Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 36 (Juli 1917)
- Date
- 1917-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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458 2 Feldpostbriefe aus dem Osten. i. Lieber Qub! Ich kann Euch gottlob nur gutes berichten. Seit 10 ragen von meinem zweiten Aufenthalt in Linz zurückgekehrt, bin ich zurzeit Hilfsschreiber für Nachtdienst 6—12 Uhr. Ich wohne <clir angenehm, mit Brunos Bruder, Fähnrich Artur Rabinowitz, zusammen. Meine freie Zeit benutze ich eifrigst, um polnisch und hebräisch zu lernen, da mir zu allen sonstigen Arbeiten Bücher und Zeitschriften fehlen. Die jüdischen Verhältnisse lerne ich allmählich kennen, es ist ja nicht so leicht, da einzudringen und die Dinge wirklich von innen heraus zu erkennen. Aber nur wem dies gelingt, der kann urteilen, und er wird dann weit entfernt davon sein, so abfällig zu urteilen, wie es leider (iottes auch' viele unserer Freunde tun. Ich bin fest überzeugt davon, dali jedes abfällige Urteil mehr aui einen Defekt im Beobachter zurückzuführen ist als auf tatsächliche Unterlagen. Ich bin ja selbst hier in die - Gegend geboren und bin von \<>n vornherein diesem Milieu wenige fremd als die Meisten Deutschen, die hierherkommen. Mir ist hier alles altgewohnt, ich lerne eigentlich nichts Neues kennen, sondern nur Dinge, die ich fast schon vergessen hatte. Und trotzdem: ich hüte mich wohl, den Leuten dreinzureden und noch mehr, aus der Tatsache, dar» die Verständigung schwer ist, ein Urteil abzuleiten. Ich rede halbjüdisch mit ihnen, d. 1> schlecht deutsch, sie verstehen mich viel besser, als beispielsweise Artur, der nur. deutsch redet und dabei schon länger hier ist: aber sie hören auch mir nur zu, denken und tun aber ganz anders. Und mit vollem Recht. Sie haben eine ganz eigen« l'svchologie, die uns ein wenig seltsam anmutet, die aber der unseren fast übe "all zu mindest gleichwertig ist. Ich habe mir während des Kriege-, stets zun Prinzip gemacht, bei Verhältnissen, die mir noclt ungewohnt sind, mich der größten Zurückhaltung zu befleißigen, denn jede Handlung, Aktion oder dgl. würde nur zu Irrtümern fuhren, Diesem Princ/ip verdanke ich such hier eine enorme Bereicherung, et hält mir den Weg frei zu neuen Erkenntnissen und verrammelt ihn nicht mit eigenen Ideen und Maßstäben. So schöpfe ich :us diesem Mibe» reiche Freuden, auch dort, wo ich der Außenstehende bleibe, und begrüße es als seltenes Glück, dal) ich eine Studien reise machen tionnte, die eigentlich jeder, der mitrede« will, von Berufs wegen machen mühte. Ich lerne hier endlich aus dem LvIkii und niJit