Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 1 (1861)
- Issue
- 11 (1.10.1861)
- Date
- 1861-10-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 - Meine Herren! Hier vor allem gelte daSWort: „Lehre ist Leben, (religiöser) Glaube ist Bewußtsein." In dieser Periode des Lebens soll daS Kind durch die biblische Geschichte wie aus sich selbst erfahren, daß.Gott ist ein lebendiger und beständiger Gott, ein Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt. Es soll wissen, wie die gelebt, haben, denen es nachzueifern berufen ist im Denken und . im Handeln, im Wollen und Thun. Es soll aus der Geschichte erfahren, wie aus dem kleinen Samenkorns der große Baum,, aus den. kleinen Anfängen die gute und schlimme That Mit ihren unfehlbaren Erfolgen sich erzeugt in gesetzlicher Weise.' Diesen Schatz - von religiösen. Anschauungen wird der Lehrer in späteren Perioden dann nur zu ordnen haben. . Und wir können darum als zweite These aufstellen: 2. Zweck der biblischen Geschichte ist Anregung und Belebung der religiösen Anlägen, — entsprechend dem Anschaungsunterrichte für'andere Fächer. irr .. . -; Welches ist nun der eigentliche Zeitpunkt für die Erzahlung der biblischen Geschichte? Es sind, wie. schon angedeutet, die vier ersten Schuljahre. In dieser ersten .Psriode des Schullebens ist das Kind zur Auffassung abstrakter Lehrbegriffe — d. h. auch solcher/ die überhaupt -von unfern Zöglingen, von Kinder Gegriffen ünd verarbeitet, also zum gläubigen Bewußtsein gebracht werden können — noch nicht reif. Soll darum der Religionsunterricht brach liegen? Mit nichren! Die biblischen Geschichten bilden .den Rahmen, in welchem has, Mas hier als Religionsunterricht zum Beioußtsein gebracht werden kann, eiiigeschlossen ist. Bon der Größe und Allmacht des Schöpfers, von seiner Güte und Barmherzigkeit, von dcis Tugenden der Mckischen und ihrem Gcwinn,-vom religiöstsittlichen Familienleben das Kind aus der Geschichte - zu überzeugen, dürfte auch in. dieserfrühesten Zeit peS Schulljebens zjichl zu früh und -nicht zu schwer sein. Sie sind, . meine Herren! darin gewiß mit mir einverstanden; wer es nickt weiß, was ein guter -Lehrer , aus det Geschichte eines Abraham, Joseph, Mofess, Samuel, David,- Elias rc. machen kann, hat keine Ahnung vom erziehlichen 'Berüf, von der didaktischen Kraft eines Lehrers; kennt nicht die seligen Slun- - den (Weiheftunden) des (gemüthlichen) Lehrers. Die Oasen in der Wüste manches Leyrerlebens. . Sollen wir nun von der Form sprechen, in welcher die hibll Geschichte erzählt werden soll, so ist unsere erste For- . derung: „Geschichten, nicht Geschichte!" Wir erzählen eine volle runde, in sich, abgeschlossene Geschichte, ein geschichtliches lebendiges Ereigniß, ein Lebensbild., nichts mehr, * Mchls weniger. Wir erzählen sie wohl so viel als möglich : ti der einfachen und gemülhvollen Lprache der. Bibel, die > ihren besonderen Reiz hat und mit dem Geiste der Erzäh-! lungen gewissermaßen zm Zusammenhänge steht, aber doch ftei, selbstständig und ungezwungen, in dxr Sprache des Gemüths. Wir erzählen die Geschichte in ihrem ganzen Verlaufe, mir Ursache^ und nächsten Wirkungen, mit ihrem Anfänge und ihrem Schluffe. Nur kein Stückwerk in der Schule — weder Halbes noch Doppeltes — weil die Geschichte sonst ihren Reiz verlieren oder nicht die geistige Befriedigung gewähren würde, wie eine ganze Geschichte in ihrem natürlichen Verlaufe. Es bedarf selbstverständlich einer längern unterrichtljchen Praxis, oder einer besondern Vorbereitung des Lehrers für jede einzelne Geschichtsstunte. Mindergeübte mögen gut daran thun, entweder sich ein Geschichtsheft anzulegen, und jede einzelne Geschichte auszuarbeiten und zu memoriren, oder sich nach einem gedruckten Leitfaden zu richten. Wir erzählen jedoch ohne Buch, vor den Kindern stehend, Aug im Aug, deutlich, verständlich, kindlich, interessant so viel als möglich. In rer guten Erzählung einer biblischen Geschichte zeigt 'sich wohl nicht jene vollendete didaktische Kunst deS Lehrers, wie in den rationellen Gegenständen, in der katechetischen Lehrform. Aber es zeigt sich das wahre Lehrerg'emüth, das auch des Kindes Gemüth zu ergreifen und zu erheben befähigt ist. Wer gut zu erzählen weiß, ist ein tüchtiger Lehrer. Haben wir Bilder, auf welchen eine und die andere Geschichte gut targestellt ist, um so besser.*) Da solche gute Bilder jedoch nicht überall zu erlangen sind, suche man' die Geschichte so viel als möglich lebendig und au bereits von den Kindern Erlebtes, anlehnend zu erzählen, damit daS Ganze ein geistiges Bild, eine geistige Anschauung gibt, und im Innern der Seele gleichsam lebenden Widerhall sindet. Ist'»un eine Geschichte erzählt, so fragen wir sie ab. Es ist selbstverständlich, daß dieses erste Abfragen sticht rein katecbetisch gehalten sein kann,-vielmehr wird auch da noch das akroamatische (erzäblende) Element verwalten müssen, schon der Natur des historischen Gegenstandes gemäß. Wir setzen dies Abfragen sc lange fort, bis wir fühlen, daß die Geschichte von allen begriffen ist. Fühlen wir eine Lücke, oder etwas ungenau und unklar AufgcfaßteS, oder auch etwas Mißverstandenes,- so erzählen wir das Betreffende aber- und abermal. Die Antworten dürfen, in der ersten Zeit mindestens, in unseren eigenen Ausdrücken wiedergegeben fverden. DaS hat nichts zn bedeuten, wenn es nicht in Nachbeterei und eitlen Wortschwall ausartet. Wir lassen besonders bemerkenswerthe Stellen, Sätze und Perioden so lange von allen wiederholen, bis sie sie wörtlich answendig kennen. Das »mit eigenen *) Für die Geschichte Josefs, einer Perle in der btbl. Geschichte für Kinder, find dieselben kehr häufig; aber sehr viele, insbesondere die lehr finnlich gehaltene Darstellung des Vorfalls mit Pothiphera, find nicht zu gebrauchen.