Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 35 (Apri 1917)
- Date
- 1917-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4895413-5934809-5934913--425-4895810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
303 sprechen wurde, daß wir uns auf dem Wege zur Sekte befinden. In der Verkündung unserer Auserwähltheit, in den neuen Ideologien und in den vorgetragenen Begründungen finde ich Spuren, die zu dieser Gefahr hinführen. Kehren wir zu unserer konkreten Frage zurück, so ist meine Meinung: All das, was angeregt wurde, ist gut und nützlich und wird uns gewiß jüdischen Werten näherbringen. Es kann uns nicht viel helfen: Unter den äußeren Umständen, denen wir aus wirtschaftlichen Gründen unterworfen sind, ist ein jüdisches Leben hier nicht möglich. Die wenigen Stunden, die wir in der Woche der beruflichen Arbeit abtrotzen, genügen höchstens, uns soviel Inhalt anzueignen, daß wir palästinensischer Entwicklung rezeptiv mühsam folgen können; sie werden uns unterstützen, in unserem Judentum standhaft zu bleiben. Eine Gewähr ist nur Palästina selbst. Nur weltfremde Optimisten können wirklich an ein jüdisches Leben im Gallith glauben. Unser aller Streben muß datier sein, nach Palästina gehen zu können. Und wahrhaftig nicht nur theoretisch! Wir können es gewiß zum größten Teil;hjs wirtschaftlichen Gründen nicht jetzt, wir müssen (wir Kaufleute!) alles daransetzen, es dahin zu bringen, daß wir es später können. Und für die Erhaltung der seelischen Voraussetzungen unterschreibe ich alles, was Blumcnfeld gesagt hat: Wir müssen unser zionistisches Leben im Club, in der Ortsgruppe, in der Familie, in der Ehe, in der Gemeinde intensivieren, es so gestalten, daß es ganz nach Palästina tendiert. Es ist nicht richtig, daß die Uebersiedlung nach Palästina — wie Erich Roth schreibt „bisher immer der neuen Generation zugeschoben wurde." Ganz im Gegenteil: Wir wollen die erste Generation sein, die im Westjudentum ihren Kindern den Weg nach Palästina weist, statt ihn - wie es bisher in Wirklichkeit war zu erschweren. Die Bedenken gegen die neuen Parolen richten sich so nicht gegen das, was geschehen soll, sondern gegen die begründende Ideologie und die geknüpften und geweckten Erwartungen. Es wurde auf dem Delcgiertentag gesagt, daß diejenigen, welche aus den dort entwickelten Zusammenhängen heraus jetzt Hebräisch lernen, es mit ganz anderem Eifer als bisher tun und auch ganz andere Fortschritte erzielt hätten. Ich fürchte sehr, daß dies nur der erste, oft beobachtete Schwung ist. Aber das ist hier gar nicht entscheidend. Für uns ist das Folgende wichtig: Dem Studenten, der eine lange Schulzeit und zwischen dieser und dem Beginn der Berufsarbeit viele Jahre zur Verfügung hat, wird es vielleicht bei gutem Willen, und fleißiger Arbeit wirklich gelingen, es soweit zu bringen, daß er ostjüdischcr und neuhebräischer Literatur dauernd folgen kann. In viel geringerem Maße d*m jungen Kaufmann. Für uns ist es ein einfaches Rechcncxempcl: Die wenige freie Zeit, die auf Sprachstudien kaufmännische Fortbildung, staatsbürgerliche Pflichtarbeit (ich denke an die wohl