Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 35 (Apri 1917)
- Date
- 1917-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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414 Gottfried Keller: Der grüne Heinrich. Man sagt, daß Keller in diesem Roman seine Lebensgeschichte erzählt und wer ihm zuhören will, dem wird er viel zu sagen haben. Der Meister möge verzeihen, daß ich es wage, Einzelnes, daß mir besonders wertvoll erscheint, aus dem buntfließenden Strom der Erzählung zu lösen und vor euch auszubreiten. Ueber Jugenderziehung machen wir uns Oedanken, und hier sagt er uns so viel Köstliches . . . „ . . . und wohl nur wenigen ist es vergönnt, daß sie erst das leidige Wort Genie kennen lernen, nachdem sie unbefangen und arglos bereits ein gesundes Stück Leben, Lernen, Schaffen und Gelingen hinter sich haben. Ja, es ist überhaupt die Frage, ob nicht zu dem bescheidensten Gelingen eine diente Unterlage von bewußten Vorsätzen und allem Apparate der Geniesucht gehört, und der Unterschied mag oft nur darin bestehen, daß das wirkliche Genie den Apparat nicht sehen läßt, sondern vorweg veibrennt, während das bloß vermeintliche ihn mit großem Auf wände hervorkehrt und wie ein verwitterndes Baugerüst stehen läßt, am unfertigen Tempel. . . . Die beiden Vermögen bilden ja das Geheimnis aller Erziehung: unverwischte lebendige Jugendlichkeit, welche allein die Jugend kennt und durchdringt, und die sichere Ueberlegenheit der Person in allen Fällen. Eines kann oft das andere zur Notdurft ersetzen, wo aber beide fehlen, da ist die Jugend eine verschlossene Muse hei in der Hand des Lehrers, die er nur durch Zertrümmerung öffnen kann. Beide Eigenschaften gehen aber nur aus einem und demselben letzten Grunde hervor: aus unbedingter Ehrlichkeit, Reinheit und Unbefangenheit des Charakters.'* Das allmähliche Verstehen der Orundanschauungen unserer jüdischen Religion hat mir eine gesunde Weltanschauung gegeben und mir die Fehler der milden Lehre des Nazareners gezeigt. Im grünen Heinrich fand ich das bestätigt. „Wer seinen Vorteil nicht mit unverhohlener Hand zu erringen und zu wahren versteht, der wird auch nie imstande sein, seinem Nächsten aus freier Tat einen Vorteil zu verschaffen. Denn es ist ein großer Unterschied zwischen dem freien Preisgeben oder Mitteilen eines erworbenen, errungenen Gutes und zwischen dem trägen Fahrenlassen dessen, was man nie besessen hat oder zu verteidigen zu blöd ist. Jenes gleicht dem großmütigen Gebrauche eines wohlerworbenen Vermögens, dieses aber der Verschleuderung ererbter oder gefundener Reichtümer. Einer, der immer und ewig entsagt, überall sanftmütig hintenanstcht, mag ein guter harmloser Mensch sein, aber niemand wird es ihm Dank wissen und von ihm sagen: Dieser hat mir einen Vorteil verschafft. Denn so etwas kann, wie schon gesagt, nur der tun, der den Vorteil erst