Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 36 (Juli 1917)
- Date
- 1917-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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460 II. Meine lieben Bundesbrüder! . . . Mein Dienst hat sich in den zwei Jahren wenig verändert, ich habe etwa das Leben eines Telegraplienarbeiters in Deutschland. Wir bauen jetzt nur noch an großen, 8 m langen Stangen, sogenanntes Postgestänge, und oben kommen große Querträger heran mit manchmal 32 Leitungen. Der Dienst beginnt um 1 s8 Uhr und sind wir um '3 Uhr fertig und dienstfrei. Von 3 Uhr bis 10 Uhr abends kann man aber nicht viel anfangen, erst muß man das Mittag essen, dann ist man sehr müde und schläft etwas und später ist es dunkel oder sehr spärlich beleuchtet, daß man weder lesen noch schreiben kann. Ihr glaubt gar nicht, wie schlecht die Beleuchtungsverhältnisse in Polen sind. Alle Bauern auf den Dörfern gehen schon ' :»5 Uhr schlafen und in den kleinen Städten ist es ebenso, nur die großen haben elektr. Licht. Petroleum und Karbid ist beschlagnahmt und garnicht zu haben. Das Pfund Petroleum, ' | 1, kostet etwa 3 M. Die Lichte sind auch sehr teuer. Die Juden brennen am Schabbes Lichte, die etwa 2 cm lang sind und dann zur Beleuchtung ein größeres Licht von 6 8 cm Länge. Wenn diese Lichte verbrannt sind, wird Schluß gemacht. Am Sonntag arbeiten wir auch bis 1 Uhr, dann hat man etwas mehr Zeit. Ich bin allerdings sehr oft unterwegs zum Proviantempfang und zu Revisionszwecken, Proviant holen wir in Lomsta, einer Stadt von etwa 45 000 Einwohner. Es ist die Hauptstadt des Gouvernements Lomsta, des nördlichen Gouvernements Polens. In Lomsta wohnen verhältnismäßig viele Polen, die größeren Geschäfte sind auch im Besitz von diesen. Die typisch jüdischen Geschäfte, wie Teebuden (eine Kriegsgründung) sieht man dort garnicht. Bei uns hier in Wyschkow dagegen gibt es wohl 50. Fast jeder Jude hat aus seinem Kolonialwaren- oder Schuhgeschäft eine Teebude gemacht. Der Verdienst ist dabei nur sehr gering. Ein Glas Tee kostet 0,20 M. früher 0,06 M., der Zucker kostet aber hier 3 bis 4 M. das polnische Pfund, Marken-Zucker zum Preise von 60 Pf. ist fast garnicht hier zu haben. . . . . . . Der Verkauf des Marken-Zuckers war einigen Juden übertragen, die haben natürlich die Kegierungsmaßnahmcn nicht verstanden oder wollten sie nicht verstehen. Sic verkauften Monate lang den Zucker für 2,40- 4 M. und stecken sich den hohen Gewinn ein. Endlich kam es zu einer Beschwerde und die Juden hatten alle Schuld. In anderen Städten ist es aber genau ebenso. Die Juden