Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 35 (Apri 1917)
- Date
- 1917-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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388 daheim jetzt tun? —--Ein junger Kriegsfreiwilliger tut die Fragen der Hagada. - Warum wohl, warum? Und der ganze Zauber des Szcderabends wird uns unter Rabbiner Lews Führung wieder lebendig. Dazwischen gibt es zu essen. Und Belke verlißt auf einen Augenblick ihre Gulaschkanonen im Hofe, wo sie das Kommando und einen großen Kochlöffel führt, um zu sehen wie es uns, ihren Schützlingen, schmeckt. — Die Lieder hören wir in vielen Variationen. Ein jeder singt uns vor wie er sie zu Haus zu singen gewöhnt ist. Dann gehen wir durch stille Straßen In unser Quartier, erzählen noch lange und schlafen in richtigen Betten. Früh weckt uns psatmodierender Gesang. Der Alte lernt mit den beiden Jungen. Feiertag in Baranowitschi. Alle Läden sind geschlossen, die Frühlingssonne lacht und auf den Straßen promeniert eine festlich gekleidete Menge, die Frauen und Kinder oft in sehr bunten Gewindern. Wir freuen uns an den vielen schönen Menschen. Von fern dröhnt es dumpf. Der Krieg ist nahe, aber heut wollen wir nichts von ihm wissen. Unser Kreis vermehrt sich. Wir treffen noch Bbr. Freund aus Halberstadt. Und mittags beim Antreten läuft Alfred die Reihen ab und Tuft: „Bär aus Posen, Bär aus Posen"; bis er ihn hat. Und da sind wir fünf und halten einen H.-B.-Tag in Baranowitschi ab. Wir Zionisten, darunter viel K. J. V.er, haben noch eine besondere Besprechung. Alfred hatte weiter gedacht, und so machten wir einige Besuche bei den Bara» nowitscher Zionisten und verabredeten eine Zusammenkunft am anderen Tage in dem zionistischen Beshamedrisch. Ein junger Bursche lief zu allen hin und bestellte sie. Nach vielem Warten war das Häuflein beisammen. Eine kleine Schar Baranowitscher, zumeist alte Leute, und ein Dutzend Soldaten. Einer von uns, ein K. J. V.er, sprach hebräisch über die augenblickliche Lage und ein Baranowitscher Zionist antwortete ihm. Wenn ich auch fast alles verstand so fühlte ich doch, hier waren Menschen aus zwei verschiedenen Lagern, und der Gegensatz zwischen den durch den Krieg vielfältig bedrückten Juden und den militiirisciicn Siegern tat ungewollt noch ein weiteres. Der Einzelne kommt sich viel näher als zwei geschlossene Kulturkreise. Und doch war uns bewußt, daß wir durch den Zionismus noch näher zueinander gehörten. Die schönen Stunden gingen zu schnell vorbei. Man hatte sich ja kaum gesprochen und doch gings schon ans Abschied nehmen. Max Bär war die letzten Stunden noch mit seinem Bruder zusammen, Georg Freund rüstete und Siegfried Brünn schnürte sein Bündel und marschierte in die Feuerstellung. Als es schon dunkel war, packte auch Alfred Frank seinen schweren Tornister, und ich begleitete ihn zu seinen Kameraden. Ein Wort noch, ein Händedruck und das Dunkel verschlang ihn. — Noch eine Nacht schlief ich im Bett, ein letzter Abschied und ein Dank an meine Quartiergeber, und ich ging allein mit hallenden Tritten ohne mich