Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- 38 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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547 Weile schon dringt der Ruf der Zeit, der Ruf der Wcitde aa> die Ohren der Jugend. Aber sie vermag sich ihn nidit zu deuten, sie vermag ihn nicht zu verstehen, vielleicht weil er wie aus dar Ferne seltsam gedämpft erklingt, nicht wie ein Befehl, sondern fast wie ein erstickter Hilferuf Die Jugend versteht ihn nicht, aber sie hört ihn, und die Jugend ist von ihm bewegt. Sie fühlt, daß von ihr gefordert wird, sie müsse ihre unzerstreute Energie bewahren und ihr Werk tun. Aber sie weiß noch nicht, welches Werk es ist, das sie tun soll. Ein Zeugnis dieses Zustande« ist die gegenwärtige Jugendbewegung der Völker. Sie irrt, weil sie wähnt, «Je Jugend sei Selbstzweck und nicht Erkenntnis, daß die Jugend das Werkzeug ihrer Erfüllung sein soll. Aber diese Bewegung ist doch auch in der Wahrheit, weil sie die Riesenkraft der Jugend erhalten und sie vor dein zersetzlichen Einfluß de« Getriebes bewahren will. Aber auch die Art des Werks, auch die Richtung, beginnt langsam dämmernd offenbar zu werden. Der Irrtum des vergangenen individualistischen Zeitalters mit seiner Parole von Versöhnlichkeit, Machtwillen und Kultur ist zerstoben. Die Jugend hat erkannt, daß die Persönlichkeit wohl eine herrliche Realität, aber keine Aufgabe ist, daß Persönlichkeiten die sind, die so wahrhaft unter dem überwölbenden Himmel ihrer Sache stehen, daß er sie wie eine Glocke umschließt. Die Jugend hat weiter erkannt, daß Macht ein unvermeidliches Mittel, aber kein Ziel ist, und daß eine große Macht auf Erden nur die hatten^ die in Demut und um der Verwirklichung ihrer Sache willen nach der Macht strebten. DieJugend hat endlich erkannt, daß die Kultur wohl die Oüte des gemeinschaftlichen Lebens ist, aber diese Oute nicht gemacht werden kann, und daß gar keine Kultur unendlich besser ist, als die gemachte schöne Kultur, in der wir jetzt lebe«, daß eine neue Kultur, eine neue Totalität der geistigen Welt nur erstehen kann, wenn es wieder Gemeinschaft und Gemeinsamkeit ein wirkliches Miteinanderleben und Ineinanderteben, eine lebenr dige Unmittelbarkeit zwischen den Menschen gibt. Aber all dies ist in der Jugend nicht ein abgezogenes Wissen, sondern es ist ein brennendes Durchdrungensein und ein leidenschaftliches Erfahren. Es ist nicht ein Haben, sondern ein Wollen, das Verlangen nach einer überwölbenden Sache, nach einer Gemein seh aftssache, das Verlangen nach Leben und Sterben in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft ist in der Jugend unserer Zeit erwacht. Mag dieses Verlangen auch zu Zeiten irregeführt werden, mag es auch von den Gewalten, die allen Idealismus zu mißbrauchen verstehen, mißbraucht werden, endlich wird sich die Jugend doch ai tiefst besinnen. Nach den Irreden wird sie doch den rechten Weg entdecken. Durch den Lärm der trügerischen Stimme hindurch wird sie endlich den Ruf der wahren Stimme vernehmen und verstehen und wird ihm folgen für die Stunde von Gibeon Ich glaube, daß der Augenblick dieser Besinnung eben der Augenblick ist, den wir jetzt durchleben. In diese geistige Situation,