Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 37 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Haben wir so allmählich erst einmal erkannt, daß wir bisher da« Ostjudentum viel zu schematisierend und undifferenziert eingeschätzt und es mit allzu illusionistischen Blicken angesehen hatten, sehen wir erst mit offenen Augen ohne jede vorgefaßte Meinung um uns, dann werden wir allerdings erkennen, daß trotz aller großen und erschreckenden Mingel, trotz eines vielfach und vielerorts sehr starken Mangels an Gemeinsinn, trotz geschäftlicher Unsitten, die nur historisch und psychologisch erklärt werden können, dennoch die guten Eigenschaften in einem Maße überwiegen, das das Ost- Judentum weit über das Polentum und so manches andere Volkstum stellt. Insbesondere die große einfache Masse, der Mann aus dem Volk, der Lastträger, Kutscher, Krämer, Arbeiter (wenn er nicht blind in die „Theorie" verrannt ist), der Handwerker, was sind das für prächtige kreuzbrave, herzensgute und schlichte Menschen! Was steckt in diesen Massen für eine hochgezüchtete Intelligenz, allerdings vielfach neben größter Stumpfheit und Verkommenheit in einem unsagbar traurigen Elend — was für ein naiver Idealismus, was für ein kerniges, natürliches aufrechtes Judentum! Diese Massen, tief beklagenswert in tiefstem sozialen Elend, aber unendlich liebjnswert in ihrem Judend. h. Menschrum, muß man in sein Herz schließen, und man muß die Empfindung haben, daß diese Massen aus Schmutz, Not und schwerster Sorge um das tägliche Brot zu einer schöneren Zukunft führen und Freude und Glück in ihr Dasein bringen zu dürfen, die herrlichste Aufgabe und der edelste Lohn sein muß, die je einem Sterblichen zufallen können. Haben wir die ostjüdischen Massen erst einmal so recht von Herzen lieb gewonnen, haben wir uns an ihren Lebenszuschnitt gewöhnt, klingt uns das anfänglich rauhe und unmusikalische Jüdisch lieb und vertraut, haben wir ihnen Zutrauen eingeflößt und Linlaß in ihre Familien und Herzen gefunden, die sich uns, wo man uns als echt und rein empfunden und erkannt hat, mit ungestümer Herzlichkeit erschließen, dann merken wir eines Tages ganz ohne jeden Ucbergang, daß wir (uns mit ihnen so verwachsen fühlen, daß wir niemals mehr dieses Milieu gänzlich werden missen mögen. (!nd noch eint kommt hinzu: Die meisten v n uns Jungen im H.-B. stammen aus nicht stark religiösem Hause. Hier im Osten lernten wir all die seltsam schönen Bräuche kennen, mit denen feinsinniger indischer Volksgeist unsere Zwiesprache mit dem Ewigen, unser häusliches, von den Gedanken an ihn befruchtetes und tief davon durchdrungenes Leben ausgeschmückt und umflochten hat. Und wir ließen uns von diesen Dämmerstundenstimmungen völlig gefangen nehmen und erkannten, daß ein wirkliches Volljudentum, ein Judentum, d s Herz und Sinne vö'Iig au-fült, nur dort möglich ist, wo sich de harmonische Synthese der beiden Elemente, au* denen sich das Judentum zusammensetzt, unfi^chwicht erhalten hat, wo nicht vvrsiändnis'o: und e'irfurchtlos St in; aus dein a!ten