Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 1 (1861)
- Issue
- 2 (15.5.1861)
- Date
- 1861-05-15
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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10 unumstößliches ist, und die gegentheilige Behauptung auf den Boden der sittlichen Weltordnung beharrt. Ist die Wahrheit eine unumstößliche, so ist ein Kampf nicht denkbar. Wo aber Kampf ist, da ist auch der Zweifel erlaubt. Jeder hat so lange recht, als nicht dasGegentheil erwiesen ist. (Aboth 1,8.) Aber wir, die Lehrer, die wir das praktische Feld der j religiös-sittlichen Eichung;u bebauen haben, wir sollten > hingeben die süße »Frucht, den herrlichen Lohn, den eine treue; Pflichterfüllung, eine ikinige Hingebung an unfern heiligen Erzieherberuf in sich faßt, und ausgchen, um zu richten über Glauben und £ ersten,. über Ausübung oder Bernachläsiigung von Handlungen und Gebräuchen, die auf Sittlichkeit und Religiosität jedenfalls nur einen sehr mittelbaren Einfluß ausüben können? Wir wollen unfern Beruf pflegen -mit aller Hingebung; aber gerade darum soll das, was außer unr über ihm liegt, uns demselben nicht entfremden. Sir ■ wollen heute am Erstlingsfcste das heilige Gelöbniß erneuern, die Erstlinge'zu pflegen im Geiste und Herzen unserer Zöglinge; wir wollen am Wochenfeste uns erinnern, daß wir die> Pflicht haben, die Kinder Israels zählen zu lehren die Tage und h^ahre des Lebens, auf daß sic bekommen ein weises Herz, und erkennen den Fortschritt im eigenen Leben und dem lleben rer Menschheit. Tann aber wollen wir sehen, ob die engere oder weitere Ausdehnung der in der Tradition, ob die Zu- oder Richtzurechnung eines oder des andern der Formgefetze zn diesen Halachcth das Judenthum in Gefahr bringen kann, daS wir treu gewahrt, im Herzen unserer Kinder. Freilich, auch wir können nicht gleichgültig bleiben als Israeliten und Lehrer, wo es sich um das Heiligste handelt, j Würde die Religion in ihren?Grlmrfcstcn angegriffen, wollte! man unS rauben "die heiligsten Uebdrwugungen, wir könnten! nicht stille sein, auch wenn wir Wüten. Allein, ist dies; möglich? werden die tiefinnersten Gedanken und Empfindpn-! genuiner Welt oder einer Ration erzeugt oder zerstört an! einem Tage? „Wird eine Welt ot:er ein Volk geschäffen oder; in das Nichts geschleudert auf einmal?" Ware es möglich,! daß daS, was Jahrhunderte der Schmach, des Elends, des tau- ■ senk fachen Angriffs überstanrcn hat,— die Religion Israels— J fiele öder, zerstört würde durch ein Wert, eine Schrift, ein j Buch, ja durch einen Mann, eine Generation? Etwa gar I durchwein Buch, das unter taufend Israeliten kaum Einer liest; durch einen Ausdruck, den von diesen Lesern vielleicht die Hälfte wieder nicht beachtet hätte?! Dir könnten eben so wenig ruhig sein, wenn mau der Wisseischaft, der Gewissensfreiheit in Israel Fesseln anlegen wclltel Sie war das tbeuerste Gut in Israel zu allen Zei- ' ten, sie wirr es bleiben. Wir Lehrer sind keine Gottesgclehrten, ayir streben nicht nach Würden,; ie uns nicht zukommen, j Uns ekelt sogar nichts mehr an, a.s das planlose Umherir-; ren, ras „ausgespreizte sich Geltenemachen auf fremden Bit-; dungsgebieten". Wir sind Lehrer, nichts mehr, und nichts Anderes. Das aber soll man „uns laffen stehen." Die Freiheit, dies heilige Gut eines jeden Israeliten, das zu glauben, zu denken und zu thun, was übereinftimmt mit der einzigen Voraussetzung vom Dasein eines einzigen einigen Gottes und' jenen erhabenen Heilsworten auf Sinai, die werden wir uns nie und' nimmermehrhinwegdifputiren uud deuteln laffen. Das ist ein Erbgut unserer Väter; so viel ha-, ben wir als Lehrer gelernt aus der jüdischen Geschichte. Nie und nimmermehr lwird es Einem sich als „Heiligkeit" brüstenden Gelehrten in Israel gelingen, sei er, wer-und wo er wolle, den Geist dieses jüdischen Bewußtseins zu bannen; nie wird eine jütische Pabsthcrrschaft sich zu Gericht setzen dürfen über Glauben uiid Denken. Wer als Jude geboren ist, wer sagt: ich bin eiiz Jude, ich fühle mich mit meinem Bewußtsein eingeschlosfein in den' heiligen Bund, in die Gemeinschaft Israels, der ist ein. Jude und soll cs bleiben. Niemand soll es wagen, ihm diesen Namen, auf den er durch die Geburt ein heiliges Recht hat, streitig zu machen. Wir werden uns darum nicht stören laffen. Wir werden lehren, wie wir eö vor' unscrm Gewissen, vor unserer Gemeinde, vor der Gesammtheit, Israels verantworten können. Eontroverscn lassen wir ruhig zur Seite - liegen. — Heute wird in vielen Gemeinden Israels ein herrliches Jugendfcst gefeiert,'das erst die' "Neuzeit eingeführt hat in die Sh'nagogc. In andern Gemeinden ist. dies noch nicht der Fall. Tic Einen wie eie Andern sind berufen, die Träger des erhabenen TffenbarungSwortes zu werden, oh sie dies bei der Eonfinnation feierlich gelobt, oder ob der Uebergang aus der Schule ins Lebe», vom Kindesalter in das Jünglings- oder Jungfrauenalter ohne synagögclle Weihe vorübergegangen. Wir befördern in ruhiger friedlicher Weise das, waö wir als Fortschritt, als heilvoll und erquicklich für Geist und Gemüth glauben,' aber immer ohne Emphase, mit Vermeidung alles dessen, was unö in den Kamps ziehen könnte. 'Wir genügen unserer Pflicht gegen die Einen wie gegen die Anderen. Was wir als Wahrheit erkannt haben, was im Bewußtsein des größten Theils dct Jntcnheit lebt und Segen verbreitet, das 'in die Herzen unsfer Kinder zu pflanzen, ist unsres Lebens Hochziel. Wir stehen n^cht außerhalb der Parteien. DaS ist nur dem Indifferenten möglich. Auf die eine oder andere Seite wird, unser Geist und unser Herz, unser Gewissen und unser Bildungsgang uns ' stellen. Aber wir stehen außerhalb des Kampfes. An diesen uns zu betheiligen, ist nicht unsres Berufes. Wft achten den Kampf bei denen, die hierzu berufen sind, wenn er mit redlichen Waffen, und' um der guten Sache willen geführt wird. Wir verachten die Kämpfer, wenn sie die Gränzen des Anstands überschreiten, und das' Heiligste durch ihre Gemeinheiten entwürdigen.