Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 35 (Apri 1917)
- Date
- 1917-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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396 Die Grundforderungen. In dieser Zeit, da alle Dinge umgewertet, alle Grundlagen erschüttert werden und alles Sein in Frage gestellt wird, müssen wir nicht nur das Was unserer zukünftigen Arbeit untersuchen und Pläne und Vorschläge prüfen, sondern wir müssen auch einen wahrhaftigen Blick in das Wie unserer Grundlagen tun. Wie wir heute, da der Friede so nahe wie fern ist, allgemeine Grundsätze unserer Arbeit aufzustellen im Begriff sind, weil es die Pflicht erfordert, gerüstet und bereit zu sein, müssen wir auch die sittlichen, sozialen und politischen Grundforderungen unseres Bundes auf der jüdischen Plattform aufstellen. (In der Aufstellung der Grundforderungen liegt aber keineswegs eine Vergeistigung unserer Ziele oder eine unreale Verdunkelung unserer Wege.) Denn darin sehe ich die Aufgabe des H.-B., für das jüdische Werk: Jünglinge und Männer zu erziehen, die von wahrhaftiger Sittlichkeit erfüllt, von lebendigem Judentum durchdrungen, zu sozialer (darunter verstehe ich weitgehendes, z. B. die Ehe wie die Siedelung) Gemeinschaft befähigt und zu politischem Denken reif sind, damit wir die Ziele, die wir uns gestellt haben, erreichen! Ich beginne heute mit den sittlichen Grundforderungen, die ich vor einigen Wochen im Felde aufstellte. Die sittlichen Grundforderungen. Der große Unterschied zwischen Form und Inhalt war mir nie so bewußt, wie in dieser Diskussion über die Zukunftsarbeit, über die Zukunft des H.-B. Und das Unterscheidende zwischen Weg und Ziel. Und zwischen Zweckstreberei und Erfüllen der Aufgabe. Durch den Krieg - erst recht im Felde — lernte ich die soziale, geistige, religiöse und sittliche Grundlage der nichtjüdisehen Bevölkerung aller Schichten kennen. Das, was ich daraus — im Anschluß an mein Wissen von den jüdischen — den nationalen wie den nicht-nationalen — Schienten kennen lernte, hat mir die Augen geöffnet für das Wesentliche wie für das Nebensächlichste an unserem Problem. Unsere Aufgabe ist schlechthin eine sittliche. Unsere Erziehung muß auf sittliche Ertüchtigung hinzielen. Die Ethik muß der Leitstern im Dunkel des Gegenwärtigen und des Zukünftigen sein. Das, was die offiziellen Forderungen des H.-B. bedeuten, ist enthalten. Längst enthalten. Nur noch nicht ausgesprochen. Wenn wir über Bundesbrüderlichkeit und Freundschaft stritten, so gingen wir am Hauptsächlichsten vorbei und blieben am formelltheoretischen hängen. Wir waren blind und sahen nicht den Kern.