sehr viele Schwörenden aber werden kaum Festigkeit des Sinne- und Charakters genug haben, um