Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1861-06-15 · 4 (15.6.1861) · p. Seite 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
1 (1861)
Issue
4 (15.6.1861)
Date
1861-06-15
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4896751-5428754-5431952--0069-4896790
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I I — 26 — vke Zionsharfe war zerschellt, um Tausende von Jahren nicht wieder zu ertönen. Nur-im Men Fayrilienkreise, fern vom Weltgetümmel und zurückgezogen in dem finstersten Winkel seine- Hansein der Judengasse, da ließ der gottergebene Jude am Sabbath, aber auch nur an diesem, mit seiner Familie seine Semiroth ertönen, um wenigstenein- : mal in der Woche sein Her; au-zugießen vor seinem Gotte. I Bon sonstigem Gesang war keine Spur fu finden. j Wie konnte also unter diesen Verhältniffen von einem! Gesang in der Schule die Rede sein? Auch hätte man wohl, ' selbst wenn da- Leben der'Jsraeliten ein freudigeres gewesen j wäre, ven Gesang dennoch als eine Nebensache betrachtet;; man war pädagogisch zu weit zurück, als-daß man diesem j Unterrichte die ihm gebührende stelle in der israelitischen Schule angewiesen hätte. Es stimjmt dieses Nichtsingenlassen . der Kinder ja ganz mit dem Zosss des alten Chedarwesens überein. — Diese Zeiten sind Gottlob vorüber! Das Leben ist uns ein andres geworden, wir athmen freier, stehen ge-; scheeler da und blicken, getrost in die Zukunft, die uns mit Gotte« und unserer eignen Hülse in allen Ländern der Erde rosenfarbener erscheint. Wir gehen mit Riesenschritten unserer j vollkommenen Emanzipation entgegen; und* wSMt auch manchi uial ein fanatischer Pfaffe oder ein preußischer Junker mit 1 scheelen Blicken unsre verbefferte Lage betrachten und uns wieder in unsere Gbettis zurückversetzen möchte, so schrecken uns diese, sowie ibr Rabxngekrächze und Unkengeheul nicht ' mehr, wir gehen sicher und muthig einer befferen Zeit entgegenl * ■ . Ich muß von diesen Reflexionen abbrcchen, damit Sie : mir nicht;u;ürufen nöthig haben, daß ich vom Gesang in der israelitischen Volksschule sprechen wolle; aber ich glaube wol, i verehrte Herren Ecllegcn, daß ich diese unsre früheren und jetzigen Verhältnisse berühren muß, wenn ich. beweisen will, daß wir nun dgs Recht und die Pflicht haben, zu singen und . singen;u lehren. . Ja, bringen wir Alle dem Schöpfer j Freudengesänge und Dankeshymnen dar, eS entströme freudig unsrer gehobenen Gruft der Siegesgesang unsrer begonnenen Freiheit! —• Der lang verstummte Gesang soll also unter uns wieder gehegt und gepflegt und darum auch unsre Jugend in demselben unterrichtet werden! Wenn auch das Feld-wenig angebaut ist/ so dürfte es doch nicht schwer fallen, auch in diesem Fache Erspriesliches zu leisten, wenn wir nur die rechten Mittel anwenden und selbst die nöthigen Kenntnisse und Liebe zu demselben haben. Viele unserer Glaubensgenossen, die sich als tüchttge Componisten, Klavier- und Violinvirtuosen > Sänger und Sängerinnen in der neuesten Zeit nusjeichnen, beweisen, daß der Jsraelite auch in diesem Fache Tüchtiges'leisten kann, wenn man ihn dem Leben wieder gibt, ras ihm so lange verschlossen war, daß wir also auch hier guten Boden finden werden, den wir nur urbar zu machen haben. — Warum also länger zögern mit der Einführung eines UnterrichtSgegenstande-, der seither so sehr vernachläßigt würde und der doch so gemüthbildend auf unsere Jugend einzuwirken berufen ist? Wollen wir unsre Schule mit den Erfordernissen der Neuzeit und den Grundsätzen der Pädagogik in Einklang bringen, so darf der Gesangunterricht aus derselben fernerhin nicht mehr ausgeschlossen Hätten b) Das ist jedoch nicht der einzige Grund, der uns zur Heranziehmjg dieses schönen Gegenstandes anspornt; ein andrer, ebenso wichtiger, wohl noch wichtigerer, muß unS jüdische Lehrer aneifern, diesem Gegenstände unsere volle Thätigkeit zu -widmen^ Es ist dieser Grund die Neugestaltung unseres Gottesdienstes, der wir mit voller Seele unsre Kraft widmen müssen. Ich sage müssen, denn ein geregelter Gottesdienst, bei welchem der Gesang ein wesentlicher Bestandthril sein muß, ist eS hauptsächlich, der nicht allein nach Innen Lijebe zur Religion, Anstand und Sittlichkeit verbreitet, sondern auch nach Außen uns eine achtunggebietende Stellung und Anerkennung verschafft. Der Gottesdienst ist sicher der Maßstab, wonach wir die Bildung einer Gemeinde am Besten bemessen können. Größere Gemeinden sind hierin mit leuchtendem Muster vorangegangen , aberin! den meisten Gemeinden auf dem Lande sieht eS in dieser Beziehung Noch gar zu schlimm, oft schauderhaft auS. Ich brauche darüber wenig zu sagen, Sie Alle kennen das gewiß mit mir. Hier hat namentlich der Lehrer, der meist auch den Eantordienst zu versehen hat (und wenn letzteres auch nicht der Fall wäre) Vieles zu wirken, um eine Bessergestaltung herbeizusühren. Und wie könnte er dies besser, als dadurch, daß er den Gesang in die Synagoge einzuführen sich bestrebt? Wenn er auch in mancher Gemeinde auf Äiderstand stößt, so wird er doch durch beharrliches Wirken nach und nach manches gute in dieser Beziehung zu Stande brjingen, namentlich wenn er mit hebräischen Gesängen, insbesondere Responsorien beginnt, die am Ende von der Mehrzahl der Gemeindeglieder mitgesungen werden. Der Gesang gibt dem GotteSvienste erst die wahre Weihe, fördert die Andacht und versetzt die Gemeinde in eine gehobene Stimmung. Wie die Rabbiner und Prediger der Neuzeit durch die Verkündigung des Gotteswortes auf eine anständige dem Volke verständliche Weise den Gottesdienst heben und veredeln, so soll der Lehrer und Borbeter den Gesang als zweiten Faktor ans würdige Weise in demselben einzubürger» suchen. Und wie könnte er das besser, als durch Heranbildung der Jugend im Gesang? Denn wie alles Segenbringende von der Schule ausgehen muß, wenn es im Leben Bestand und Dauer haben soll, so muß auch die Veredlung deS Gottes-' dienstes in dieser Beziehung von der Jugend ihren Ausgang nehmen, um von da sich weiter auf die Erwachsenen über-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.