Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- 38 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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MA dir ich eben :uigedeutet habe, in diese geistige Situation tritt die westjüdisch< Jugend unserer Zeit, ebenso wie ein Teil der ostjüdischen Jugend mit einer einzigartigen Fülle der Verheißung. Die Problematik, die ich meine, besteht darin, daß die westjüdische Jugend die Gemeinschaft, nach der sie Verlangen trägt, erst wehrhaft finden muß. Die Verheißung, die ich meine, besteht darin, daß an die jüdische Jugend ein besonderer Ruf der Zeit ergeht, daß ihr eint besondere Tat aufgegeben wird, und in dieser Tat jene drei Elemente, die ich genannt habe, das nationale, das soziale und das religiöse unlösbar vcrscnmolzen sind. Lassen Sie mich vorerst von der Problematik sprechen. Der westjudischc Jüngling, der zum Bewußtsein seines Verhältnisses zur Gemeinschaft erwacht, findet sich zwischen zwei Gemeinschaften gestellt. Er findet sich gleichsam wischen sie aufgeteilt. Jeder einzelne, obwohl der Anteil der beiden Gemeinschaften bei verschiedenen Personen ein verschiedener ist. Die eine ist die (lemeinschaft, der er durch seine Geburt entstammt, die andere die Gemeinschaft, die die Sprache geschaffen hat, die er spricht und in der er denkt, die die Kultur geschaffen hat, die ihn gebildet, und in die er tätig hineinzuwachsen berufen ist, che dat> Staatswesen geschaffen hat, dessen Bürger er ist, und an deren Schicksal er lebend und handelnd teilnimmt. Welche der beiden Gemeinschaften ist die, der, er sich zu Jiefst bewußt fühlt, wenn er die Erfüllung finden will? In sehr vielen Fällen wird es dem ehrlichen Jüngling die Gemeinschaft der Sprache sein, der Kultur, des Staatswesens, und in der Tat sind es starke und vielfältige Bande, die ihn in dieser Gemeinschaft halten. Aber wie groß auch bei dem einen oder dem anderen der Anteil dieser Gemeinschaft an seinem Sein tmd Leben ist, eines fehlt, ein letztes, tiefstes Wesenhaltendes, das fundamentale Prinzip der wahrhaften Verbindung mit einer Volksgemeinschaft, das doch in seiner Bedeutung mir selten gekannt und bewußt wird, das soziak Gedächtnis. Lassen Sie mich erklären, was ich darunter verstehe. Das Gedächtnis des Menschen ist nicht an sein persönliches Erleben beschränkt, es umschließt die Erfahrungstatsache, daß jeder Mensch in einem großen Teil seines Wesens das Produkt der Geschlechter ist, die ihn gezeugt haben, daß er der Brennpunkt der Kreuzungen, die in ihm zusammenlaufen, daß er der Körper gewordene Niederschlag von Art und Schicksal der Väter und Mütter hrt. Dieses sein so gewordenes Wesen findet nun der Mensch in seiner natürlichen Selbsterkenntnis vor. Ereilich erscheint es ihm nicht als Erinnerung, sondern es erscheint ihm eben als Gegenwart, als seine Gegenwart. Er erklärt das soziale Gedächtnis mehr m der Form des Seins, als in der des Bewußtseins. Der soziale Charakter des Gedächtnisses tritt ihm nicht rein entgegen, er tritt ihm individual verhüllt entgegen. Aber wenn er sich zu tiefst besinnt, wenn er sich zu tiefst auf sein Wesen besinnt, dar* offenbart sich ihm dieses sein Wesen, dieses sein Sein als ein