Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 37 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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503 Brief zu lesen oder Post auf dem Felde zu sehen. Seine Abende waren immer besetzt. Wie wir alle in dieser ganzen Zeit, so kam auch er nur selten in ein Theater oder in ein Konzert. Er sauste mit seiner alten schwarzen Mappe, die er im Sommer 1916 endlich durch eine neue ersetzte, die ganze Woche in Berlin herum, und es gehörte zu seiner Eigentümlichkeit, bald hier, bald dort unvermutet aufzutauchen; während der andere noch veniat t über da» plötzliche Zusammentreffen blieb, ging er gleich in media« res und zur Tagesordnung über. So stand ich vor einem Speisehaus in der FriedrichstraBe und stellte an Hand der Karte und meines Barvertnögens kühne Berechnungen an, als er mich plötzlich unt r dem Arm hatte und unser Gespräch vom Tage vorher aufnahm; oder ich stieg in einen Stadtbahnzug, er stand plötzlich vor mir und war mit irgend einer Frage, einer Mitteilung, schon mitten drin im üespräch. Es war oft schwer, mit seinem schnellen Gedankengange Schritt zu halten. Oedanken wie Worte sprudelt *n nur so aus ihm heraui. Er schrieb, wie er sprach. S.'ine Rede und sein Aufsatz muteten oft an, wie ein Haufen wahllos heruntergestürzter Dinge, die kunterbunt durcheinander lagen. Bis man bei näherem Hinschauen System und Disposition in dem Ganzen entdeckte. Das, was er bei seiner Arbeitsimtliode immer zuerst auf seinen vielen, mit seiner steilen, engen Schrift dicht bekritzelten Zetteln zu stehen hatte, war ein Gerippe von Worten und Gedanken, an denen sich dann alles andere emporrankte Er liebte seine Perioden und langen Sätze. Den Beginn seines Aufsatzes über „Jüdische Romantik" im Buch vom Judentum verglich er einmal mit einem Drahtverhau, durch das die Tapferen schon durchkommen würden, in dem die Verzagten aber stecken blieben. Er war ungeheuer intellektuell veranlagt, und ich glaube, daß er oft darunter litt. Denn dieser Intellektualismus heil ihn nur selten die Brücke zur Wirklichkeit finden. Seine Arbeit war eine wesentlich literarische, und wo sie, wie im Volkslicim, zeitweise eine praktische wurde, war sie meist techni-ci-organis eiender Natur. Es war ihm nicht ijegeben, durch sein bloßes Reden und Auftreten zu wirken, wie Buber oder manche russischen Ziunisten. In einer Auseinandersetzung, die wir im Heim lange Zeit hindurch mit ostjudischen Arbeitern hatten, und wo es uns nicht darauf ankommen konnte. Recht oder Unrecht festzustellen, sondern nur darauf, Vertrauen zu uns zu erwecken, versagte er. Scharf und geistreich, wie sein ganzes Denken, war sein prachtvoller Witz, der nur zu oft zu Ironie und beißendem Spott wurde. Er war ein idealer Gesell schafter. Sein ungeheures Wi>sen er war unsere wandelnde Bibliographie - und seine geistreiche Art zu plaudern, machten ihn uberall schnell beliebt. Dabei vergaß er nie, für unsere Idee zu werben. Ich erinnere mich immer sehr gerne, wie er einmal eine sehr einflußreiche Dame der Berliner Gesellschaft, die damalt «.inen