Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- 40 (Dezember 1918)
- Date
- 1918-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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609 noch durchaus auf dem Boden der bürgerlich - kapitalistischen Gesellschaft. Der Beruf, d. h. der Verdienst, steht absolut im Mittelpunkt ihrer Gedankenwelt. Sie rühmen sich, Bourgeois zu sein. Es erscheint ihnen lächerlich, sich Gedanken über die innere Berechtigung des „Profits" zu machen oder die kleinen Betrügereien des kaufmännischen Lebens tu verwerfen und auch für den Kaufmann sittliche Forderungen aufzustellen. Ihnen ist das alles fremd und der Grundsatz „Geschäft ist Geschäft" gang und gäbe. Achnlich wie die alten Herren des K. J.V. in der l*rovinz als Anwälte und Aerzte ein sattes und beschauliches Leben führen, werden auch unsere Leute als Prokuristen und Reisende unserem Werk gegenüber erst wohlwollend und schließlich indifferent sein. Die zionistische Verantwortung wird von Generation auf Generation verschoben. Das jüdische Volk bliebe unerlöst. Positiver jüdischer Nationalismus und der Wille zur Gemeinschaft wurde erst mit dem Eintritt des Breslauer HC. in dem Bund geltend. Der Aufsatz Rudi Danzigcrs „Werdet Freunde", der Einfluß der Breslau« und ihrer Anträge auf dem Bundestag mögen als Zeichen hierfui genügen. Ich will einer Geschichtsschreibung des HB. nicht vorgreifen und man verzeihe mir die Schätzung eigener Arbeit und der meiner Freunde. Wohl war alles, was wir forderten und sagten,unreif, Ein Tasten und Suchen und Nichtgestaltenkönncn. Aber wie charakteristisch war die Art, mit der man uns in Berlin damals begegnete. Hermann Bahr spricht in seinem geistvollen Buch über Expressionismus davon, wie die Welt das Ringen und den Kampf dieser Künstler aufnahm, wie sie ihr „Stammeln" mißverstand, mit denselben Argumenten mit denen man einst die Ideen ihrer eigenen Jugend widerlegte, auch hier zu beweisen suchte: Wir haben es so weit gebracht! Wie sie schließlich behaupteten, die Vertreter dieser Kunst seien nicht nur Narren, sondern auch Schwindler, (ianz ebenso war es damals. Man argumentierte und „bewies" zunächst, als das nichts nützte, lächelte man und wurde schließlich (im November 1914) zornig und resolut. Ich aber glaube, daß im Streit der Meinungen der Satz gilt: Man versteht einander nicht, wenn man sich nicht liebt, und ich weiß, daß, das was uns Breslauer damals bewegte, das richtige war. Das gilt für die Erziehung unserer Jugend. Sie war bisher gleichbedeutend mit Unterricht, Turnen und allenfalls Hebräisch. Josi-ph Roscnblüth, mit dem ich in vielen Einzelheiten übereinstimmte, von dem sonst mich aber eine Welt trennt, beschränkt sich heute noch auf diese drei l*unktc. Aber die Schaffung der Grundlagen, auf denen allein ein Staat möglich ist, die Ausbildung des sozialen Gerechtigkeitsempfindens, der sozialen Ethik wurde als nicht positiver jüdischer Wert vor lauter Ansammlung von Kenntnissen hintangestellt. Und doch liegt in der Erziehung der jüdischen Jugend zum jüdischen Gemeinschaftsgeist eine der wesentlichsten Aufgaben der nationalen Erziehung