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Herzl-Bund-Blätter · 1917-04-01 · 35 (Apri 1917) · p. [Seite]

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Journal
Herzl-Bund-Blätter
Volume
1917
Issue
35 (Apri 1917)
Date
1917-04-01
Page
[Seite] (sequence 32)
Language
German
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412 tige natürliche Qrazie, viel Stilgefühl und so viel vornehme Eigenart bewundern konnte, so viel Freude am Harmonischen und Schönen sah, daß ich am Schluß der Darbietungen, in den hellen Kinderjubel hineinbrauste, mir immer nur das Eine wiederholen konnte: „Und es sind wirklich in Deutschland Leute zu finden, die glauben, daß w i r diesen Leuten Kultur bringen müssen." Proben echten Künstlertums sah ich auch in Wilna, wo in den miii Armeerabbiner Dr. Levy eingerichteten Arbeitsstuben über zweihundert jüdische Proletarierkinder — ein liebes, fleißiges ernstes, pflichtgetreues kleines Volk — gewerbliche aber auch kunstgewerbliche Arbeiten erlernen. Was meine kleinen Freunde vom Gymnasium betrifft, so glaube man nicht, daß ihre Arbeit mit der Schule erschöpft sei. Nachmittags und abends und in der sonst schulfreien Zeit stehen sie zwischen den Hausarbeiten im Laden der durchweg kleinbürgerlichen Eltern und helfen ihnen und den Schwestern im Geschäft, ja verwalten es wohl auch oft vertretungsweise allein. Früh lernen sie den Ernst des Lebens kennen, früh Menschenkenntnisse und nicht immer frohe Erfahrungen sammeln. Mit den Soldaten bemühen sie sich hochdeutsch zu sprechen, mit den Litauern in der Sprache König Vilauts und mit den ihnen im Gegensatz zu den meist biederen und ehrlichen auch sanftmütigen Litauer instinktiv unsympathischen Polen polnisch. Tapfere kleine Kerle, die ihren Mann im Leben stehen, sind es, sind sie auch oft, leider so oft, schmächtig, zart und unterernährt. Sie sind mit ihrer heißen Liebe zum Hebräischen und zu Erez Israel, mit ihrer schönen Zuversicht auf eine jüdische Zukunft, unsere Hoffnung und unser Stolz. Nicht minder prächtige Jungen findet man unter lärmenden, kleinen Bachurim der „Talmud Toire" und der Volksschule und unter den „ungelernten'* jungen Arbeitern und Kutschern. Fast nirgends findet man unter ihnen Typen, wie unter den „modischen" jungen Kaufleuten, die sich besonders vornehm vorkommen, wenn sie am „Schabbcs" ihren Laden nicht mehr schließen oder aber mit der brennenden Zigarette aus dem Stübchen über die Straße in die polnische Konditorei stolzieren. Dafür haben sie keinen Sinn. Sie rackern sich die Woche über redlich ab, am Freitag abend stehen sie im mörtcl oder kalkbespritzten Gewand im Beth hamidrasch oder sonstwo in ihrer Schule, und nachher sitzen sie beim Festmahle, kleinen, ach so kleinen billigen Fischchen und ein wenig Brod, und ruhen aus von des Tages und der Woche Mühe. Brave schlichte, fast unjüdisch naive Menschen voll kindlicher Gutmütigkeit. Nun laßt mich zum Schluß noch etwas von den Mädchen •agen. Ich glaube nicht, daß ein zweites Volk so viel schöne Madchen und Frauen hat, als wir Juden. Wieviel rührend feine Geskhtchcn mit echt jüdischen, träumerischen, halb vor-

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