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Der israelitische Lehrer · 1861-10-15 · 12 (15.10.1861) · p. Seite 90

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
1 (1861)
Issue
12 (15.10.1861)
Date
1861-10-15
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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9a. - fortgeschrittene Gemeinde ate den alleinigen Hort religiöser Aufklärung anstaunen! — Man vergißt^ daß in derselben Gemeinde der Vorstand nach einem längst veralteten, durchaus nicht freisinnigen, vor mehr als hundert Jahren nach einem Prozesse der damaligen bedeutenden Familien (Kulpischen und Kannischen) vom ReichShofrath festgesetzten Status erneuert wird: daß überhaupt die ganze Regierungsmaschjne der jüdischen Gemeinde Frankfurts unzeitgemäß, und »tchts weniger als freisinnig ist. Wenn wir nun noch eineu' Blick? werfen auf die. Besprechungen in Frankfurter Blättern« die diese Frage erfahren, so muffen wir, abgesehen von allem Andere», jenen maßlosen Angriffen vor allem jede Bedeutung in einer-solchen Sache versagen. Wenn es dort z. B. heißt: „Wirglauben nicht an die Möglichkeit, Gott durch Worte^dienen zu können, was auch der Inhalt der Gebete sein möge, sei eS um den unerklärlichen Zorn GotteS beständig weg zu beten, oder für Leben und Lebensbedürfnisse zu tanken -r unS erscheinen , (also wie Gebete so auck) Predigten,-als.meist wirkungslos und überstüssig Erwachsenen gegenüber u. s. f. so stehen solche Ansichten zu ferne ab von allen religiösen jüdischen Anschauungen. als daß sie in Fragen, die doch immerhin jüdischreligiöse bleiben, Berücksichtigung verdienen. . Wo jfreilich Predigt und Gottesdienst als unnützer Plunder rn die Rlnmpelkaminer geworfen wird, wo das religiöse B'edürsniß der Frauen rein als Eitelkeilssache, als Sucht Toilette zu machen und zu zeigen denuncirt wird, da sind'Rabbiner und Synagoge eine Anomalie. Da ist aber freilich auch eine israelitische! Volksschule Etwas, für ressen Rothwekidigkeit und Vereinbarkeit mit seinen Ansichten uns ' der Schreiben jener Aussähe, der ei» so bitteres entwürdigendes Unheil über die die Sonagoge besuchenden Frauen abgibt, den Erweis schuldig geblichen ist. . T^o aber das religiöse Gefühl wirklich allseitig' so erstorben ist, da ists auch lhörichl, über die geringere, oder größere Freiheit im Amte res Rabbinen zu verhandeln. Und unnütz ist dann auch rer gewiß M freier menschlicher Gesinnung unlogisch klingende Ausdruck: das Brrhältniß des Rabbinen zum Vorstande ist sein solches, das! unbedingte Felgeleistung erheischt! Welches gebildete Mani^ wird heulststage ei» solches Amt, das doch nicht als ein «in mechanisches betrachtet werden kann, annehmen? In einem freien "Gemeinwesen ist auch der zur reingeistigen Berufsarbeit bestimmte Beamte frei, und er hat das Recht alle Censeguenzen, die sein Amt mit sich führt in gesetzmäßiger Weise, zuiverfolgen. — Bei solchen Anschauungen ist es kein Wunder, wenn man das Erbauen von Synagogen und die Unterstützung des Baues als das unedelste der edlen Werke bezeichnet, Confirmalion und religiöse Trauung lächerlich macht, und in den Koth zielst. B;i solchen Ansichten ist freilich das Amt des Rabbinen nicht mehr ein Ehrenamt, am allerwenigsten eine Würde, sondern — ein drückender Kuechtsdienst. Wir sehen darum ab von all diesen leichtfertigen Raisonnements, die zur Berkleisterüng des Unheils, das seichte Anschauungen und eitle Sucht mit Freigeistigkeit zu glänzen angerichtet hat, veröffentlicht worden sind. Die Lehrer der dortigen Volksschule — die ihren Lehrkörper zumeist von auswärts completirt — werden uns nicht verargen, wenn wir sie im Interesse der Schule im Allgemeinen davor warnen,- in diesem Streite des Guten zu viel zu thun. Sie werde» eingestehen, daß manche nicht Frankfurter Schule, mancher, simple Landlehrer allerdings oft ebenso reges Streben hat und ebenso bedeutende Erfolge erzielt, als die so gut gestellten Frankfurter Lehrer. Sie werden wissen, daß, sobald die jüdische Geitkcinde einmal daran ist, ihre Beamten zu beengen, sie auch vor der Schul« und ihren Lehrern nicht stehen bleiben wird. Und wenn in^gauz Deutschland, und, so weit wir wissen, in ganz Europa die Geistlichen einigen , wenn auch nicht überall den gleichen Einstuß aus die Schule äußern, so werden sie einsehen, daß eS nicht gerathcn sein kann, in diesem Kampfe sogleich zum Aeußersten zu greifen. Wir Lehrer in Deutschland erwehren uns mit Mühe des Einflusses derselben auf die anderen UnterrichtSgegenstände; laßt ihnen darum das, auf was sie ein natürliches Recht haben — den ccnfessionellen Religionsunterricht. Daß das Ziel der Männer, die in dieser Sache das Wort gegen den Rabbiner" ergriffen haben zu weit geht, zeigt uns ein Passus in rcrFpankf, Volkszeit, wo es heißt: „Das aber möchte der Rabbiner doch bedenken, daß gar Viele, die das Judenthum nur um seiner Freiheit von aller geistlichen Hierarchie willen lieben und bei ihm verbleiben rc." So betrachtet hat freilich das Judeiithum nur einen negativen Werth, und alle positiven Institutionen, Rabbiner, Synagoge, zeitgemäßer Gebet- und häuslicher Cultus — alles dies ist nur Gaukelspiel pour In cauaille. Wir möchte» kiesen Männern, die,ihre Stimme - im Rainen einer großen Religionsgemeinde erheben, zurufe», ob sie nicht wissen, daß unstreitig in der Brust der meisten Menschen ein tiefes RcligionSbewußtsein, eine unerklärliche aber doch wahre Sehnsucht nach positiven Glaubensformen, »ach Herzensbefriedigung durch religiöse-Uebung beruht,! die, wenn sie auch lange schläft, doch früher oder später zu>n Aüöbruch kommt, und dann, wenn ^irückgedrängt, oft gewaltsam (durch Fanatismus, Schwärmereifer) ihren Ausweg sucht. Daß, sie — diese Sehnsucht — aber in ihrer gehörigen Bahn erhalten, wohlthätig und befruchtend für das menschliche Gemüth wirkt (das Gebet). Wenn nun der, von dieser Sehnsucht ergriffene Jude, im Judenthume fremd ist, wenn er in ihm in solchen Stunden keine Befriedigung findet, weil seine reinen und heiligen Formen und Beziehungen ihm Nichts geworden sind, "durch die

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