Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 37 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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489 mit warmherziger Wohltätigkeitsarbeit (nicht nach der protzentiaften kalten Art des Westens, sondern der brüderlichen und schwesterlichen Weise des Ostens, in der man den Bettler nicht an der Hintertür abspeist, sondern an seinen Tisch zieht, ist er doch ein Jude wie der Spender, dem er die Gelegenheit zu einer gottgefälligen Handlung verschafft!) ausfüllen, der wird zu der Ansicht kommen, daß unter einer solchen Mutter die Kinder zu edleren Menschen und besseren Juden werden müssen, als unter einem der fabrikmäßig abgeschliffenen Produkte moderner Selekten und Pensionen am Genfer See. Gottlob gibt es aber trotz aller Russifizierung und Pokonisierung noch genug prachtvolle, intelligente warmherzig.- und stark jüdisch empfindende Mädchen im Ostjudentum, auch unter den „Intelligenten", die aus dem angelernten Russcntum bewußt und selb» «tandig wieder zurück den Weg zur Einheit und zum Lebensquell ihres Daseins gefunden haben. Euch darum, liebe Bundesbrüder, die Ihr in Städten und Städtchen des Ostens steht, möchte jeh zurufen: Wohl Euch, wenn es Euch gelingt, dort ein Mädchen zu finden, die ihr nach glücklicher Heimkehr zu Eurem Weibe machen könnt! Laßt Euch nicht abstoßen durch Dutzende, die entartet und ihrem eigenen Wesen entfremdet sind. Verschafft Euch Eingang in gutjüdische Familien, deren Töchter nicht auf der Straße paradieren und prüft und wählt. Ich weiß, die Sache liegt nicht so einfach, wie ich es darstelle. Es sind im besten Falle viele Schwierigkeiten zu überwinden. Hindernisse der Konvention, Erziehung hier und bei uns daheim, es müssen auf beiden Seiten in mühsamer Kleinarbeit Vorurteile niedergelegt werden, die unüberwindlich scheinen. Und nicht immer leicht werden wir der ,,polnischen Jüdin" in unseren Kreisen daheim gleich die gesellschaftliche Stellung schaffen können, die unsere Frau haben soll. Aber wir heiraten ja nicht der Gesellschaft wegen, sondern unseret- und unser kommenden Kinder wegen, die unsere Hoffnung sind und die einmal all die Früchte des Strebens und Sehnens ernten sollen, das unserer Jugend seine ernste Weihe gegeben hat. Und durch seine Heirat reißt ein jeder von Euch dann ein Stück nieder von der chinesischen Mauer, die uns von den Ostjuden bisher getrennt hat. Wir aber wollen und sollen sein ein einig Volk von Brüdern. Z. Zt. Bialystok. Hans Ooslar.