Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 37 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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483 Wir und die Ostjuden. Unser innerliches Verhältnis zu den Ostjuden beschäftigt am von Tag zu Tag mehr. Und immer komplizierter wird die ganze Frage, wie wir uns zu den Brüdern im Osten zu stellen haben, dadurch, daß wir alle, die wir Uas üluck haben, rm Kriege unter Ostjuden verschlagen zu werden, stündlich aufs Neue einsehen müssen, wie wenig selbst wir doch diese Menschen und ihre Weh kannten, die wir durch die Lektüre ostjüdischer Schriftsteller, jüdischer Zeitungen und durch intensive Beschäftigung mit jüdischen Dingen geglaubt hatten, ein in großen Zügen zutreffendes Bild des ostjüdischen Judentums gewonnen zu haben. Offen gestanden: wer von uns hatte eine richtige Vorstellung davon, in welch — für uns — erschreckend großem Maße sozialistische, marxistische Theorien in der intelligenten Jugend sich Einlaß verschafft hatten, wer von uns kannte den oft irrsinnig heftigen Fanatismus, mit dem von dieser Seite aus gegen positiv jüdische Strömungen gekämpft und wer den Radikalismus, mit dem Religion und religiöse Jugenderziehung angegriffen wird? Wer von uns femer hatte einen Begriff davon, welch tieftraurige Resultate häufig in den Städten die stark russifizierende Jugenderziehung gezeitigt hat, insbesondere wa> die Erziehung der Mädchen anbetrifft? Selbst dort, wo der Knabe noch in traditionell jüdischem Oeist erzogen wird und jüdisches und hebräisches Wissen in reichem Maße schon in zartem Kindesalter in sich aufnimmt, wachsen die Töchter fast wild — in geistiger Hinsicht — auf, ohne jedes jüdische Wissen, ohne elementare Kenntnis des Hebräischen. Und zu vornehm dazu, das „Jidisch" zu sprechen, das ihre Eltern und ihre Brüder reden, plappert das Mädchen mit den Freundinnen russisch und liest nicht etwa jüdische Schriftsteller aus dem reichen Sternenhimmel unserer neuen jüdischen Literatur, sondern Romanschundwerke russischer Fabrikation. Während der Vater noch stolz den langen jüdischen Bart trägt, ohne den ein „bekoveter Jid" nicht zu denken ist, und der Bruder häufig noch die Jeschiwah besucht, kleidet sie, die Tochter, sich nach der allemeusten Mode, stolziert in seidenen, durchbrochenen Strümpfen auf hohen Stöckelschuhen und gibt sich die größte Mühe, einem richtigen hohlköpfigen, koketten polnischen Zieräffchen ähnlich au werden. Das sind unhaltbare Oegensätze und Zustände, die das alt-jüdische Familienieben in den Städten untergraben müssen und auch untergraben, und in denen nur vom Ostjudentum selbst aus seinem gesunden Kern heraus Abhilfe geschaffen werden kann, freilich erst, wenn dieser lange und in jeder Hinsicht — kommcrzieU wid sexuell — demoralisierende Krieg ein Ende genommen hat.