Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1916
- Issue
- 34 (Dezember 1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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3Ö0 seiner Ueberspaunung diese üefahr: Man glaubt, das Leben in einer jüdischen Gemeinschaft genüge schon zum jüdisch-leben. Dieser so ungemein bequeme Oedankengang ist vielfach (übrigens nicht nur bei uns) vertreten worden. Immer neue Erkenntnisse müssen wir in dieser Zeit in uns aufnehmen. Immer neue Gebiete /eigen sich uns, mit denen vertraut zu werden Notwendigkeit wird und wenn wir heute diese ganze Summe von Fragen und Aufgaben vor uns sehen, soviel großer, als wir sie uns jemals träumen ließen, so scheint dies alles kaum möglich zu überwältigen. Da heißt es vor allem sich klar machen: Was tut not? So will ich versuchen, soweit mir das hier im Felde möglich ist, die Hauptpunkte kritisch zu besprechen. (iehen wir von einer der Grundlagen unseres Bundes, aus: der Bundesbruderlichkeit. Kurz vor dem Kriege wurde sie hier dem Begriff der Freundschaft gegenübergestellt. Dauernd ist die Diskussion rege geblieben und hat teilweise zu Meinungsverschiedenheiten geführt, die mir ganz unverständlich erscheinen. So schrieb mir kürzlich einer der älteren Bundesbrüder: „Bundesbrüderlichkeit und Freundschaft sind ganz nebeneinander herlaufende Dinge." Ich schrieb ihm zurück: „Wo die Grenze finden? Wer kann hindern, daß Bundesbrüder Freunde im tiefsten Sinne des Wortes werden, und ist dies nicht gerade der Triumph der Bundesbrüderlichkeit?" „Ja", wird mir da gesagt „wir erleben so das übermäßige Betonen des Seelischen und anstatt eine Organisation von robusten jungen Juden zu bilden, schaffen wir ein Kränzchen von schönen Seelen." Wer, der unseren Bund kennt, glaubt daran? Aber dies ist zweifellos richtig, wenn die Tendenz zur „schönen Seele" auf die Dauer ausschließlich bestände, die Folgen gar nicht abzusehen wären. Uns Kaufleuten würde das Aesthetengesicht noch viel schlechter stehen als irgend jemand anderen. Sind doch die Gefahren für unser wirtschaftliches Fortkommen durch das Leben in einer so engen (iemeinschaft schon groß genug. Wu müssen uns endlich einmal darüber klar werden. Es wäre in der Tat ein leichtes /u beweisen, daß unsere Zeit und unsere Gedanken in einer Weise vom Club in Anspruch genommen sind, die einer ganz intensiven geschäftlichen Tätigkeit durchaus nicht günstig ist. Sehen wir uns einmal in dieser Beziehung im Herzl-Bund um, so müssen wir leider feststellen, daß es nur gan/ wenige sind, die heute wirtschaftlich wirklich etwas geworden sind. Man kann sie an den Fingern einer Hand aufzahlen. Ja, sollen wir uns sagen lassen, daß der Assimilant, der „Konfektionsjude" uns hier über ist? Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Das ist eine außerordentlich ernste Frage, die gar nicht scharf genug betont werden kann, ganz besonders, wenn wir an die aus dem Felde Zurückkehrenden