Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 35 (Apri 1917)
- Date
- 1917-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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413 schieierten Augen sieht man hier. Die Körper entsprechen oft nicht dem Gesicht an harmonischer Bildung. Sie sind oft schwächlich, infolge von Mangel an Ausarbeitung und durch unzureichende Bewegung und Ernährung. An Intelligenz vielleicht nicht, aber an Intellektualität stehen sie den- Knaben auffallend nach. Zwar sind sie geschäftsgewandt, vermögen sich durchs Leben zu schlagen, kleinere Oeschwister mit selbstverständlicher Hingebung zu betreuen und zu ernähren. Sie verstehen es gleichfalls, die Kunden individuell zu behandeln, eignen sich verblüffende Sprachkenntnissc und Vielseitigkeit an - aber geistige Interessen wie die Brüder haben sie nur selten und in bevorzugten Ausnahmefällen —, obwohl es auch eine ganze Zahl junger Mädchen gibt, die tiefgründige Kenntnisse (Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Zahnarztinnen) mit bezauberndem Esprit, harmonischen Wesen und echter Weiblichkeit vereinen. Die Schuld daran, dafl die grölte Mehrzahl oberflächlich dahinlebt und auch in jüdischen Dingen recht wenig weiß, liegt in der Erziehung, die für den Knaben (alles für das Mädchen nichts übrig hat. Die Mädchen wachsen meist auf, ohne daß an ihnen verständnisvolle Arbeit von geschulten bildenden Händen geleistet wird. Was sie sind, wurden sie trotz und nicht wegen der Erziehung. Es läge nahe, hier über die m. E. falsche Stellung der Frau überhaupt im Ostjudentum zu sprechen. Davon ein andermal. Angedeutet sei nur, daß, wäre die eigentliche Erziehung der Mädchen so mit positiv jüdischen Werten durchsetzt, wie die der Knaben, und wäre nicht eine gewisse Oberflächlichkeit direkt gezüchtet worden, auch die Widerstandsfähigkeit der Mädchen gegenüber den gefährlichen Lockungen, die der Krieg und die jahrelange enge Gemeinschaft mit den fremden Soldaten mit sich brachte, vielfach größer sein würde, als sie heute ist. Aber alles in allem: mag auch der Krieg mit seinem grenzenlosen sozialen Elend, mit dem zermürbenden Hunger, mit Obdaclltosigkeit, mit jäh durchbrechendem Leichtsinn und auflodernder Sinnlichkeit viele Tausende zarter jüdischer Mädchenblüten geknickt haben: es sind genug dort, die echte Weiblichkeit und Jüdischkeit genug besitzen, um es mit den niemals durch Sturm und Drang gegangenen „kultivierten" westlichen Schwestern vollauf aufzunehmen. z. Zt. Kowno. Hans (io s I a r, Berlin