Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 35 (Apri 1917)
- Date
- 1917-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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411 fähigkeit stoßen. Uewiß mag dieser frühreife Ernst nicht mir Erbteil und Anlage sondern auch zum Teil Zeitprodukt sein- Haben doch alle diese jungen Kinder am eigenen Leibe die Schrecken des Krieges empfinden müssen. Sie haben die jeder Beschreibung •pottende Tragödie der Ausweisung binnen 24 Stunden an den Pessachtagen des Jahres IQ 15 mitgemacht. Sie haben Szenen der Verzweiflung, haben Hunger, Obdachlosigkeit, Bangen vor den Truppen beider Parteien kennen gelernt, fanden bei ihrer Rückkehr ausgeraubte Wohnungen, geplünderte Läden, neue Menschen und Verwaltungsprinzipien vor, alles äußere Eindrücke, die Kinder schneller heranreifen zu lassen, als es in ihrem eigenen Internat gut ist. Für eine unbefangene, fröhliche Kindheit ist heute kein Platz mehr in Polen und Litauen, dessen Tausende von jüdischen Siedlungen den Kriegsschauplatz und die Etappe bilden. Kritisch sind sie oft schon sehr, die Jungen, kritisch auch den Lehrern und Lehrerinnen gegenüber. Kritisch allerdings in einer anderen Art als es deutsche Jungen zu sein pflegen. Der deutsche Schüler kritisiert mehr das Aeußere des Lehrers. Wehe ihnv wenn er einen speckfgen Rock, altmodische Kravatten, „proletenhafte" Kragen trägt, es wird ihm ewig anhaften als Spitzname und Neckwort. Seine Sprachweise, seine kleinen Schwächen werden mit Fleiß studiert und zum Gegenstand eifriger Nachahmung gemacht- Anders der jüdische Qymnasiast: wenn er kritisiert, so prüft er den Lehrer auf seine pädagogische Eignung hin, beargwöhnt er ihn, ob er auch bei ihm genug lernen, richtig und schnell das Pensum erfassen kann. Und er scheut nicht davor mirück, im Gespräch mit Freunden die Lehrmethode seines Lehrers zu bekritteln. Viel und gründlich lernen ist ihm ein tief innerliches Bedürfnis. Erfreulicherweise überträgt er diesen Eifer auch vif das Hebräisch, das die junge Generation mit schwärmender Liebe treibt. Nicht nur, daß sie tiefunglücklich sind, wenn der Lehrplan der Schule dem nicht vollauf entgegenkommt und ihnen ihrer Ansicht nach nicht genügend hebräisch biete, nein, sie lernen 'es auch freiwillig außerhalb der Schule, allein, zu zweit, m dritt im Freundeskreise und in kleinen Zirkeln, deren Mitglieder stolz ein Mögen Dovkl als Zeichen ihres Hebräertums tragen. Der Sport kommt leider bei ihnen zu kurz, ebenso das Turnen. Ich glaube aber, daß in freieren Zeiten äußere Anstöße genügen würden, um auch einer Turnbewegung, zumal wenn sie sich dem Geiste nach auch äußerlich — mit hebräischer Kommandosprache — in den Dienst der nationalen Idee stellen würde, unter den Jungen viel freudige Anhänger zu sichern. Auch der Musik sind sie nicht abhold. Kommt sie bisher nicht recht zur Geltung, so liegt das an dem ganzen freudlosen und oft ärmlichen Milieu ihrer Umgebung. Daß oft nicht alltägliche künstlerische Begabung in den Menschen hier steckt, das sah ich des öfteren hier in den Schüleraufführungen des jüdischen Realgymnasiums, wo man eine präch-