Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1917
- Issue
- 35 (Apri 1917)
- Date
- 1917-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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387 lauber von und zur Heimat, Einkäufer der Regimenter, Kinobesucher aus dem Graben und Stabsoffiziere beleben das Bild. Die Juden versuchen zu arbeiten und zu handeln. Nur wenige können es, und alle hungern mehr oder weniger. Zwar könnten ■ie von den zahlreich einquartierten Soldaten oft Essen aus den Küchen bekommen, aber wer würde das wohl annehmen? Lieber hungern sie. Unser Volk ist stark im Entsagen. Und diese arme Judengemeinde hatte zu Pessach alle jüdischen Soldaten, die nur wollten und kommen konnten, zu sich eingeladen. Und von allen Seiten kamen sie. Lange Märsche, beschwerliche Reisen wurden gern in den Kauf genommen. Mir war gleich aufgefallen, als ich von „draußen" in die Vorstadt kam. daß heut etwas besonderes los sein müsse. In den Häusern wurde gekehrt, gewischt, die Türen standen offen, Frauen und Mädchen liefen geschäftig mit Eimern — Erew Pessach, wer kennt das nicht! — und von allen Seiten kamen, ■ einzeln und in Trupps, jüdische Soldaten, die froh waren, dem Graben entronnen zu sein und Pessach unter Juden feiern zu können. Ich trabte auf Schusters Rappen froh durch die Straßen zu „Naftoli dem Schmied". Dort hatte ich mich mit Alfred Frank und Siegfried Brünn treffen wollen. Oft schon war ich bei den freundlichen Leuten zu Gaste gewesen. Heut war Belke, die schöne und kluge Haustochter nicht zu Haus, denn sie arbeitete schon seit dem frühen Morgen an den Vorbereitungen für den Szeder der Soldaten.. Alfred, der bärtige Mann, und Siegfried Brünn kamen dann auch. Eine stille Freude hatten wir alle aneinander. Schlenderten noch durch die Straßen und kauften ein. Des Abends waren alle in der großen, hölzernen Schul. Achthundert jüdische Soldaten. Der Kantor singt die vertrauten Melodien. Rabbiner Arthur Levy, der immer hilfsbereite, ist die Seele des Ganzen Antreten! Man ordnet sich in Reihen, die gefundenen Freunde beieinander. Kommandieren und schwenken. Die jüdischen Bataillone marschieren, umringt von vielem Volk, durch die schon dunklen Straßen zum Speisesaal. Ein Fabrikraum früher, Kino-^>> theater im Kriege, Speisesaal zu Pessach. Helles Licht und weißgedeckte Tische, freundliche Augen und hilfsbereite Hände erwarten uns müdgehetzte, ruhelose Menschen. Und da sitzen wir an den Tischen, die Freunde neben uns, winken den Bekannten und freuen uns der langentbehrten Dinge. Weiße Teller und Löffel und Messer und Gabel und Mazzes liegen da, und dann bringt man uns auch Wein. Nur äußerliches, körperliches — und doch so viel Liebe gibt man uns und ein Stück Heimat. Szederabend. Rabbiner Levy sagt mit seiner schönen Stimme die bekannten Sprüche des Kiddusch. Als er vom Brot des Elends spricht, das unsere Väter in Aegypten gegessen haben, da wissen wir alle, daß auch wir es noch essen und viele Gedanken kommen, ohne daß wir ihnen wehren könnten. Was mögen die Lieben